Castorf-Inszenierung in München Wo sich Brecht und Bulldogge treffen

Ob Kommunisten oder Nazis, hier kriegt jeder sein Fett weg: Frank Castorf rotzt am Münchner Residenztheater einen anarchisch-altväterlichen Rundumschlag auf die Bühne, der sich grob an Ödön von Horváths Depressions-Stück "Kasimir und Karoline" orientiert. Zumindest seine Energie begeistert.

Alte Männer, junge Frauen: Ohne die geht es bei Castorfs "Kasimir und Karoline" nicht
Matthias Horn

Alte Männer, junge Frauen: Ohne die geht es bei Castorfs "Kasimir und Karoline" nicht


Das Stück beginnt nach zweieinhalb Stunden. So lange braucht Regisseur Frank Castorf, bis er in seiner Inszenierung von Ödön von Horváths Oktoberfest-Stück "Kasimir und Karoline" mal dazu kommt, den Anfang des Dramas, wie ihn der Autor in seiner letzten Fassung vorgesehen hatte, in sein wüstes Textkonglomerat einzubauen. Bis dahin hat er schon mächtig politisiert, die Zuschauer im Münchner Residenztheater sehr amüsiert, ihre Geduld ordentlich strapaziert und ihnen auch schon eine Pause gegönnt.

Horváth erzählt vom Liebespaar Kasimir und Karoline, die zusammen aufs Münchner Oktoberfest gehen. Kasimir ist nicht gut drauf, er ist Chauffeur und gerade entlassen worden. Karoline lässt ihn bald stehen und geht erst mit dem kleinen Angestellten Schürzinger mit, später lässt sie sich von seinem Chef, dem Fabrikanten Rauch, auf Alkohol und eine Fahrt in seinem Cabriolet einladen. Der will natürlich nur das eine von ihr, während sie vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. Als Karoline reumütig zu Kasimir zurückkehrt, hat der eine andere. Und Horváth hat die Frage beantwortet, ob man "die allgemeine Krise und das Private" trennen kann oder "diese beiden Komplexe unheilvoll miteinander verknüpft" sind.

Für Castorf hatte schon immer alles mit allem zu tun. Seine Horváth-Überschreibung ist ein echter Castorf geworden: Er schert sich nicht um den Handlungsverlauf, springt vor und zurück, ergänzt das Ganze mit Szenen aus frühen Stückfassungen und viel anderer Textmasse (vor allem aus der Entstehungszeit des Stücks Anfang der dreißiger Jahre, unter anderem von Ernst Jünger), assoziiert wild, provoziert, nervt, überfordert und schafft große Momente.

Alle kriegen ihr Fett weg - und auch ein bisschen Dreck

Die Bühne ist entsprechend ein schöner Verhau mit einem leuchtendrot bespannten Rahmen darüber, rechts gibt es eine Art spanische Wand aus alten Türen, die später unter großem Getöse in einen Verschlag umgebaut wird. Vorne links steht erst ein Küchentisch, der ein Biertisch sein soll, dann eine Toilette mit zwei zum Zuschauer offenen Kabinen, eine davon verdammt schmutzig, der Ort für die intimeren Dialoge.

Bei Castorf kriegen hier alle ihr Fett und gern auch eine Portion Dreck weg: die Kleinbürger mit ihrer Zukunftsgläubigkeit, die Großkapitalisten und Akademiker, von denen sich Karoline Rettung erhofft, die Kommunisten und die Nazis, die Party-Mädchen in den VIP-Lounges und schon fast zwanghaft die Alten: Einer tönt immer groß, er sei jetzt 61 Jahre alt, als ob das ein Verdienst sei. Castorf ist in diesem Jahr 60 geworden. Der allzu sanfte Spötter und Andeuter Horváth wird genauso durch den Kakao gezogen wie sein politisch so viel eindeutigerer Zeitgenosse Brecht. Und auch die Überforderung des Zuschauers gesteht Castorf sozusagen freiwillig ein und verhöhnt sie sogleich.

Es ist ein anarchischer Rundumschlag, mit überflüssigen Provokationen wie der, dass Karolines Papa (Götz Argus) auf ein großes Holzkreuz pinkelt (wovon sich im Jahr 2011 auch in München niemand mehr ärgern lässt), schlechten Witzen wie dem über den Münchner Kammerspiel-Intendanten Johan Simons, der als "Mann mit dem Bulldoggkopf" aus dem oktoberfestlichen Abnormitäten-Kabinett geschildert wird, und genialen Momenten wie dem, als sich Kasimir und Karoline gegenseitig mit langen Ernst-Jünger-Passagen zutexten, und Karoline dann alles in einem Moment auflöst mit dem schönen Horváth-Satz: "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander."

Endlich der Kehraus!

Birgit Minichmayr ist eine grandios rotzige und trotzige, lebenslustige und traurige, glamouröse Karoline, Nicholas Ofczarek ein sensationeller Kasimir, der sich nicht zu blöd ist, aus einer roten gestrickten Kinderhose seinen Bauch hervorzustrecken. Er brüllt voller Rage und greint jämmerlich und nimmt an der Rampe jederzeit das Publikum und die Souffleuse für sich ein. Sein Salzburger Jedermann ist nichts dagegen.

Überhaupt spielen alle mit Vollgas. Bibiana Beglau stemmt bravourös und schön androgyn die Dreifachrolle von Schürzinger, der devoten Erna und der herrschsüchtigen Rosa und überrascht zwischendurch mit sanften, fast zärtlichen Momenten, auch Shenja Lacher als Merkl Franz und Jakob verausgabt sich bis zur Erschöpfung. Und wie oft bei Castorf wird jede Menge Scherz getrieben mit dem Theater und dessen Mitteln, am lustigsten in dem Moment, als Minichmayr Beglau in ihrem Schürzinger-Kostüm fragt, ob sie nicht eigentlich die Erna sei. Ein Fest intelligenter Schauspielkunst. Es ist der Kehraus, den der neue Resi-Intendant Martin Kusej bei seinem Antritt Anfang des Monats angekündigt hatte.

Das alles ergibt in seinen fast viereinhalb Stunden keine gelungene Inszenierung, auch in Castorfschen Kategorien nicht, dafür rennt er zu viele offene Türen ein und lässt zu lang dozieren. Das Verhältnis von großartigen Passagen zu nervigen fiel früher, in den goldenen Neunzigern, günstiger aus bei ihm. Aber die Energie, die er an den Spitzen freisetzt und die man so viel zu selten erlebt im Theater, entschädigt bei "Kasimir und Karoline" für die Mühen der großen Text-Ebenen.



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