Cameron-Doku "Das Jesus-Grab" Sakro-Schnitzeljagd

Jesus als Familienvater, seine Knochen im Sippengrab – das wäre Stoff für einen Bibelthriller. "Terminator"-Regisseur James Cameron hat die Suche nach dem Grab Jesu produziert, die heute auf ProSieben gezeigt wird - als Dokumentarfilm mit Spielszenen, aber leider ohne Hauptfiguren.

Von Stefan Schmitt


Nickelbrille, Häkelmütze, Haarheckspoiler - Simcha Jacobovici nervt schon, bevor er spricht. "Jede Aussage wurde doppelt, dreifach und vierfach gecheckt." Er nervt auch, wenn er spricht. Wie er begeistert nickt, dabei verblüfft und überrascht tut, lässt er sich etwa so taxieren: Als Jugendlicher in der Amateurfunk-AG, außerdem ein Faible für populärhistorische Romane, die Flucht aus dem praktisch möblierten Jugendzimmer erfolgte eher spät. Heute ist Jacobovici Dokumentarfilmer, arbeitete als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor. Hinter der Kamera stört so eine Mütze ja auch niemanden.

Doch für dieses Projekt fehlte Jacobovici der Protagonist. Seine Hauptfigur sitzt entsprechend der christlichen Lehre zur rechten des Vaters im Himmel. Nüchterner betrachtet handelt es sich wohl um irgendeinen Hingerichteten, dessen Spuren sich in der Geschichte der Zeitenwende verloren haben. Bleibt nur die Dokumentation zweiter Ordnung: Die Kamera muss halt Grabsuchende begleiten.

Forscher in Detektivmanier mit gestellten Dialogen, das kennt man aus den TV-Wissensmagazinen des Frühabends. Kurioserweise aber ist es beim "Jesus-Grab" keiner der vorwiegend grauhaarigen Angelsachsen, die Auftritte als akademische Experten absolvieren, denen die Kamera bei der Schnitzeljagd durch Jerusalem über die Schulter schaut.

Größenwahnsinnig-österlicher Titel

Es ist Jacobovici selbst, der auf der Terrasse eines Mehrfamilienhauses im Jerusalemer Stadtteil Talpiot herumhampelt, wo Techniker eine Schwanenhalskamera tief in ein Abluftrohr stopfen. Was befindet sich wohl unter dem Siedlungsbau? Dass die ganze Szene auf aparte Weise an die Aktion ägyptischer Archäologen erinnert, die vor fünf Jahren Livebilder eines kleinen Roboters aus einem engen Tunnel im Inneren der Cheopspyramide sendeten, ist nicht unbedingt ein gutes Omen. Der "Pyramid Rover" fand im September 2002 am Ende des Gangs eine unüberwindliche Steinplatte - und das war's. Auf Jacobovici wartet in Talpiot ein leeres Grab. Es steht aller Wahrscheinlichkeit nach in keinem Zusammenhang zu Jesus von Nazareth.

"Das Jesus-Grab", Herrgott! Gesetzt den Fall, ein solcher Sensationsfund wäre wirklich möglich, würde er nicht in einem wissenschaftlichen Fachjournal der Öffentlichkeit präsentiert? Oder wenigstens in einer Scheckbuch-starken Illustrierten? Warum das Risiko einer monatelangen Filmproduktion eingehen, die dann ausgerechnet bei einem wenig publikumsstarken Pay-TV-Sender Weltpremiere feiert?

Was ist das Filmer-Produzenten-Duo aus Simcha Jacobovici und James Cameron belächelt und verspottet worden, als der Discovery Channel Ende Februar die geradezu bemitleidenswert naive Plausibilitätsabwägung – harte Beweise gab es nicht – für ihre Hypothese vorstellten!

Maximale Fallhöhe, null Spannungsbogen

Für den Unterhaltungswert, die Qualität eines Fernsehabends ist das zweitrangig. Denn ästhetisch ist es irrelevant, ob ein Plot plausibel, gar faktisch korrekt ist. Was schmerzt, ist schlechtes Handwerk beim Erzählen.

Gleich zu Beginn nehmen die Macher des "Jesus Grabs" ihrer eigenen These den Wind aus den Segeln: Nein, seinem persönlichen Glauben würde es keinen Abbruch tun, sollten die wilden Thesen der Filmemacher sich bewahrheiten, gibt Experte eins zu Protokoll. Er halte einen Familienmenschen Jesus mit Brüdern, Frau, Sohn und überhaupt mit allem drum und dran für vereinbar mit der christlichen Lehre, sagte Experte zwei. Wer soll da noch weiter schauen? Morris West oder Dan Brown haben die Latte hoch gelegt für Räuberpistolen aus dem Dunstkreis Kirche-Bibel: Der Fortbestand von Mater Ecclesia bedroht, die Lehre der Schrift ein Irrglaube – das sind die Kaliber, mit denen in diesem Genre operiert wird.

Die vorgeschobenen Disclaimer, dass man keine Ketzerei im Sinn trägt, mag dem schlichten Gemüt des nordamerikanischen Publikums geschuldet sein. Die eingestreuten historischen Spielszenen sind es nicht. Statt in Grabtuch-und-Dürer-Manier als langhaariger Sanftblicker, zeigt der Film einen zotteligen, beinahe finsteren Jesus. Dieser predigt (pantomimisch), sorgt sich (allzu keusch) um Maria Magdalena und bleibt reine Hypothesen-Deko. Auch er trägt ein Mützchen. Sonst gibt es staubige Römer, Bärtige, Toga-, Kittel- und Umhangträger.

Wo war James Cameron?

Wohl deswegen bedienen sich die Macher von Doku-Dramen, von Spielszenen-durchsetzten Dokumentarfilmen und History Fiction vorzugsweise im Fundus des Dritten Reichs, und nicht im garstigen Neuen Testament: Nicht nur, dass die Quellenlage deutlich besser ist. Auch die Maskenbildner dürfen nicht einfach die Handelnden nach der Vorlage ihrer Lieblingsmusiker schminken.

Zwischen Gelehrten, alten Klöstern, neuen Lagerhäusern, Jerusalem, Toronto und Cambridge abmühen muss sich Simcha Jacobovici. Er schleppt die Handlung förmlich voran bis zum Punkt völliger Ernüchterung. Ein Spannungsbogen ist genauso wenig greifbar wie ein möglicher historischer Jesus.

Auch wer sich vom Ringelreien der Statistiker, Genetiker, Historiker, Hypothetiker hat einlullen lassen, spürt: Das "Jesus-Grab", das in Talpiot wieder unter Beton verschlossen wird, ist nicht das Jesus-Grab. Der Titel war Warnung genug: Bei einem Dokumentarfilm kann dahinter bloß Ernüchterung lauern. Doch neunzig Minuten lang fragt sich der Zuschauer, welchen Beitrag wohl US-Regisseur James Cameron geleistet hat – immerhin Urheber der dokumentarischen Tauchfahrten zur "Titanic" und zur "Bismarck". Als Produzent prangt sein Name auf dem Werk mit dem österlich-größenwahnsinnigen Titel. Von einem wie Cameron hätte man es erwartet, dass er wenigstens für anderthalb Stunden jene Idee beschwören kann, die aus der Sakro-Schnitzeljagd ein Archäologie-Abenteuer gemacht hätte - den blanken Gedanken, dass es doch so gewesen sein könnte.


"Das Jesus-Grab", Karfreitag, 17.25 Uhr, ProSieben



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