Jelinek-Premiere am Burgtheater Achtung, die Menschenwürde!

Ganz ohne postmoderne Ironisierung: Michael Thalheimer inszeniert Elfriede Jelineks wütenden Flüchtlingschor "Die Schutzbefohlenen" am Wiener Burgtheater als düsteres Endzeitdrama.

Reinhard Maximilian Werner

Sie flehen nicht, sie fordern. Sie bitten nicht, sie klagen an. Eine Meute mit Plastiktüten über dem Kopf. Keine Individuen, sondern eine dunkle, bedrohliche Masse. Einem Wasserbecken trotzend, kämpft sie sich nach vorn an die Rampe und hört nicht auf zu brüllen: "Bitte helfen Sie uns!"

Sie sind die fleischgewordenen Ängste aller konservativen Wähler, die wohl auch im Zuschauerraum des Burgtheaters sitzen. Die Angstprojektion einer Bedrohung, wie sie die Rechtsparteien in ganz Europa an die Wand malen: Asylbewerber, die unsere schöne Heimat überfluten und uns unsere Jobs, unsere Wohnungen und unsere Frauen wegnehmen. Eine unangenehme Konfrontation.

Elfriede Jelineks im Vorjahr uraufgeführtes Stück "Die Schutzbefohlenen" erzählt von der Festung Europa, von den vielen Toten, die im Mittelmeer ertrinken, ohne Lampedusa zu erreichen.

Aber es bezieht sich auch sehr konkret auf einen österreichischen Paradefall: Im November 2012 initiierten Asylbewerber einen Protestmarsch vom Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen ins rund 20 Kilometer entfernte Wien, sie forderten neue Dolmetscher und eine bessere Verpflegung. Vor der Votivkirche errichteten rund 60 Flüchtlinge ein "Protestcamp". Die Erzdiözese Wien und die Caritas schalteten sich ein und erklärten die Kirche zum Schutzraum. Trotz Hungerstreiks der Betroffenen, Gesprächen mit der Regierung und zahlreichen öffentlichen Solidaritätsbekundungen wurden ein Jahr später zwölf Flüchtlinge nach Pakistan abgeschoben, drei als Schlepper denunziert. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner musste sich von Kritikern vorwerfen lassen, sie schlage aus der Causa Wahlkampf-Kapital, zumal sich die Vorwürfe gegen die drei im Gerichtsakt als so nicht haltbar erwiesen.

Jelinek hat ihr Stück in diesem innenpolitisch aufgeheizten Klima geschrieben, es ist ein bissiger Aufschrei, eine anklagende Ungerechtigkeitssuada. Werden russische Oligarchen nicht "blitzeingebürgert", wenn sie über das nötige Geld (die Tochter von Boris Jelzin) oder eine schöne Stimme (Anna Netrebko) verfügen, ohne auch nur ansatzweise über Deutschkenntnisse zu verfügen?

Können wir für die Flüchtlinge sprechen?

Natürlich stellt Jelinek das Theater mit ihrem Text vor ein grundlegendes Repräsentationsproblem: Können wir, die weißen bourgeoisen Kulturträger, uns überhaupt anmaßen, für die Flüchtlinge zu sprechen? Gleicht das nicht einer Entmündigung? Nicolas Stemann führte diese knifflige Debatte bei der Uraufführung (in Mannheim beim Festival "Theater der Welt", dann am Hamburger Thalia Theater) auf der intellektuellen Höhe der aktuellen Diskurse, mit einem echten Flüchtlingschor, mit den Mitteln der postmodernen Distanzierung und Ironisierung. Eine ehrenwerte, kluge, aber auch reichlich blutleere Angelegenheit.

Michael Thalheimer schlägt am Burgtheater den entgegengesetzten Weg ein. Der Regisseur vertraut in seiner stark gekürzten Endzeitvision ganz auf die Kraft der Worte und ein virtuoses Star-Ensemble. Seit Einar Schleef wurde nicht mehr so präzise und wütend chorisch gesprochen, Thalheimer zeigt, was bürgerliches Theater noch immer kann, wenn man es ernst nimmt: den Zuschauern einen Spiegel vorhalten, und sei es nur, um sie mit ihren schlimmsten Ängsten und Vorurteilen zu konfrontieren.

Der rabenschwarze Bühnenraum von Olaf Altmann ist nur durch einen hellen Schlitz in Form eines Kreuzes zu betreten. Wie Untote in einer Gruft kämpfen die Anwesenden gegen ihr Verschwinden an, mit Furor und Verzweiflung, manchmal auch mit bitterem Witz. Um am Schluss doch langsam zu verlöschen, in den Hades hinabzusinken und vergessen zu werden. Das Ensemble schlägt nach und nach auch zartere Töne an, einzelne Protagonisten schälen sich heraus und halten Monologe in verschiedenen Tonlagen, von breitem Wienerisch bis zu gebrochenem Pathos.

Thalheimer verweigert eine gefühlige Gutmenschenhaltung, die auf Betroffenheit abzielt, aber er macht auch deutlich, dass uns postmoderne Relativierung nur bedingt weiterbringt in einer Gesellschaft, die hauptsächlich mit sich selbst solidarisch ist, der überhaupt nicht mehr klar ist, welche abendländischen Werte sie denn eigentlich vor dem "Fremden" schützen möchte. Katholische Nächstenliebe, Mitleid und Menschlichkeit scheinen jedenfalls nicht dazuzugehören, wie der sympathisch angriffslustige und unversöhnliche Abend deutlich macht.


"Die Schutzbefohlenen " von Elfriede Jelinek. Am Burgtheater Wien, nächste Vorstellungen am 31.3., sowie 2., 23., 27. und 29.4., Tel. 0043 1 514 44 44 40.



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