Türkischer Verleger Öz "Die Türkei ist mehr als Erdogan"

Freunde von ihm sitzen im Gefängnis, seine Autoren werden aus dem Land gejagt. Der Istanbuler Verleger Can Öz will sich trotzdem nicht entmutigen lassen. Mit dem Sportmagazin "Socrates" expandiert er nun nach Deutschland.
Can Öz

Can Öz

Foto: Can Yayinlari

SPIEGEL ONLINE: Herr Öz, der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk warnt, die Türkei sei auf dem Weg zu einem Terror-Regime. Hat er Recht?

Can Öz: Ich glaube nicht, dass sich die Türkei mit einem einzelnen, drastischen Begriff fassen lässt. Richtig ist, dass es mit unserer Demokratie, dem Rechtsstaat, der Meinungsfreiheit seit Jahren bergab geht. Diese Entwicklung hat sich durch den Putschversuch vom 15. Juli weiter verschärft. Wir hatten noch vor wenigen Jahren gehofft, EU-Mitglied zu werden. Nun bewegen wir uns eher in Richtung Mittlerer Osten.

Zur Person

Can Öz, 36, leitet den Istanbuler Literatur-Verlag "Can Yayinlari". Er übersetzt Autoren wie Jane Austen und Paul Auster ins Türkische. Ab 18. Oktober bringt er in Deutschland "Socrates" auf den Markt, ein Monatsmagazin, das Sport und Kultur verbinden soll.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2013 die Proteste im Istanbuler Gezi-Park gegen den damaligen Premier und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mitinitiiert. Was hat sich seither in der Türkei verändert?

Öz: Einerseits haben Repressionen durch die Regierung zugenommen. Gezi hat die Paranoia Erdogans verstärkt. Andererseits haben Proteste die Menschen dazu angeregt, nach eigenen Ausdrucksformen zu suchen. Die Türkei hat während und nach Gezi eine Explosion an Kreativität erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst verlegen neben internationalen Schriftstellern regierungskritische, türkische Autoren wie den ehemaligen "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar. Wie ergeht es Ihnen ganz persönlich in der Türkei?

Öz: Ich vollziehe eine Gratwanderung. Mein Freund Can Dündar musste die Türkei verlassen. Er lebt jetzt in Berlin. Meine Autorin Ece Temelkuran wurde massiv angefeindet, nachdem sie in ihrem jüngsten Buch die Regierung kritisierte. Aber ich zwinge mich, zuversichtlich zu bleiben. Ich muss als Verleger gerade jetzt für meine Autoren einstehen. Ich will ihnen vermitteln: Es gibt Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Sie bringen künftig auch ein Magazin in Deutschland heraus, "Socrates", eine Monatsschrift , die Sport und Kultur verbinden will. Warum?

Öz: Wir vertreiben "Socrates" seit zwei Jahren sehr erfolgreich in der Türkei. Ein intellektuelles Sportmagazin gab es zuvor in der Türkei nicht. Nun wollen wir den nächsten Schritt gehen und "Socrates" im Ausland etablieren . Deutschland ist der Anfang, ab nächstem Jahr soll "Socrates" auch in England erscheinen.

Socrates

Socrates

Foto: Can Yayinlari

SPIEGEL ONLINE: Ist "Socrates" ein Weg für Sie, sich von der Türkei zu emanzipieren?

Öz: Nein, die Türkei ist mein Land und ich habe nicht vor, Istanbul zu verlassen. Die Türkei ist auch mehr als Erdogan. Sie ist ein Land voller Talente, die sich aufgrund der politischen und kulturellen Enge gerade nicht genügend entfalten können: Autoren, Künstler, Graphiker. "Socrates" gibt ihnen eine Bühne.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird für die deutsche Ausgabe von "Socrates" schreiben?

Öz: Wir wollen deutsche Autoren mit türkischen und internationalen Experten zusammenbringen. Der britische Sportjournalist Simon Hughes hat für die erste Ausgabe Jürgen Klopp porträtiert. Der Dramatiker Moritz Rinke schreibt für uns. Nuri Sahin von Borussia Dortmund lässt sich in einem Gastbeitrag über José Mourinho aus.

SPIEGEL ONLINE: Auffällig viele türkische Intellektuelle setzen sich gerade in Richtung Deutschland ab. Wiederholt sich da ein Phänomen aus den achtziger Jahren, als die Menschen vor dem Militärregime flohen?

Öz: In gewisser Weise ja. Die Repression der Regierung treibt kritische Denker aus dem Land. Es tut weh, das mit anzusehen. Wir als "Socrates" bleiben bewusst in der Türkei. Wir wollen das Land nicht aufgeben. Aber unser Horizont geht über die Türkei hinaus.