Sibylle Berg

Nach der Wahl Hurra, Zeit für einen Neustart

Das Wahlergebnis der AfD ist ein Geschenk, für das sich die restlichen 87 Prozent im Land bedanken sollten. Endlich ist alles so schrecklich, dass man Politik neu erfinden kann.
Besucherschlange vor dem Reichstag

Besucherschlange vor dem Reichstag

Foto: Paul Zinken/ picture alliance / dpa

So. Haben wir es jetzt? Ist wieder gut? Können wir aufhören, über eine Minderheitenpartei, die von Fake-Angstkranken geführt wird, zu reden. Sie erstarrt zu beobachten. Andauernd, täglich: Was brüllen sie denn wieder, welchen Stuss erzählen sie denn wieder, wie laufen sie denn? Alter! Die Partei der unzufriedenen Männer, die Sorte, die denken, nur weil sie einen Penis haben - naja, kind of - könnten sie (Mitte vierzig, mit Plauze) Ulla (18, Langstreckenläuferin und Studentin der Molekularbiologie) flach legen. Ulla hat keinen Bock. Schlampe. Das Leben hat auch keinen Bock, gerecht zu sein.

Kapitalismus ist ein Sauhund, aber hatten sich die meisten nicht dafür entschieden, die letzten Jahre? Volksvertreter (langsam rollen lassen, das Wort, die arbeiten für das Volk) gewählt, deren neoliberale Parolen auf Fahnen über das Land wehten? Und dann haben die Parteien gemacht, was neoliberale Christen eben so machen. Die Wirtschaft. Die Wirtschaft. Die Wirtschaft. Wichtig, diese Wirtschaft. Die den Gesetzen der Optimierung folgt.

Die Menschen haben sich zu Ende optimiert, die Zähne, die Muskeln, die aalglatte Performance und sind dennoch in der Kurzarbeit gelandet. Shit happens. Man hätte sich im Wahlverhalten anders entscheiden können, und - wenn jeder, der kein Geld hat, der krank wird, der seine Kinder alleine durchbringt mit Schichtarbeit, der in einem öden Ort lebt, Nazi werden würde, Prost Mahlzeit. Die kleinen Städte im Osten verlassen und verödet, so wie alle kleinen Städte überall, die Jungen gehen in die Großstadt, die Großstadt ist teuer und platzt, der Rest wird vergessen. Die Politik, die selbstgewählte, gives a fuck about you. Und jetzt mal richtig abstrafen.

Vier Jahre sollten langen, um die Politik zu reparieren

Aber - muss Protest immer mit der Einzäunung von Frauen und dem Klatschen Andershäutiger enden? Muss man darum gegen Abtreibung sein und Menschen mit anderer Hautfarbe als der eigenen jagen? Ist das sinnvoll? Nun hat Deutschland wie die meisten Länder Europas, seine Rechten im Bundestag sitzen und der übliche rechte Murks kann beginnen: jeder kleine Fortschritt in Richtung gerechtere Welt wird von vorne verhandelt .

Kann man machen. Kann man aber auch ignorieren. Ist Stuss.

Und geschenkte Zeit. Vielen Dank. Großartig. Lass die mal machen. Vier Jahre sollten langen, um die Politik zu reparieren. Um sie neu zu erfinden, denn sie ist kaputt. Die 80 Prozent der nichtrassistischen Mitte: Angestellte, Teilzeitsklaven, Wegrationalisierte, leise Leute, die immer den Kopf schiefhalten, wenn sie zuhören, Wissenschaftlerinnen, Alleinerziehende, Hebammen, Krankenschwestern, AltenpflegerInnen, Arbeiter, StudentInnen, denkende Männer im Osten und Westen - liebe Mehrheit, die euch anekelt, dass der Reichtum Weniger immer obszöner wächst, der Einfluss undemokratischer Rechtsnationaler auch - organisiert euch!

Was ein paar frustrierte Männer schaffen, sollte doch für die Mehrheit auch möglich sein. Stürmt eine sozial agierende Partei oder gründet eine Bewegung für die Zukunft. In vier Jahren kann man es weit bringen. Schaut nur da, da wackelt die AfD mit ihren kleinen braunen Aktentaschen in den Bundestag. Daran kann man sich gewöhnen, wie man sich an Merkel gewöhnt hat, wie man sich daran gewöhnt hat, dass alles schon läuft, aber irgendwie immer blöder - es ist doch noch nicht zu spät.

Es ist heute so leicht, die Presse einzuspannen

Die Menschen können sich ihre Ideen von einem minimal gerechteren Leben zurückholen. Die bedeutet: Jeder lässt den anderen in Ruhe, und vielleicht braucht es ein Grundeinkommen. Vielleicht braucht es keine Lobbyisten, eventuell müssen Superreiche mehr Steuern zahlen. Und seltsame Privatisierungen finden einfach nicht mehr statt. Vielleicht müssten Gemeinden autonomer sein und die Bürgerinnen mehr in Entscheidungen einbeziehen. Bankrotte Banken müssten wohl nicht mit dem Geld des Volkes gerettet werden und langt es in zehn Jahren irgendein Klimaziel zu erreichen, oder sind wir dann eh alle tot? Das sind nur ein paar Serviervorschläge.

Es ist heute so leicht, sich zu verabreden, die Presse einzuspannen, die berichten ja gerne über alles, was schreit. Schreit. Wehrt euch. Die neue Regierung ist ein Geschenk. Jetzt ist Zeit, Politik zu erfinden. Lärm zu machen. In den Widerstand zu gehen. Der nicht aus dumpfen Parolen und daraus besteht, gegen alles zu sein. Nur nicht einschlafen, sich nicht gewöhnen. Wenn es überall rechten Dummköpfen, die den einfachen Leuten nicht helfen, die den Armen nicht helfen, DAS HABEN SIE NOCH NIE GETAN, so einfach gelingt, Regierungen zu kapern, wie einfach muss es dann erst sein, wenn die Mehrheit sich organisiert.

Und nicht wie in Amerika demonstriert oder Aufrufe unterschreibt, sondern aktiv wird. Noch gibt es die Demokratie. Nutzt sie. Versucht zu retten, was drin liegt.

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