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17. Mai 2019, 11:07 Uhr

Rückgabe der Cape-Cross-Säule an Namibia

Das Kreuz mit den Kulturschätzen

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Deutschland gibt ein mehr als 500 Jahre altes Steinkreuz an Namibia zurück. Ist das ein Schritt, um deutsche Kolonialverbrechen wiedergutzumachen? Da gehen die Meinungen auseinander.

Sie ist mehr als drei Meter hoch, wiegt gut eine Tonne und ist künstlerisch wenig anspruchsvoll, historisch dafür umso bedeutender: Eine mehrere Hundert Jahre alte Stele aus Afrika, die Kreuzkapsäule, ist im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zu sehen - aber nicht mehr lange.

Deutsche Kolonialisten bauten sie 1893 an der Küste des heutigen Namibia ab, da hieß das Land nach deutscher Vorstellung noch Deutsch-Südwestafrika. Zuvor hatte die Steinstele mehr als 400 Jahre dort am Cape Cross gestanden, errichtet von portugiesischen Seefahrern.

Sie waren damals die afrikanische Küste abgefahren und hatten in unregelmäßigen Abständen Kreuze mit portugiesischem Wappen aufgestellt. Es waren Vorboten einer Kolonialherrschaft durch europäische Mächte, die Mord, Raub und Verschleppung in die Sklaverei für Millionen Menschen bedeutete.

Seit Donnerstagabend ist nun vom Kuratorium des DHM beschlossen: Der portugiesische Koloss kommt nach Namibia zurück. Erst 2017 hatte das südafrikanische Land offiziell bei der Bundesrepublik die Rückgabe erbeten. Ein Symposium des DHM befasste sich 2018 mit dem Für und Wider und den Besitzverhältnissen.

Schnell war offenbar klar, "dass Namibia keinen Repatriierungsanspruch besitzt", schrieb Museumspräsident Raphael Gross in einem Gastbeitrag für die FAZ. Wohl aber sprächen "ethische und politische" Überlegungen für eine Rückgabe. Für das DHM wäre die Rückgabe eine "wichtige Geste".

Zurückhaltung an vielen anderen Stellen

Was Gross auch erwähnt: Es hat ein Umdenken stattgefunden. Drei Male zuvor - 1925, 1960 und 1990 - war der Wunsch nach einer Rückgabe der Säule abgelehnt worden. Jetzt hieß es schon vor der Kuratoriumssitzung am Donnerstag, alle seien dafür. Für das Auswärtige Amt erklärte Staatsministerin Michelle Müntefering, sie begrüße den Vorschlag, die Kreuzkapsäule zurückzugeben, "ausdrücklich".

Ein Erfolg für diejenigen, die um Ausgleich und Wiedergutmachung deutscher Kolonialverbrechen bemüht sind? Nicht nur. Jürgen Zimmerer, Professor an der Uni Hamburg und Kolonialhistoriker, sagt, es wirke, als solle die schnelle Rückgabe des Steins ablenken von der Zurückhaltung bei der Restitution an so vielen anderen Stellen.

Seit 1914 gebe es etwa Rückgabeforderungen aus Nigeria für die sogenannten Benin-Bronzen - 3000 ursprünglich von den Briten 1897 größtenteils geraubte Messingköpfe und Reliefs aus dem Königreich Benin, das im heutigen Nigeria liegt. Obwohl der Oba von Benin die Herausgabe verlange, geschehe nichts, kritisiert Zimmerer. Geplant ist stattdessen, mehr als 200 Benin-Bronzen im neuen Berliner Humboldt-Forum auszustellen, das im Herbst im Berliner Stadtschloss eröffnen soll.

Hunderte der Benin-Bronzen lagern in Berlin, Leipzig, Hamburg - aber das Argument gegen eine Rückgabe lautet wie meist: Es gibt keine offizielle Rückforderung des Staates Nigeria an Deutschland. Darüber habe man "bisher keine Konferenz noch eine Pressekonferenz mit Beteiligung der Bundesregierung abgehalten, wie man es für das im Vergleich relativ unbedeutende portugiesische Kreuz macht", sagt Zimmerer. Er vermute, dass mit der Kreuzkapsäule an einem "unkontroversen Objekt ein Erfolg der Aufarbeitung simuliert" werden solle.

Ähnlich gelagert wie bei den Bronzen ist der Fall bei einem berühmten Stück, welches das Land Bayern etwa 130 Jahren nach seiner kolonialen Entführung in Besitz hat und das es bislang nicht herausrücken will. Ein Nachfahre des Königs der Bele Bele, Prinz Kum'a Ndumbe III., aus dem heutigen Kamerun fordert einen Schiffschnabel seines Großvaters bereits zwei Mal zurück. Der Freistaat Bayern lehnte 1999 und 2010 ab.

Auf das Objekt angesprochen, verweist das Museum der Fünf Kontinente, vormals staatliches Museum für Völkerkunde, in München auf eine Heidelberger Stellungnahme von Anfang Mai.

Das Papier, unterschrieben von den Leitungen 26 völkerkundlicher Museen, erklärt, warum Kulturgüter, die "aufgrund von Unrecht" in ihren Besetz gelangten, "zurückgegeben werden sollten". Allerdings liefert das Papier genau die Einschränkung mit, welche bei den Benin-Bronzen angewandt wird, nämlich: "wenn von Vertretern der Urhebergesellschaften gewünscht". Als solche sollen offenbar nur Nationalstaaten gelten, Kamerun und Nigeria wünschen in Sachen Restitution bislang nichts. Die Nachfahren der Besitzer vor dem kolonialen Raub spart die Stellungnahme damit aus.

Verpflichtet fühlen sich die Museen lediglich dazu, dass "alle, die aufgrund ihrer Geschichte und kultureller Praktiken mit den Sammlungen verbunden sind, wenn irgend möglich von den Aufbewahrungsorten erfahren". Die Erben dürfen also erfahren, wo ihr geraubter Besitz derzeit hängt, steht oder liegt. Erhalten sollen sie ihn ohne die Hilfe ihrer nationalen Regierung nicht.

Wo genau in Namibia die Stele vom Kreuzkap nach ihrer ihrer womöglich letzten Reise zurück nach Afrika stehen wird, ist ungewiss. Für Nzila Mubusisi, Kuratorin des namibischen Nationalmuseums in Windhoek steht aber fest, dass die Stele für das Land "nationale Bedeutung" hat. Damit würde sie unter das Gesetz für nationales Erbe fallen und das schließe auch aus, dass die Kreuzkapsäule in ein privates Museum gelangt.

Entscheiden wird darüber aber Namibias Regierung. Mubusisi hoffe zudem, die Säule werde nach mehr als 100 Jahren wieder an der Küste stehen.

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