Britische Dschungelshow Wenn der Punk mit dem Pin-up...

Anarchie im Dschungelcamp: In Großbritannien läuft die Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" bereits zum dritten Mal an. Zum Entsetzen alteingesessener Popkritiker lässt sich diesmal auch Punk-Ikone John Lydon, ehemals Chef der Sex Pistols, internieren - ausgerechnet zusammen mit dem Erotik-Model Katie Price.


Punk-Idol Lydon: Anarchie im Dschungelcamp
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Punk-Idol Lydon: Anarchie im Dschungelcamp

London - Einmal Punk, immer Punk. Es sieht ganz so aus, als ob John Lydon, früher als Johnny Rotten bekannt, wieder einmal alle erfolgreich vor den Kopf gestoßen hat. Zum Entsetzen der inzwischen in die Jahre gekommenen Punk-Fans der allerersten Stunde macht der einstige Frontmann der Sex Pistols am 26. Januar bei der britischen Version der Dschungel-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ("I'm a celebrity ... Get Me Out of Here!") mit. An seiner Seite: Ein Oben-ohne-Model und ein verurteilter Betrüger - alles Leute, die im Vereinigten Königreich spöttisch als "C-Celebrities" bezeichnet werden.

"Ich bin baff", erklärte der Journalist Tony Wilson, der Lydon persönlich kennt, zu der Ankündigung des Privatsenders ITV. Die dritte Staffel der in Großbritannien trotz aller Medienkritik überaus beliebten Reality-Show startet am 26. Januar in jenem australischen Dschungelcamp, wo die deutsche Show mit Daniel Küblböck & Co. soeben beendet wurde.

Nicht nur Wilson ist über die Teilnahme des 47-jährigen Ur-Punks schockiert. Die Punk-Correctness sieht die Teilnahme an einer Gaffer-Show für Fernsehsessel-Benutzer offenbar nicht vor. Lee Randall schrieb im "Scotsman": "Die Ankündigung hat mich schlagartig altern lassen. Wenn es so weit mit dem 'Prince of Punk' gekommen ist, dann hat uns alle am Ende die Mittelmäßigkeit eingeholt." Wilson klammert sich indes an sein Vertrauen in die Integrität des Musikers: "Ich bin sicher, er macht es aus den richtigen Gründen."

"Whatever happened to Punk Rock, maaaaan?"

Charles Shaar Murray, einer der renommiertesten britischen Pop-Schreiber und Rock-Kritiker des "Guardian", kleidete seine Fassungslosigkeit in eine Frage: "Whatever happened to Punk Rock, maaaaan?"

Das nahezu unstillbare Verlangen der britischen Öffentlichkeit für Prominenten-Klatsch - wie wenig prominent die Person auch sein mag - hat den Reality-Shows im Königreich ein Millionenpublikum beschert. Es gibt inzwischen Spielarten wie "Celebrity Big Brother" und "Drop the Celebrity", in der ein B-Promi (mit Fallschirm) aus einem fliegenden Flugzeug geworfen wird. Die "I'm a Celebrity"-Dschungel-Show zog bisher bis zu 14 Millionen Zuschauer vor den Fernseher. Die Zutaten wie Maden, Spinnen und Schlangen sind dieselben wie bei RTL, das Verfahren mit Ekelprüfungen und Zuschauer-Voting ist ebenfalls gleich.

Glamour-Model Price: Nacktes Sonnenbad versprochen
DPA

Glamour-Model Price: Nacktes Sonnenbad versprochen

John Lydon geht nun in wenigen Tagen mit einer illustren Schar ins Camp: Das vollbusige Glamour-Model Katie Price, Spitzname "Jordan", kündigte zur Freude der britischen Boulevard-Presse bereits an, sich auf jeden Fall nackt zu sonnen. Mit dabei ist auch die ehemalige 400-Meter-Läuferin Diane Modahl, das One-Hit-Wonder Peter Andre ("Flava"), der 1996 wegen Versicherungsbetrugs inhaftierte Lord Brocket, die BBC-Klatschreporterin Jennie Bond, der frühere DJ Mike Read, Ex-Fußballstar Neil Ruddock, die Ehefrau des Ex-Fußballidols George Best sowie Kerry McFadden, früher Mitglied der Girlgroup Atomic Kitten.

Die Produzentin der Show, Natalka Znak, nennt dies "das bisher unberechenbarste Team".

Wilde Spekulationen gibt es in den britischen Medien über die Honorare, die die Dschungelstars für sich ausgehandelt haben. Die quotenträchtige Katie Price soll bis zu 100.000 Pfund (rund 145.000 Euro) für ihre Teilnahme bekommen. Punkrocker Lydon, dem der monetäre Aspekt eher egal sein dürfte, macht sich indes mehr Sorgen über sein Image als harter Brocken: "Ich könnte auf die Schnauze fallen", sagte er dem Londoner "Evening Standard". "Es ist Mainstream-Dreck, aber es ist auch eine ernste Herausforderung."

Lydons Karriere begann 1975 mit den Sex Pistols, die mit Hymnen wie "Anarchy In The U.K." als Vorreiter einer neuen Jugendbewegung gefeiert wurden. Die Pistols-Version der Nationalhymne ("God save the queen, the fascist regime") erschütterte kurzzeitig die Grundfesten der britischen Gesellschaft. 1978 brach die von dem trendbewussten Punk-Erfinder Malcolm McLaren geformte Band während einer US-Tournee auseinander, beim letzten Auftritt fragte Lydon das Publikum, ob es sich jemals betrogen gefühlt habe.

In den achtziger Jahren gründete Lydon die von Kritikern hoch gelobte Band Public Image Limited, kurz PIL. 1996 gab es eine Sex-Pistols-Reunion für die "Filthy Lucre Tour" - Original-Bassist Glen Matlock ersetzte den 1979 verstorbenen Sid Vicious. "Wir haben einen gemeinsamen Grund gefunden, und das ist euer Geld", sagte Lydon damals. 2002 gab es zum goldenen Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. eine weitere Reunion.

Bei den Londoner Buchmachern gilt Lydon bereits als Favorit für den Titel "König des Dschungels". Tony Wilson, der auch Musikproduzent ist, erklärte optimistisch: "Er ist einer der größten Rock-Stars aller Zeiten. Wenn ihn dadurch mehr Leute kennen lernen - und wenn ein oder zwei weitere Personen die erste Public-Image-Platte kaufen würden - dann wäre es das alles wert gewesen."

Jill Lawless, AP



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