Journalistische Burkini-Selbstversuche Wer nicht zuhören will

Wie fühlt man sich unter einem dunklen Tuch? Zahlreiche Reporterinnen wagten in diesem Sommer den Selbstversuch mit Nikab oder Burkini. Mehr als Journalistinnen-Fasching kam dabei nicht heraus.

Nikab-Trägerinnen in Offenbach
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Nikab-Trägerinnen in Offenbach

Eine Kolumne von


Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Frauen in Deutschland aus religiösen Gründen Vollverschleierung tragen oder im Burkini schwimmen gehen. In diesem Sommer gibt es ganz besonders ungenaue Zahlen, weil unter jedem Nikab und in jedem Ganzkörperbadeanzug auch eine Reporterin mit einer besonders frischen Idee stecken könnte: ein Selbstversuch und ein mutiger dazu. Bei 30 Grad!

Die geniale Idee, den Gesprächsstoff des Sommers einfach mal anzuziehen, hatten unter anderem die "Welt", die "Zeit", stern.de und das "Flensburger Tageblatt".

"Wie fühlt man sich in einem Burkini?", fragte die Titelseite der "Welt kompakt" vom Montag. Antworten auf diese Frage kriegt man, indem man Frauen fragt, die einen Burkini tragen - oder indem man für ein paar Stunden selbst einen anzieht. So weit, so logisch.

"Ich trage einen Ganzkörperbadeanzug und sehe aus wie ein Lycra-Spermium im Kleidchen", stellt die "Welt"-Reporterin fest. Sie fühlt sich alt im Burkini und ist gar nicht begeistert: "Der Burkini ist ein misanthropes Stück Stoff. Denn er steht zwischen einem selbst und dem Leben." Ziemlich angetan ist dagegen die Autorin der "Zeit": "Ich gehe ins Wasser und merke nicht, wie kalt es überhaupt ist. Verdammt, das Ding ist genial." Und die "Stern"-Mitarbeiterin stellt - in auffallend ähnlichen Sätzen wie die "Zeit"-Autorin - fest, dass die Haare unter der Burkini-Kapuze irgendwie nerven.

Lustige Story, geil geschwitzt

Ähnliche Versuche gab es auch schon mit Nikab statt Burkini: Fürs "Flensburger Tageblatt" lief eine Reporterin im Nikab durch die Stadt und stellte fest, dass Eis essen nicht so einfach ist am ersten Tag mit Schleier, und für "Galileo" testete eine Reporterin die volle Packung: erst einen Nikab ("Man kriegt kaum Luft") und dann einen Burkini ("Man ist sehr weg von seinen Sinnen und sehr eingeschränkt"). Das "eingeschränkt" fühlt man direkt mit.

Zwei Dinge sind interessant, wenn es um ungewohnte Kleidungsstücke geht: Wie fühlt sich das an? Und: Wie sieht das aus, wie reagieren die Leute? Die zweite Frage lässt sich durch einen journalistischen Selbstversuch noch halbwegs beantworten, bei der ersten ist es schwieriger. "Unsere Reporterin Inga Wessling wollte mal wissen: Wie fühlt man sich eigentlich unter diesem dunklen Tuch?", so wird bei "Galileo" der Beitrag angekündigt, aber ehrlicherweise müsste es natürlich heißen: "Wie fühlt man sich eigentlich unter diesem dunklen Tuch als nichtmuslimische Journalistin, die in dem Ding noch komplett unbeholfen ist und die ihrer Redaktion eine lustige Story mitbringen muss, in der geil geschwitzt wird?"

Die Frage "Wie fühlt man sich als Autofahrer?" würde man als Nichtautofahrer am ehesten beantworten, indem man viele verschiedene Autofahrer fragt oder einen Führerschein macht und dann eine Weile Auto fährt - und nicht, indem man eine einzelne Fahrstunde nimmt und feststellt, wie kompliziert so eine Gangschaltung ist. Aber beim Nikab oder Burkini gelten andere Regeln. "Daher, dass das jetzt das erste Mal für mich im Burkini ist, bin ich schon sehr aufgeregt", erzählt die Kollegin auf bz-berlin.de, komplett egal, sie hätte sich den Trubel auch sparen können und direkt ein paar Burkiniträgerinnen fragen können, dann wäre weniger peinlicher Journalistinnen-Fasching dabei rausgekommen.

Das Gute für Burkiniträgerinnen

Der Philosoph Thomas Nagel hat mal einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?" (PDF). Die Antwort: Das weiß nur die Fledermaus. Wir können alle möglichen Informationen über Fledermausgehirne und den Körperbau von Fledermäusen sammeln, wir können nachts aufbleiben, Insekten essen und kopfüber in einer Höhle hängen - wir werden immer nur wissen, wie es sich für uns anfühlt, das alles zu tun, und nie, wie es für die Fledermaus ist. An dieser Stelle ist unserer Erkenntnis eine Grenze gesetzt, Fledermäuse sind, wie Nagel schreibt, eine "grundsätzlich fremde Form von Leben".

Doch genau so fremd wie Fledermäuse scheinen die muslimischen Frauen zu sein, die in den Beiträgen über Nikab und Burkini kaum vorkommen. Natürlich macht es faktisch einen Unterschied, ob eine Frau einen Nikab oder einen Burkini trägt - verhandelt werden beide sehr ähnlich: ohne die Trägerinnen. Die "Flensburger Tageblatt"- und "Galileo"-Reporterinnen treffen immerhin noch tatsächliche Nikabträgerinnen. Bei den anderen Medien scheint man es lehrreicher zu finden, eine Reporterin ein paar Stunden in einen Badeanzug zu stecken, als die Menschen zu fragen, die seit Langem und aus nichtjournalistischen Gründen Burkini tragen und die wahrscheinlich mehr zu erzählen hätten als "es zwickt bisschen am Kopf", weil für sie das alles nicht "Selbstversuch" und "Experiment" ist, sondern Leben.

Es ist nicht nur ein Denkfehler, wenn man meint, man müsse eine blonde Journalistin in einen Burkini stecken, um zu erfahren, wie es ist, einen zu tragen, es ist sicher auch eine berechtigte Neugier: Wie nass wird man? Ist es kalt oder warm? Aber um einen gewissen Rassismusverdacht kommt man nicht herum. Die Frauen, die das tragen, können doch alle reden. Niemand muss so tun, als seien sie unnahbar und als müssten sich jetzt aufgeregte Reporterinnen in das ungewohnte Stück Stoff hüllen, wie die sechs Teilnehmenden der Nasa-Studie, die ein Jahr lang unter Mars-Bedingungen am Hang eines Vulkans auf Hawaii lebten - die mussten das machen, die konnten nicht einfach ein Marsmännchen interviewen.

Wenn ich mir vorstelle, dass jemand einen Tag lang meine Kleidung trägt und dann eine Reportage schreibt, wie sich das anfühlt, fühle ich mich komplett verarscht. Das einzig Gute für die Burkiniträgerinnen ist, dass sie wahrscheinlich bald günstig auf Ebay einen Zweitburkini shoppen können: Kaum Gebrauchsspuren, nur einmal kurz aus beruflichen Gründen getragen.



insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
A.P.M. 30.08.2016
1. trallala-Philosophie
Wie ist es als Nikabträgerin, wenn ich meinem Ehemann und der Familie mitteile, dass ich ab sofort dieses Kleidungsstück nicht mehr trage?! Wie wärs mit einem Personenaustausch? Viel Spasss!
#9vegalta 30.08.2016
2. Lob
Guter Beitrag, nichts hinzuzufügen.
twistie-at 30.08.2016
3. Dankeschön - das ist reine Selbstinszenierung, was passiert
Ähnliche "Selbstversuche" gab es ja auch schon mit ALG II - wie fühlt es sich an, nur x Euro monatlich zu haben? Als wenn ich mir vorstellen könnte, wie es ist, damit zu rechnen, dass es nun immer so ist, wenn ich nur die Manolo-Pantöffelchen zur Seite stelle und tue als hätte ich sie nicht. Das ist reine Selbstinszenierung und letztendlich überhaupt nicht hilfreich, im Gegenteil. Wenn die Frauen wenigstens vier Wochen lang mal den Niqab tragen, wenn sie ihn auch zuhause tragen sobald Besuch kommt usw, dann würde das wenigstens schon ein wenig das Gefühl vermitteln, wie es ist, aber auch nur ansatzweise. Alles andere ist wirklich nur Fasching. Wenn ich einen Tag lang 1.000.000 auf dem Konto habe, dann kann ich mir auch nicht vorstellen wie es wäre, wenn es immer so ist.
05322 30.08.2016
4.
Ach Frau Stokowski, welch ein Denkfehler! Nur eine fledermaus, weiß, wie eine Fledermaus sich fühlt. Stimmt. Aber unter der Burka, Burkini usw steckt ein Mensch. Bei Niklas Luhmann heißt ein solcher Unsinn Kategorienfehler. Bratkartoffeln anbauen wollen ist z. b. einer.
WwdW 30.08.2016
5. bin fast einverstanden damit
Nur wenn man echte Nikab und Butkiniträgerinnen fragt, die überzeugt davon sind, dann bekommt man eben auch keine Ehrliche Antwort. Daher ist auch sowas nicht korrekt. Eine Mischung macht es aus.
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