Bush/Bin Laden-Vergleich "Roy darf so etwas, Wickert nicht"

Trotz öffentlicher Entschuldigung sorgen die umstrittenen Äußerungen Ulrich Wickerts weiterhin für Erregung. Während CDU und CSU den Rücktritt des "Tagesthemen"-Moderators fordern, begnügt sich der NDR damit, den TV-Journalisten für seinen "Unfug" zu rügen.


Journalist Wickert: "Offenbar missverständlich und misslungen"
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Journalist Wickert: "Offenbar missverständlich und misslungen"

Mit einer Entschuldigung, selbst vor dem Millionen-Publikum der "Tagesthemen" ist es offenbar nicht getan, zumindest nicht für die CDU. Deren Vorsitzende Angela Merkel bekräftigte am Donnerstag noch einmal ihre Kritik an Ulrich Wickerts unglücklich formulierten Vergleich zwischen George W. Bush und Osama Bin Laden in einem Artikel für die Zeitschrift "Max". Die Entschuldigung des TV-Moderators reiche, so Merkel, nicht aus.

Deutlicher wurden Merkels Kollegen aus der bayerischen Schwesterpartei CSU: Generalsekretär Thomas Goppel forderte über die Entschuldigung des Moderators hinaus eine Stellungnahme des Senders. Der bayerische Staatskanzleichef Erwin Huber sieht durch Wickerts Fauxpas sogar das Ansehen Deutschlands in der Weltöffentlichkeit gefährdet und fordert die ARD-Verantwortlichen, Arbeitgeber des "Tagesthemen"-Moderators, zum Handeln auf.

"Wickert hat Unfug geschrieben"

Dort bemüht man sich jedoch um Gelassenheit. Der Politik-Koordinator der ARD, Hartmann von der Tann, wies mit einem Seitenhieb auf die erregten Oppositionsparteien darauf hin, dass manche Politiker den Vorfall offenbar nutzen, um "persönliche Rechnungen" zu begleichen. Wickerts Entschuldigung sei mit der ARD abgesprochen gewesen, weitere Konsequenzen erwarte er nicht. Auch Jürgen Kellermeier, Programmdirektor des zuständigen Norddeutschen Rundfunks (NDR) begnügte sich mit einer Rüge: "Wickert hat Unfug geschrieben", habe sich aber öffentlich entschuldigt. Damit sei "die Sache erledigt", ergänzte Kellermeier, allerdings nicht ohne die Erwartungshaltung zu betonen, dass "sich derlei nicht wiederholt".

Schützenhilfe erhielt der gescholtene TV-Moderator aus den Reihen der PDS: Deren stellvertretender Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gehrcke warf der CDU-Chefin vor, sie wolle mit "ihrem Maulkorb-Vorstoß Angst erzeugen". Auch Bernd Gäbler, Chef des Adolf-Grimme-Instituts in Marl, welches alljährlich den renommierten Grimme-Fernsehpreis verleiht, plädierte dafür, "die Kirche im Dorf zu lassen". Wickert sei schließlich Journalist, kein Regierungssprecher. Er verteidigte außerdem die Leistung des "Tagesthemen"-Moderators während der Berichterstattung über die Terroranschläge.

In seinem Beitrag für die "Max" hatte Ulrich Wickert dem US-Präsidenten Bush und dem Terroristenführer Osama Bin Laden "gleiche Denkstrukturen" unterstellt und zur Stützung seiner These aus einem Essay der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy zitiert, die geschrieben hatte, dass Bin Laden "der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten" sei. Der Schriftsteller Wolf Biermann sagte hierzu am Donnerstag im "Hamburger Abendblatt", die Literatin "Roy dürfe so etwas, Wickert nicht".



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