Casting für Pussycat Dolls Freakshow mit Püppchen

Die Pussycat Dolls sind die erfolgreichsten Pin-up-Girls des Pop. Jetzt sucht die Truppe eine neue Puppe per Casting-Show - und verbucht Erniedrigungsrekorde fürs Bloßstellungs-Fernsehen.

Von , Los Angeles


"The Pussycat Dolls Present: the Search for the New Doll" - frei übersetzt, "Die Suche nach dem neuen Püppchen" - gehört zum Entmutigendsten, was das amerikanische Realityfernsehen seit langem zu bieten hatte. Bei "American Idol" zumindest, taumeln hin und wieder noch jene irgendwie liebenswerten Trottel ins Bild, die sich selbst rettungslos überschätzen, aber immerhin das Herz haben, ihren bekloppten Traum auf eine Bühne zu tragen. Bei den Pussycat-Auditions, bei denen man die Kandidatinnen neben strammen Hintern und flachen Bäuchen sorgsam nach Hintergrundgeschichten (Teenagermutter, Flugzeugabsturz-Waise, Ex-Pummelchen) castete, ist davon nichts zu spüren.

Angestrengt energisch halten die Probandinnen Busen und Po in die Kamera, schütteln das Haar übers Gesicht und nudeln ein Repertoire überexponierter, vermeintlich erotischer Mimik und Gestik herunter. Eiskalt schlägt einem die eiskalte, professionelle Gefallsucht entgegen, wie man sie von Donald Trumps Kandidaten aus "The Apprentice" kennt, minus der geistigen Kapazitäten. Man suche nach jemandem, der der Gruppe etwas Einzigartiges hinzufüge, behauptet Robin Antin, die Schöpferin der "Dolls" und Produzentin zu Beginn, und gleich darauf macht sich die Kamera eilig über allzu einzigartige Probandinnen – eine mit einem winzigen Bäuchlein, eine im Gothic-Look – lustig.

Die ethische Lektion der Sendung entspricht dem Erfolgstitel der "Pussycat Dolls", "Don't you wish your girlfriend was hot like me?" - Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer. Der Choreograf Mikey Minden, der an pädagogischer Finesse glatt einem Hundeprügler das Wasser reichen kann, demonstriert das am eindrucksvollsten. "Setz' dich, setz' dich", wedelt er mit der Hand eine Teilnehmerin von der Tanzfläche, die sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen hat, "kollabierende Mädchen kann ich nicht ertragen." Und eine sichtbar verunsicherte Probandin fährt er ungeduldig an: "Bei dir kommt nichts, aber auch gar nichts rüber! Du ruinierst es für alle anderen!" Vermutlich soll das die Härte des Geschäfts verdeutlichen. Beim Rundenurteil wird Mikey später zu einer Weitergekommenen sagen: "Es ist mir ein Vergnügen, mit einer professionell ausgebildeten Tänzerin zusammenzuarbeiten."


Das Vorbild spiegelt sich prompt in den Kandidatinnen. Man sorgt sich, dass "die Gruppe es für mich ruiniert" oder dass "Sandra uns beschissen aussehen lässt". Man freut sich über das um sich greifende Magen-Darm-Virus, "weil das meine Chancen verbessert". Man sagt Dinge in die Kamera wie: "Ich habe mein ganzes Leben lang intensiv Tanzen trainiert, und es ist mir gegenüber nicht fair, dass sie das Niveau absenkt!"

Auch nach zwei Folgen ist der Zuschauer kaum in der Lage, die Kandidatinnen voneinander zu unterscheiden. Einzig die burschikose Sisely, der die langbeinige Gazellenhaftigkeit ihrer Konkurrentinnen ebenso abgeht wie deren infantiles Gekiekse, sticht hervor. Aber ach, mit Sisely hat sich ausgerechnet eine ehemalige Punkband-Frontfrau in dieses seelenlose Universum verirrt, über das Göttinnen herrschen, die sich zu Recht als Monstren ("Don't you wish your girlfriend was a freak like me?") bezeichnen. Frauen mit lächerlich gerade operierten Nasen und aufgespritzten Lippen, die die totale Anbiederung an herrschende Attraktivitätsstandards als "Emanzipation" begreifen und sich nun als Rollenvorbilder für eine Generation gerieren, die wie die "USA Today" kürzlich beklagte auf ihrer Lebenswunschliste nur zweierlei zu stehen hat: Ruhm und Reichtum.

Selbstverwirklichung oder Selbstsabotage?

Produzent McG ("Drei Engel für Charlie") verteidigte die Sendung auf einer Vorab-Pressekonferenz als "Feminismus der dritten Generation", die Pussycat-Begründerin Robin Antin behauptete gar, hier ginge es um weibliche Selbstbestimmung. Doch als sie den Kandidatinnen zum "Selbstvertrauenstest" eine heiße Gogo-Nummer in einem vollbesetzten Restaurant in Los Angeles befehlen, hebt keine von ihnen auch nur eine Braue. "Ich fühle mich wohl in meiner Haut", gibt eine zu bedenken, "aber bin ich das, was Robin wirklich will?"

Wenn in den Achtziger Jahren zu befürchten stand, dass angesichts der erbarmungslos antierotischen Softie-Bewegung ganze Industrievölker aussterben würden, so muss man jetzt, da das viel gepriesene, postfeministische Girlietum ins Monströse überschnappt, erneut ins Bangen geraten. "Abstoßend", urteilt ein männlicher Mitbewohner der Autorin, der sonst nicht eben blind für weibliche Reize ist. Ron Fair, der als Vorsitzender der Musikfirma Geffen Records neben Robin Antin und der Rapperin Lil Kim zu den Juroren gehört, klagt vor laufender Kamera, er vermisse "Charme und Wärme". Hat ihm denn niemand das Konzept der Sendung erklärt?

In ihrem Buch "Are Men Necessary?" kam Maureen Down, scharfzüngige Kolumnistin der "New York Times”, Ende 2005 zu einem ernüchternden Fazit: Die amerikanische Frauenwelt, die zunehmend von "Mädchen" statt "Frauen" bevölkert ist, habe sich im Zuge einer raffinierten Selbstsabotage auf den Stand der fünfziger Jahre zurückmanövriert: "Der amerikanische Feminismus ist vom amerikanischen Narzissmus übertrumpft worden." Nennen wir es doch einfach "Selbstverwirklichung".



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