Margarete Stokowski

Bücher vermarkten Bei Astrid Lindgren sah es so einfach aus

Ein Buch zu schreiben ist gar nicht so schlimm. Ein Buch zu verkaufen aber fühlt sich an, als wäre man ein Marathonläufer, der ins Ziel läuft und dem dann jemand sagt: "Häkeln Sie einen Topflappen!"
Lindgren-Heldin Pippi Langstrumpf

Lindgren-Heldin Pippi Langstrumpf

Foto: epa Pressensbild Delden/ picture-alliance/ dpa

Als ich ein Kind war, habe ich mir den Beruf der Autorin so vorgestellt, dass man irgendwie so ist wie Astrid Lindgren, wobei sich allerdings in meinem Gehirn die Synapsen für "Astrid Lindgren" und "Pippi Langstrumpf" so verbanden, dass ich mir Bücher schreiben im Großen und Ganzen so vorstellte, dass man ein großes Haus, ein Äffchen und ein Pferd hat, ab und zu einen Tee trinkt und auf der Terrasse sitzt und mit den Beinen rumbaumelt, und dabei kommt irgendwie ein Buch zustande.

Wie genau es zustande kommt, könnte ich immer noch nicht sagen. Man kommt ohne Äffchen und Pferd klar, so viel weiß ich jetzt, und der Rest ist wahrscheinlich individuell. In meinem Mailprogramm findet sich eine Mail, geschrieben einen Monat vor meinem theoretischen Abgabetermin, wo ich geschrieben habe: "Alter wie anstrengend ist bitte Buchschreiben, ich sterbe." Und eine befreundete Autorin antwortete: "Schreiben ist pillepalle. Das Ding verkaufen ist Horror".

Horror würd ich nicht sagen, aber was ist das für ein Job? Ausgerechnet in dem Moment, wo man genau das geschafft hat, woran man jahrelang gearbeitet hat und sich oder wem auch immer bewiesen hat, dass es offenbar geht, fängt man an, Dinge zu tun, die man nicht kann und die man per Berufswahl glaubte auf ewig umgangen zu haben, mit guten Gründen. Reden, Schminke, mit Barbies spielen.

"Was ist denn Ihr Plan mit Ihren Haaren?"

Für mein erstes Fernsehinterview zum Buch hab ich eine Meerjungfrau-Barbie geschenkt bekommen, sie war eine Requisite und hat lila Haare und das Interview war lustig und die Leute alle nett, aber seitdem laufe ich mit einem Ohrwurm rum von einem Satz aus "Alice in Wonderland": "We're all mad here". Es ist ein Satz, den die Grinsekatze zu Alice sagt, als Alice sagt, sie möchte nicht unter Verrückte kommen. "Oh, das kannst du wohl kaum verhindern", sagt die Grinsekatze. "Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt." "Woher willst du wissen, dass ich verrückt bin?", fragt Alice. "Wenn du es nicht wärest", stellte die Grinsekatze fest, "dann wärest du nicht hier."

Es stimmt ja auch, es ist verrückt. Es gibt so viele Bücher und man könnte einfach die lesen, die schon da sind, statt neue zu schreiben. Immer diese Gier. Zur Strafe für die Gier muss man das Buch verkaufen, oder ist das auch noch die Gier? Vor dem dritten Fernsehinterview hab ich geträumt, ich vergesse einfach den Termin und fahre nicht nach Köln und sie ersetzen mich in der Sendung durch eine Bauarbeiterin in Jeansjacke, die die ganze Zeit breitbeinig dasitzt und dreckige Witze macht.

Als ich dann doch hingefahren bin, versuchte ich im Zug nochmal mein Buch zu lesen, um mich zu erinnern, was ich geschrieben habe. Bin eingeschlafen dabei. Mittelgute Werbung. Kurz nach dem Aufwachen fragte die Frau in der Maske: "Was ist denn Ihr Plan mit Ihren Haaren?" Hatte keinen Plan. Weiß jetzt, wie ich mit Flechtfrisur aussehe.

Buchverkaufen fühlt sich an, als wär man ein Marathonläufer, der ins Ziel läuft und dem dann jemand sagt: "Häkeln Sie einen Topflappen!", und es kann sein, dass er das kann, aber kann auch sein, dass nicht.

Margarete Stokowski
Foto: Rosanna Graf

S.P.O.N. - Oben und unten: Alle KolumnenMargarete Stokowski, Jahrgang 1986, ist in Polen geboren und in Berlin aufgewachsen. Sie hat Philosophie und Sozialwissenschaften studiert und arbeitet seit 2009 als freie Autorin für "taz", "Missy Magazine", "L-Mag", "Zeit Online", "Das Magazin" und andere. Von 2012 bis 2015 schrieb sie die feministische Kolumne "Luft und Liebe" in der "taz". Im Herbst 2016 erschien ihr Buch "Untenrum frei" über sexuelle Freiheit im Rowohlt Verlag.Margarete Stokowski auf Twitter 

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