Bully-Musical "Wollt ihr den kurzen oder den langen Tod?"

Schau, schau - Schoschonen! Und jetzt auch noch auf der Musicalbühne. In Berlin feiert die Adaption des "Schuhs des Manitu" Premiere. So mancher Kalauer verweigert sich dort beständig dem Einzug in die ewigen Jagdgründe.

Von Antje Harders


Das Berliner Theater des Westens wird in nächster Zeit zum Theater des Westerns. Dort nämlich wird in der nächsten Zeit ein Wildwestspektakel präsentiert, das bereits unglaubliche Erfolge feierte - auf der Leinwand. Nun ist "Der Schuh des Manitu" als Musical zu sehen.

Schlung, Bully, Michelle Splietelhof alias Uschi und Mark Seibert alias Ranger: Selbstironie und Ouzo
DDP

Schlung, Bully, Michelle Splietelhof alias Uschi und Mark Seibert alias Ranger: Selbstironie und Ouzo

"Man sollte keine Kopie des Films erwarten", hatte Michael "Bully" Herbig vorab gewarnt. Wer am Original "Der Schuh des Manitu" hänge, solle doch besser zu Hause die DVD angucken. Das klingt logisch. Dieselben Witze erzählt man eigentlich nicht zweimal. Umso gewagter ist das neue Werk des Musical-Produzenten Stage Entertainment: Erstmals brachte die Hamburger Firma einen deutschen Kinohit auf die Musicalbühne - als selbstironische Musical-Parodie.

Statt Herbig schlüpft Komiker Mathias Schlung ("Die Dreisten Drei") ins Apatschen-Kostüm, um mit seinem Blutsbruder Ranger die wütenden Schoschonen zu beruhigen. Die Fassung muss ohne die bekannten Film-Gesichter auskommen. Herbig ist noch mit seiner Komödie "Wicki und die starken Männer" beschäftigt.

Dafür gibt es die Schlüsseldialoge aus dem Film und 25 Songs aus der Feder des Hamburger Duos Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth: Broadway-Ensemble-Nummern, romantische Balladen, epische Western-Soundtracks.

Der "Schuh", der am Sonntagabend Premiere feiert und der Presse schon einmal vorab präsentiert wurde, ist ein swingendes Gute-Laune-Musical, das erwartungsgemäß kaum einen Kalauer auslässt." Ich trinke Ouzo und was machst du so?" singt etwa der Grieche Dimitri. Und Ganove Santa Maria führt sein skurriles "Super Perforator"-Tänzchen auf, auch wenn das nicht so cool wirkt wie im Film. Schließlich geht es um den Wiedererkennungseffekt.

Uschi sucht den Jodel-Star

Erstaunlich gut gelingt es Schlung sogar, Bullys Mimik zu imitieren. Der Rest allerdings ist mehr als eine Ausbreitung Herbig'schen Humors. Die Schlüsselszenen sind meist gnadenlos überspitzt. "Moment, Moment! Ich hab' erst noch meinen Song", ruft der angeschossene Häuptlingssohn. Prompt kommt ein Mikro von der Decke herunter und der Sterbende besingt pathetisch sein eigenes Schicksal. Dann fragt er das Publikum: "Wollt ihr den kurzen oder den langen Tod?"

Keine Frage, Wohlgemuth und Lingnau nehmen die Theatralik des emotionsgeladenen Musiktheaters aufs Korn. "Wir haben den Anspruch, die Geschichte reicher zu machen", sagt Autor John von Düffel, der das Buch des Musicals schrieb.

Hombre, sonst nur Handlanger des Ganoven-Chefs Santa Maria, bekommt eine eigene Geschichte. Viele zusätzliche Gags erlaubt sich das Musical, nicht alle sind lustig: Ein sächselnder Polizist blitzt in der Wüste zu schnelle Reiter; Everybody's Darling Uschi sucht den "Jodel-Star" und der große verstorbene Indianer-Opa Grauer Star darf kurzzeitig als alberner Elvis-Verschnitt wieder auferstehen.

"Das seltene Produkt des deutschen Humors"

Spätestens als sich knapp bekleidete Western-Ladies mit Peitschen-Schwänzen ins Geschehen mischen, hat die Fassung Züge einer Travestie angenommen. Erstaunlich, dass diese Spielwiese sogar einen profilierten Literaten wie von Düffel anzieht, um sich auszuprobieren. Der Poetik-Professor, Dramaturg am Hamburger Thalia-Theater und Autor mehrerer Romane gibt sich begeistert.

"Der Film präsentierte Deutschland von einer ganz anderen Seite", sagt er, "mit dem seltenen Produkt des deutschen Humors." Feiner, klüger und spielerischer sei Herbigs Humor als etwa der Mario Barths und eben geeignet fürs Szenische. Die Volkstümlichkeit ist für von Düffel kein Problem: "Theaterkunst bedient sich häufig bei Stoffen, die es schon gibt und die Menschen bewegen. Auch Shakespeare hat sich die Figur Hamlet ja nicht ausgedacht. Es gab Fabeln und Quellen, die er bearbeitet hat."

Rund zwölf Millionen Besucher lockte das Original ins Kino und wurde mit 65 Millionen Euro Umsatz der erfolgreichste deutsche Film seit 1945. Bully steht seit diesem Sommer als Wachsfigur im Berliner Madame Tussauds. Seinen Humor sieht er gut adaptiert. Ein Musical auf die Bühne zu bringen, sei immer schon ein "Herzenswunsch" gewesen.

Die Proben besuchte er allerdings nur selten. Ob man nun auch mit weiteren deutschen Filmadaptionen wie "Lissy und der wilde Kaiser" oder "Traumschiff Surprise - Periode 1" rechnen muss, steht offen. Die Musicalwelt, so scheint es, verliert immer mehr ihre Grenzen. Schon 2004 kam in Berlin das satirische Musical "Pinkelstadt" auf die Bühne - über das Recht auf freies Pinkeln.



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