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Buch "Mein Name ist Eugen": Die Zwangseugenisierten

Foto: Eugen Litwinow

Aussiedler in Deutschland Du heißt jetzt übrigens Eugen

Der Fotograf Eugen Litwinow hieß früher Jewgenij. Wie viele Spätaussiedler deutschte er seinen Namen ein. Für sein Buch "Mein Name ist Eugen" hat er 13 seiner Namensvettern porträtiert. Im Interview erzählt er, was es bedeutet, diesen Namen zu tragen.

Als Anfang der neunziger Jahre Millionen Spätaussiedler nach Deutschland zogen, rieten deutsche Beamte den Eltern, die Namen der Kinder radikal einzudeutschen. In deutschen Amtsstuben wurde so tausendfach aus Wladimir Waldemar, aus Ljubow Luise und aus Jewgenij Eugen.

Dem Berliner Fotografen Eugen Litwinow ist es ebenso ergangen. Geboren 1987 als Jewgenij im heutigen Kasachstan zog er 1993 mit seiner Familie nach Deutschland und wurde zu Eugen. Seine Fotoserie "Mein Name ist Eugen" porträtiert eine Generation junger Männer mit russischen Wurzeln und einem seltsamen deutschen Namen. Das Projekt soll als Buch erscheinen, Litwinow will es über Crowdfunding finanzieren .

SPIEGEL ONLINE: Schon mal jemanden getroffen, der als Eugen geboren wurde?

Litwinow: Keinen einzigen in meiner Generation. Sagt jemand "mein Name ist Eugen", dann weiß ich Bescheid. Jeder Eugen, den ich kennengelernt habe, hat einen russischen Hintergrund. Als ich zu studieren begann, mussten alle Studenten sich beim Professor vorstellen. Zu mir sagte er, Eugen sei aber ein seltener Name, der sei ihm seit mindestens zehn Jahren nicht mehr untergekommen. Ich habe laut lachen müssen. Denn in der Schlange zur Sprechstunde bei dem Professor stand damals gleich hinter mir noch ein Eugen, geboren als Jewgenij in Poltawa in der Ukraine.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man vom Jewgenij zum Eugen?

Litwinow: Ich war sechs Jahre alt, als wir im Januar 1993 nach Deutschland zogen. Ich habe das Formular über die Namensänderung aufbewahrt. Juli 1993 steht darauf, das war kurz nach meiner Einschulung. Es gibt ein Foto von meinem ersten Schultag, die Namen der Erstklässler wurden auf einen Ballon geschrieben. Auf dem Foto sieht man: Da bin ich noch Jewgenij, aber wenig später bin ich schon Eugen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso wurde der Name geändert?

Litwinow: Wir brauchten sowieso neue Urkunden. Alle Namen mussten aus dem Kyrillischen in lateinische Buchstaben übersetzt werden. Man war also ohnehin beim Standesamt. Ich kann mich selbst nicht daran erinnern, aber meine Eltern haben mir davon erzählt. Ihnen wurde von den Beamten gesagt, sie sollten die Namen ihrer Kinder eindeutschen lassen. "Jewgenij kennt man hier nicht", hieß es. Und der Name meines Bruders Iwan klinge barbarisch. Man assoziiere das immer gleich mit Iwan dem Schrecklichen. So wurde ich Eugen und mein Bruder Johannes.

SPIEGEL ONLINE: Versteht man als Kind, was da mit dem eigenen Namen passiert?

Litwinow: Ja und nein. Ich konnte zwar kein Deutsch, als wir nach Deutschland kamen. Man hat als Kind aber so ein Gefühl für Akustik, und wenn ich die Leute habe Deutsch reden hören und dann den Namen Jewgenij, habe ich gedacht: Das klingt nicht, das ist ein Bruch. Eugen klang viel harmonischer.

SPIEGEL ONLINE: Eugen ist aber - vorsichtig formuliert - ein eher seltener Name in Deutschland.

Litwinow: Klar. Ich hab das für mein Buchprojekt recherchiert: Eugen lag in den achtziger Jahren bei den beliebtesten Namen irgendwo auf Platz 690, direkt hinter Elvis.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr Buch haben Sie 13 Eugens interviewt. Mögen die ihren Namen?

Litwinow: "Eugen, das klingt doch schwul", hat einer gesagt. Aber ich denke, die meisten haben sich arrangiert. Viele werden von ihren Familien weiter Schenja genannt, das ist die Kurzform von Jewgenij. Ein Eugen aus meinem Buch war kein Kind mehr, als er nach Deutschland kam. Er hat schon studiert und die Namensänderung komplett eigenständig durchgezogen. Er wollte einen deutschen Namen. Da ging es auch darum, dass man mit einem fremd klingenden Namen bei Prüfungen Nachteile haben kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Idee zu dem Projekt "Mein Name ist Eugen" entstanden?

Litwinow: Mir klang immer ein Satz meines Vaters in den Ohren. Er hat gesagt, dass ich mich damals mit der Namensänderung stark verändert habe. Das hat mich interessiert: Ist Eugen ein anderer Mensch, als Jewgenij es gewesen wäre? Ich bin dann nach Russland gefahren, zu Tante und Cousine, die hatte ich 17 Jahre nicht gesehen. Ich wollte die richtigen Fragen finden für meine Interviews.

SPIEGEL ONLINE: Wie denken die Eltern heute über ihre damalige Entscheidung?

Litwinow: Sie bereuen es ein wenig. Sie haben sich überrumpelt gefühlt damals, sie hatten sich doch bei der Geburt für Jewgenij als Namen entschieden. Bekannte meiner Eltern haben sich über diesen sehr deutschen Namen gewundert. Eugen - da erwartet man ja einen alten Opa aus Shakespeares Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren Deutsche ohne russischen Hintergrund?

Litwinow: Als Eugen denkt man immer, dass dieser Name einen verrät. Aber wenn ich deutschen Freunden gegenüber dieses Fass aufmache, dann sind sie extrem überrascht. Von denen kommt keiner auf die Idee, dass dieser etwas seltsame Name etwas mit Russland zu tun hat.

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