Restitution Finanzministerium verweigert Rückgabe von Gemälden

Das Bundesfinanzministerium weigert sich, zwei Gemälde an jüdische Erbberechtigte zurückzugeben. Offenbar wird eine Welle neuer Ansprüche befürchtet.

Dresden war ein lohnendes Motiv für den venezianischen Barock-Maler Bernardo Bellotto. Mit feinem Strich porträtierte der Künstler, besser bekannt unter dem Namen Canaletto, Mitte des 18. Jahrhunderts die Prunkbauten der sächsischen Residenzstadt. Sein 50 mal 80 Zentimeter großes Bild "Zwingergraben" schmückte bereits den Speisesaal des Bundespräsidenten. Seit Ende 2011 hängt es im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Es ist ein Bild mit Geschichte, wenn auch einer für die Bundesrepublik wenig rühmlichen.

Jener Canaletto ist eines der Werke im Staatsbesitz, die aus fragwürdigen Quellen kommen - Gemälde, die Kunstaufkäufer der Nazis in den dreißiger Jahren Juden vor der Emigration oder im Exil abgepresst hatten. Doch während die Bundesregierung nach dem spektakulären Kunstfund der Sammlung Gurlitt in München rückhaltlose Aufklärung versprach, ist sie offenbar bei eigenen Beständen weniger auf Transparenz bedacht.

Das zuständige Finanzministerium weigert sich in mehreren Fällen, rechtmäßigen Erbberechtigten Bilder zurückzugeben. Zu groß scheint die Angst zu sein, eine neue Entschädigungswelle loszutreten. Denn es dürften wohl mehr als hundert Kunstwerke aus jüdischem Besitz betroffen sein, die der Bund vom NS-Regime erbte. So lautet jedenfalls die Schätzung von Kunsthistorikern. Anwälte der Erbberechtigten sprechen von bis zu 1000 Werken, deren Herkunft nicht lückenlos geklärt ist.

Kompromisslose Haltung des Finanzministeriums

Wie kompromisslos die Haltung des Finanzministeriums ist, erlebt seit Jahren Mel Urbach. Der New Yorker Anwalt vertritt gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Markus Stötzel die Nachfahren des jüdischen Kunstsammlers Max Emden, die den "Zwingergraben" und ein weiteres Canaletto-Gemälde vom Bund zurückfordern. Max Emden, dem auch Werke holländischer Altmeister und französischer Impressionisten gehörten, emigrierte bereits vor 1933 und siedelte in den Schweizer Kanton Tessin über.

Sein Firmenimperium in Deutschland musste er später unter Zwang verkaufen, Wertpapierdepots ließen die Nazis sperren. Folglich lebte der jüdische Emigrant in der Schweiz überwiegend vom Verkauf seiner Gemälde, die er rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Nachdem Emden drei Canalettos 1938 über Kunsthändler in München und London angeboten hatte, erwarb sie Hitlers Aufkäufer Karl Haberstock. Die barocken Stadtansichten von Wien und Dresden sowie ein weiteres Gemälde des italienischen Malers sollten nach dem "Endsieg" das geplante "Führermuseum" in Linz zieren.

Als Kaufpreis waren 60.000 Schweizer Franken vereinbart, ein Preis, der laut einem Gutachten deutlich unter dem damaligen Marktwert lag. Bis heute ist zudem fraglich, ob Max Emden selbst diese Summe überhaupt erhalten hat. 1940 starb er im Schweizer Exil. Seit 1949 sind die Canalettos im Besitz der Bundesrepublik - und so landete der dekorative "Zwingergraben" im Bonner Dienstsitz des Bundespräsidenten.

Einen Vergleich lehnte der Bund ab

2005 ließ der damalige Amtsinhaber Horst Köhler das Bild allerdings abhängen, nachdem er über die Provenienz aufgeklärt worden war. Das Gemälde wanderte wieder ins Lager und wurde Ende 2011 an das Militärhistorische Museum in Dresden ausgeliehen.

Der zweite Canaletto aus der Emden-Sammlung, "Karlskirche in Wien", lagert seit über 40 Jahren im Magazin des Düsseldorfer Museums Kunstpalast. Die Emden-Erbberechtigten und ihr New Yorker Anwalt fordern die beiden Bilder seit Jahren zurück. Doch das Finanzministerium blieb hart. Ihnen sei durchaus bewusst, dass Max Emden "den vermögensrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen des Regimes ausgesetzt war", schrieben die Beamten an den US-Anwalt am 19. Dezember 2012. Für die "Veräußerung der beiden Gemälde" sei aber die "wirtschaftliche Situation ausschlaggebend" gewesen und nicht eine "nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahme".

Mit dieser Argumentation zielen die Beamten auf den Unterschied zwischen Raubkunst, die Juden im Reich abgepresst wurde, und Fluchtkunst, die NS-Verfolgte im Exil verkauften. Nur bei Bildern der ersten Gruppe ist die Rückgabe unstrittig. Emdens Erbberechtigte schlugen einen Vergleich vor: Der Bund könne einen Canaletto seiner Wahl behalten und ihnen dafür den anderen aushändigen. Die Beamten brauchten zehn Monate für eine Antwort - und lehnten ab. Die Vertreter der Familie wollen nun den Emden-Fall vor die Limbach-Kommission bringen. Bisher hat diese fast immer den Erbberechtigten der NS-Verfolgten recht gegeben. Allerdings kann die Kommission sich nur dann mit dem Fall beschäftigen, wenn auch der Bund zustimmt.

"Die Causa Emden ist entschieden", sagt eine Sprecherin des Finanzministerium. Eine Befassung der Kommission komme nicht in Betracht. "Wir brauchen endlich eine klare gesetzliche Regelung für den Umgang mit Fluchtkunst", fordert der Anwalt der Erbberechtigten Stötzel. Der Fall Emden sei "exemplarisch, so der Anwalt, er belege, dass die "bisherige Restitutionspraxis unzureichend ist und dringend revidiert werden muss".

Sensibler als der Bund reagierte ein privater Kunstfreund auf die unheilvolle Geschichte. 2011 erzielten zwei Porträts aus dem 17. Jahrhundert bei einer Versteigerung in Amsterdam 205.000 Euro. Die Gemälde des niederländischen Malers Isaack Luttichuys waren bis 1940 im Besitz von Max Emden. Der Verkäufer beteiligte die Emden-Erbberechtigten am Verkaufserlös. "In angemessener Höhe", sagt Anwalt Stötzel.

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