Britische Humor-Nachhilfe Du bist lustig

Die Deutschen sind ein Volk von paranoiden Schizophrenikern, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich lieben oder hassen sollen. Meint wenigstens Roger Boyes, Deutschlandkorrespondent der Londoner "Times". Mit seinem Buch "My dear Krauts" hat er eine Auflockerungs-Mission für eine verwirrende Nation gestartet.


"Mal sind sie überzeugt, komplette Versager zu sein und machen sich über alles in die Hosen, mal sind sie glühende Patrioten die glauben alles besser zu wissen. Es ist absolut verwirrend", sagt der altgediente Journalist, der seine Laufbahn in den siebziger Jahren in Bonn startete und seit 1993, nach Stationen in Osteuropa, dem Balkan und Italien, wieder in Deutschland lebt.

Journalist Boyes: Der Humor in Deutschland ist auf den Hund gekommen
David Crossland

Journalist Boyes: Der Humor in Deutschland ist auf den Hund gekommen

Die WM 2006 war ein typisches Beispiel, meint Boyes, 54. "Vorher hieß es wochenlang: 'Oh Gott, wir kriegen es nicht hin! Der Ticketverkauf funktioniert nicht, die Sicherheit funktioniert nicht! Keiner wird kommen.' Dann kam die WM, alle wurden patriotisch, und auf einmal hieß es, keiner macht es besser".

Boyes bekennt: Ihm ist das gepeinigte Land ans Herz gewachsen ist. Daher hat er beschlossen, Abhilfe zu schaffen - mit einer ironischen Schilderung der Eigenarten teutonischen Lebens anhand diverser Abenteuer, die er im Lauf der Jahre bestanden hat: Wie er zum Beispiel aus einer Speed-Dating-Sitzung flog, weil er mit milder Ironie drei Frauen zum Heulen gebracht hatte. Oder wie er Hitlers ehemaligem Kellner eine Mund-zu-Mund-Beatmung verpassen musste. Oder wie er lernte, wie man beim Berlin-Marathon schummelt. Geht ganz leicht: Man bezahlt einen Studenten fürs Rennen, wartet in einem mobilen Klo kurz vor der Ziellinie auf ihn und läuft erst die letzten 400 Meter selbst.

Doch unter all den Anekdoten über Zusammenstöße mit Bürokraten, Berliner Taxifahrern, Radlern in Spandex-Höschen und Veteranen des Zweiten Weltkriegs findet Boyes auch Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und seinem Heimatland England: "Beide haben eine beschissene Küche."

Aussöhnung mit Humor

"Ich betrachte mich als Entwicklungshelfer für den deutschen Humor. Grundsätzlich brauchen die Deutschen in dieser Hinsicht jede Hilfe, die sie kriegen können. Und ich bin entschlossen, meinen Teil dazu beizutragen", sagt Boyes bei einem Interview zwischen Stapeln vergilbender Zeitungen in der hinfälligen Eleganz seines Berliner Wohnbüros, einer früheren Tanzschule.

"Dabei können sie durchaus lustig sein. Sie lachen gern. Sie sind nur nicht ganz so schlagfertig wie der Rest der Welt. Und sie verstehen nichts von Ironie."

Bei aller Kritik ist "My dear Krauts", das diese Woche in Deutschland erscheint, als Werk der Aussöhnung gedacht. "Ich versuche hier, meinen Frieden mit den Deutschen zu machen, und das, glaube ich, geht mit Humor."

Den deutsch-englischen Beziehungen werde es nicht schaden, "die Deutschen mögen ja, dass man sie verspottet und kritisiert. Das ist das Masochistische an ihrer Mentalität". Hat er konkrete Tipps in Sachen Humor? "Sie sollten jeden Tag 10 Minuten vorm Spiegel stehen und rufen: 'Ich bin lustig'. Das könnte helfen. Aber optimistisch bin ich nicht".

Leider sei Humor in Deutschland an bestimmte Ereignisse oder Termine gebunden – an Comedy-Shows im Fernsehen oder die Woche Karneval am Rhein, sagt Boyes. "Humor hier ist ghettoisiert. Eingezäunt. Warum kann er nicht jeden Teil des Lebens durchdringen?"

Das klingt, als würde er sein heimatliches England vermissen; dabei wird er selber zunehmend deutsch, wie er gesteht: "Ich merke, dass ich deutscher geworden bin, wenn ich nach England komme und nichts funktioniert. Ich bin in London mit dem Stansted Airport Express gefahren, der ist sauteuer und verdreckt. Ein japanischer Reisegast wollte sich hinsetzen, und der Sitz brach zusammen. Alle lachten. Ich dachte: Herzlich willkommen in Großbritannien. Kaputte Sitze, gepfefferte Preise, ausgelachte Ausländer, und das alles in knapp 10 Minuten nach der Ankunft".

Öde Wortgefechte, aufgeblasene TV-Programme

Abgesehen von den sauberen Zügen, mag Boyes an den Deutschen, dass sie Freundschaft ernster nehmen und besser pflegen als es die Briten tun. Auch fühlt er sich hier sicherer. "Als ich eingezogen bin, sagte mir meine Nachbarin, dass bei ihr 1964 eingebrochen worden ist. Sie hatte dabei so einen besorgten Ton!"

Was ihn aber stört, ist, wie jegliche öffentliche Debatte durch ein kollektives Bedürfnis nach Konsens abgewürgt wird, meint Boyes. Ihm gehen die endlosen TV-Talk-Shows auf die Nerven, die sich meist um belanglose Veränderungen im spendablen Sozialsystem drehen. Solche langweiligen Shows scheinen hierzulande die Meinungsbildung zu bestimmen, sagt Boyes.

Und dann ist da die negative Energie, die das Land ausstrahlt. "Alle Türken haben Deutschland bei der WM begeistert angefeuert, das hätte der Integrationsdiskussion doch einen positiven neuen Schub geben können. Gab es diese Diskussion? Nein. Stattdessen führen sie seit ein paar Monaten lieber ihre alte Angstdebatte darüber weiter, wie problematisch Einwanderung ist."

Da leben, wo das Bier billiger ist

Und was ist mit der Kritik, dass ausländische Journalisten wie er sich nur auf Geschichten aus der Nazizeit stürzten und dabei ignorierten, was wirklich in Deutschland geschieht?

"Es stimmt, dass die Briten unterbelichtet sind, was Deutschland angeht, und dass nur Nazigeschichten die Londoner Zeitungsmacher aufhorchen lassen. Doch letztlich sind es die Deutschen, die von Nazigeschichten besessen sind. DER SPIEGEL wird wissen, wie sehr seine Auflage jedes Mal steigt, wenn er Hitler auf dem Titel hat. "Bild" bringt ganze Serien über Görings Köche oder Hitlers Kugelschreiber. Es ist ein deutsches Problem, und wir greifen es auf und reflektieren es. Doch das Problem fängt mit Deutschland an, nicht mit England. Außerdem finde ich es nicht verkehrt, von der Nazizeit fasziniert zu sein. Es war eine einmalige, böse Zeit, und nach meiner Meinung ist es keinesfalls ungesund, über die Wurzeln des Bösen nachzudenken".

Boyes ahnt, dass es länger dauern könnte, bis seine Humor-Kampagne Wirkung zeigt. Aber er kann warten. "Ich bin in beiden Ländern Außenseiter, und wenn ich schon als Außenseiter leben muss, dann wenigstens da, wo das Bier billiger ist".


Roger Boyes: "My dear Krauts." Ullstein Verlag, Berlin; 285 Seiten, 9 Euro.



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