Karikaturen-Krise der "New York Times" "Unglaublich feige"

Das neue Cover des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" wird weltweit nachgedruckt. Einige US-Zeitungen aber weigern sich - allen voran die "New York Times". Kritiker sind empört.
Internationale Ausgabe der "New York Times" (in Pakistan): Leerstelle statt Karikatur

Internationale Ausgabe der "New York Times" (in Pakistan): Leerstelle statt Karikatur

Foto: AAMIR QURESHI/ AFP

"Vergesst bei all dem Aufruhr im Nachrichtengeschäft nicht, wie gut wir sind", ermunterte Dean Baquet, Chefredakteur der "New York Times", seine zwangsgeschrumpfte Mannschaft in einem Neujahrsmemo. "Unsere Berichterstattung bleibt großartig." Die unveränderte Mission: "Große Geschichten enthüllen" und "den Mächtigen harte Fragen stellen".

Die einflussreichste Zeitung der Welt muss sich aber zunächst einmal diesen harten Fragen selbst stellen. Es geht um das Attentat auf "Charlie Hebdo": Nach dem Massaker scheuten viele US-Medien anfangs davor zurück, die Karikaturen des Satiremagazins nachzudrucken - ein beschämendes Zeugnis der Selbstzensur, so Kritiker.

Inzwischen sind die Zeichnungen in den USA allerorts zu sehen: an Kiosken, in Supermärkten, im Internet. Nur noch wenige US-Blätter verweigern sich - allen voran die "NYT". Zuletzt am Dienstag, als "Charlie Hebdo" sein neues Cover vorstellte, eine Karikatur des Propheten Mohammed. Das meldete auch die "NYT"  - ohne das Titelbild selbst zu zeigen. Stattdessen warnte sie davor, dass diese jüngste Provokation "gefährliche neue Leidenschaften entzünden könnte ".

Erneute US-Debatte um Meinungsfreiheit und Selbstzensur

Feigheit, politische Überkorrektheit - oder Prinzipientreue? Nach dem Streit um den Sony-Film "The Interview" ist dies schon die zweite Debatte um Meinungsfreiheit und Selbstzensur, die die USA in kürzester Zeit bewegt - eine Debatte, die mittlerweile sogar den Zank um das Fehlen von US-Präsident Barack Obama beim Pariser Trauermarsch überschattet. Die "NYT", so der Tenor der wachsenden Kritik, habe sich von den Terroristen einschüchtern lassen.

Das streitet die Zeitung vehement ab. "Gemäß der Richtlinien der 'Times' veröffentlichen wir normalerweise keine Bilder oder andere Materialien, die absichtlich religiöse Gefühle beleidigen", rechtfertigt der zuständige "NYT"-Redakteur Philip Corbett den neuerlichen Verzicht. "Nach sorgfältiger Überlegung hat die 'Times'-Redaktion beschlossen, dass eine Beschreibung der Karikaturen den Lesern genügend Informationen gibt."

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Erste "Charlie Hebdo" nach Anschlag: Mohammed weint

Beschreiben statt zeigen: Mit dieser Floskel konnte die "NYT" aber schon vorige Woche nicht überzeugen. "Wenn ihr der ehrwürdigste Vertreter des amerikanischen Journalismus seid", wetterte der wohl prominenteste US-Medienkritiker Jeff Jarvis, "dann steht zu 'Charlie Hebdo', verdammt noch mal, und informiert euer Publikum. Veröffentlicht die Karikaturen."

"Medien, die das jüngste Cover von 'Charlie Hebdo' nicht zeigen", monierte Matt Welch, Chefredakteur des konservativen Magazins "Reason", "fürchten sich entweder vor einem Bombenanschlag oder davor, dass sie ihre Umsätze im Ausland gefährden könnten." Tatsächlich wurde in Pakistan ein Artikel über das Attentat auf "Charlie Hebdo" sogar gänzlich aus der "International New York Times" getilgt. Wie es in einem Statement unter dem leeren Bereich hieß, habe die "NYT" selbst allerdings keinen aktiven Einfluss darauf genommen - der Artikel sei von den pakistanischen Verlegern entfernt worden.

Auch der legendäre Karikaturist Art Spiegelman nahm die "NYT" in die Pflicht: "Es ist so scheinheilig, sich in den Mantel der freien Meinungsäußerung zu hüllen und dann selbst zu zensieren", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "NYT"-Ombudsfrau Margaret Sullivan zitierte auf ihrem Blog etliche Leserbriefe, die sich ebenfalls über die "unglaublich feige Entscheidung" und "Pflichtverletzung" empörten. "War die 'Times' feige?", fragte Sullivan und konfrontierte Baquet mit den Zuschriften. Der Chefredakteur hatte erst vor acht Monaten die Nachfolge der unfein gefeuerten Jill Abramson angetreten.

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Baquet entgegnete, er sei anfangs für eine Veröffentlichung der Karikaturen gewesen - aus Solidarität und als Zeichen der "freien Meinungsäußerung". Nach Rücksprache mit führenden Redakteuren und Reportern habe er sich dann aber umentschieden - nicht nur aus Sorge "um die Sicherheit der Mitarbeiter", sondern aus Rücksicht auf "die Gefühle der 'Times'-Leser, vor allem ihrer muslimischen Leser".

Das jedoch brachte die Kritiker nur noch mehr auf die Palme. "Es ist vielsagend, dass die 'Times' in der Vergangenheit keine Skrupel hatte, Bilder zu veröffentlichen, die andere Glaubensrichtungen beleidigten", schrieb Vincent Carroll, der Meinungschef der "Denver Post" - einer der wenigen US-Zeitungen, die die Karikaturen von Anfang an zeigten.

Eines muss man Baquet lassen: Er nimmt sich die Kritik sehr zu Herzen. So sehr, dass er auch mal richtig ausrastet - ein Charakterzug, für den er in der Redaktion bekannt ist. Zum Beispiel, als ihn jetzt der Journalismusprofessor Marc Cooper scharf angriff: "Wie viele Menschen müssen noch kaltblütig erschossen werden", schrieb er auf Facebook, "bevor deine Zeitung beschließt, dass du uns zeigen kannst, was die Killer provoziert hat?"

Diesmal fand Baquet eine Beleidigung durchaus angebracht. Seine Antwort: "Arschloch."