NSA-Spionage Den ganzen Tag Gelaber

Kein schöner Job, die gesamte Kommunikation des Regierungsviertels in einem fensterlosen Kabuff anhören zu müssen. Höchste Zeit also, endlich Mitgefühl mit unseren amerikanischen Freunden zu zeigen. Es könnte der Beginn einer ganz neuen Partnerschaft sein. Sie beginnt mit diesem Brief.
US-Botschaft in Berlin: Haben Sie da oben wenigstens eine Toilette?

US-Botschaft in Berlin: Haben Sie da oben wenigstens eine Toilette?

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ REUTERS

Mein lieber Abhörer,

Terror! Schmutzige Bombe! Schmutzige Wäsche! Angela Merkel! Atom! Bin Laden! Regierungsgeheimnis! Swift! BAC! PIN! Prism! NSA! Na, wach geworden? Diese Schlüsselwörter mal gleich als Einstieg, damit ich Ihre Aufmerksamkeit bekomme. Denn ich mache mir da nichts vor: Meine persönliche Kommunikation ist für Sie wahrscheinlich völlig uninteressant, ich bin nur ein kleines Licht hier im Berliner Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE, und was ich so in meinen Rechner tippe und in mein Mobiltelefon spreche, das ist für Sie wohl nur von untergeordnetem Interesse. Aber was heißt schon: untergeordnet? Es könnte ja durchaus sein, dass die US-Regierung beispielsweise unbedingt und noch bevor mein Text darüber erschienen ist, wissen muss, ob es sich lohnt, den neuen Film von Helge Schneider zu sehen, damit Ihr Präsident schon weit im Voraus Premierenkarten bestellen kann, oder auch nicht, je nachdem.

NSA? Langweilig!

Man darf ja nichts ausschließen heutzutage. Denn Sie hocken da in Sichtweite von mir in einem fensterlosen Büro unter dem Dach der US-Botschaft in Berlin am Pariser Platz, schräg gegenüber von unserer Büroetage, und schneiden den lieben langen Tag alles mit, was hier im Regierungsviertel geredet und getippt wird, wie man jetzt im SPIEGEL lesen kann. "Full take" nennt man das wohl: jede SMS, jeden Datenschnipsel, der übers W-Lan geht, jeden Anruf, ob abgehend oder eingehend. Und da dachte ich mir, vielleicht ist es besser, wenn wir mal direkt miteinander Kontakt aufnehmen. Ganz im Sinne der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Zunächst muss ich Ihnen sagen, dass ich Sie nicht beneide. Das muss ja schrecklich heiß gewesen sein in diesem Sommer bei Ihnen unter dem Dach. Stickig. Ulrich Mühes geräumiger Dachboden in "Das Leben der Anderen" war wohl eine Luxusunterkunft im Vergleich zu Ihrem Arbeitsplatz. Wir dürfen hier wenigstens lüften (also bis auf den Tag, als Ihr Präsident zu Besuch kam, da wollten wir die Scharfschützen bei Ihnen auf dem Dach doch lieber nicht unnötig mit einem geöffneten Fenster irritieren). Aber Sie haben ja nicht einmal Fenster! Und dazu kommt: Sie haben nicht nur das Gerede aus all den Telefonen im Ohr, sondern auch noch das Geschrei der Touristen von unten, wenn sie johlend auf den verfluchten Fun-Bikes ihre Runden drehen - das dringt bestimmt durch ihre speziellen signaldurchlässigen Mauerattrappen. Nein, das ist kein schöner Job, den Sie da haben. Ich glaube, Sie sind sogar ein noch kleineres Licht als ich. Ich hoffe, Sie haben wenigstens eine Toilette da oben. Ich fühle mit Ihnen!

Und wir kleinen Angestellten müssen doch zusammenhalten. Darum hätte ich da einen Vorschlag: Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Investigativ-Kollegen hier in der Redaktion nicht mehr so intensiv über Ihre Arbeit berichten. Ich weiß zwar noch nicht genau wie, aber mir wird schon etwas einfallen. Auf Konferenzen könnte ich zum Beispiel immer "Langweilig!" rufen, wenn jemand "NSA" sagt, das wirkt vielleicht. Ich kann jetzt nichts versprechen, Sie müssen mir da einfach vertrauen! Und um Vertrauen geht es doch, gerade jetzt.

Bitte schicken Sie die Kita-Nummern

Im Gegenzug würde ich Sie aber auch um den einen oder anderen kleinen Gefallen bitten. Zunächst: Ich habe vor kurzem versehentlich eine Mail gelöscht, da waren alle Telefonnummern der Freunde meines Sohnes aus der Kita-Gruppe drin. Sie haben die ja sicher noch. Dann noch etwas: Hier ruft immer so eine nette Frau von einer Lebensversicherung an, ich soll da was abschließen. Wie Sie ja aus meinen Bankdaten wissen, kann ich mir das aber nicht leisten - gleichzeitig ist die Frau aber so nett, dass ich ihr immer nur sage, sie soll nächste Woche noch mal anrufen. Sehr peinlich. Ob Sie vielleicht nächstes Mal rangehen könnten? Überhaupt könnten Sie doch gleich die Telefonate in meiner Abwesenheit annehmen, das wäre viel persönlicher als so ein Anrufbeantworter. Und Sie wären gleich noch viel besser über meine Arbeit informiert. Eines noch: Sie haben doch Zugriff auf unsere Gehaltsabrechnungen und das Überweisungssystem. Könnten Sie bei mir da eine Null hinten an den Betrag dranhängen? Oder zwei? Das wäre echt nett.

Und wer weiß, vielleicht sehen wir uns mal zufällig. Vielleicht sind Sie einer von denen, die in der Schlange bei Starbucks vor mir stehen. Ich weiß genau, wie Sie aussehen: Sie sind sehr blass, weil Sie selten die Sonne sehen. Und Sie haben so ein irres Flackern in den Augen, das kommt von dem ganzen Gelaber, das Sie sich den ganzen Tag anhören müssen. Außerdem sehen Sie ständig aus, als müssten Sie dringend auf die Toilette, verkrampft und gehetzt. Irgendwie bedauernswert. Keine Sorge: Wenn ich Sie sehe, zwinkere ich Ihnen nur mal kurz zu. Aber ich verrate Sie nicht.

Wir sind doch Freunde.

Herzlich,
Stefan Kuzmany

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