S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Terror, Schmerz, Wahnsinn - es wird nie enden

Wir leben unter Mördern, jeder hat eine dunkle Seite. Hilft es da, wenn schon Säuglingen beruhigende Hormondosen verabreicht werden?

Die Morde in Paris liegen heute bereits drei Tage und vermutlich 6000 Kommentare und Kolumnen zurück. Eventuell ist das Interesse der Mediennutzer, der sogenannten Weltöffentlichkeit, schon wieder bei einer neuen Katastrophe. Vielleicht ist ein Orkan über Deutschland gezogen, eine Überschwemmung in der Schweiz, ein vermisstes Flugzeug, eine untergegangene Fähre.

Für die Familien der Ermordeten in Paris ist nichts wie vorher, und wer gehofft hatte, das letzte Katastrophenjahr hätte alles an möglichem Irrsinn in der Welt verbraucht, merkt: Es wird alles genauso weitergehen, es wird dichter werden, das Wetter furchtbarer, die Menschen verrückter, es wird sich nichts in Frieden auflösen, warum auch. Viele Kommentatoren suchen immer noch nach Gründen. Einer der Mörder wurde nach Betrachten der Abu-Ghuraib-Fotos radikalisiert. Ein anderer durch den Nahostkonflikt, der nächste durch soziale Ungerechtigkeiten.

Aber alles auf der Welt ist ungerecht verteilt, denn Gerechtigkeit stand in keinem Vertrag, den wir per Geburt unterzeichnet haben. Nichts unterscheidet den Terror in Paris vom Terror in Israel. Nichts unterscheidet die Morde in Syrien von Neonazis, die Ausländer umbringen. Wenn gerade eine Religion verfügbar ist, in deren Schutz ein Mörder seine Wut auf das Leben ausleben kann: welcome.

Jedes Gefühl von Gruppenzugehörigkeit stärkt das Macht- und Rechtsgefühl einzelner Idioten, die, warum auch immer, in ihrem Leben nach einem Kick suchen, nach etwas, das größer ist als sie, nach dem Verbotenen, dem Brutalen, dem Ausnahmezustand der Hormone. Oft werden Nazis, Terroristen, Mörder von Frauen unterstützt. Mitunter sprengt sich eine in die Luft, ansonsten verhindert meist vermutlich der weibliche Hormonstatus das komplette Ausrasten, oder es fällt aus, weil vielerorts Frauen nichts zu sagen haben.

Vielleicht werden wir alle in Feigheit enden

Was, wenn mehr Bildung gar keine Lösung wäre, sondern einzig den Prozentsatz potenzieller Mörder auf der Welt ein wenig verringern würde. Was, wenn es nicht um gedemütigte Menschen ginge, die hinter all dem wachsenden Irrsinn der Welt stünden, sondern einfach um eine Zunahme von durch entfesselte Neurotransmitter befeuerten Mordvergnügen auf der Welt. Das Netz, die Medien zeigen täglich großartige Möglichkeiten, wie man seine dunkle Seite ausleben kann. Es scheint so einfach. Das Opfer entmenschlichen - und los geht's.

Die Eigenverantwortung des Individuums. Ein lustiger Gedanke. Zu jeder Zeit war es Führern gelungen, Menschen für den größten Schwachsinn zu begeistern. Klare Feindbilder, einfache Zusammenhänge, der Zuhörende des Führers wird immer zum Opfer erklärt. Zum Opfer der Juden, des Islam, zum Opfer der Regierung, oben, unten, rechts, links. Und die Massen, die sich nie durch große gemeinsame Intelligenz auszeichnen, folgen, glücklich darüber, endlich zu wissen, warum sich ihr Leben so enttäuschend klein anfühlt.

Im Moment ist uns also der Islam der Feind Nummer eins. Schauen wir uns an, wer das predigt und welches persönliche Manko dahintersteht. Morgen können es Christen sein, Rothaarige, Männer oder Frauen, Homosexuelle oder Buddhisten. Es wird sich mit geschickter Taktik und Hemmungslosigkeit, mit ein wenig Rhetorik und dem Willen zur Macht immer eine Gefolgschaft für die wirrsten Thesen finden lassen.

Eine Hoffnung gibt es nicht. Keiner hat uns Gerechtigkeit versprochen. Die Menschen werden weitermachen wie immer, sie werden sich hassen und töten. Vielleicht werden alle Länder irgendwann Mauern um sich errichten. Vielleicht werden wir alle in Feigheit enden. Oder in einer Welt, in der jedem Säugling beruhigende Hormondosen verabreicht werden. Im Gegensatz zu vielen gestehe ich meine Dummheit. Ich habe keine Antwort. Oder jeden Tag eine andere. Ich versuche, kein Arschloch zu werden. Nicht an einfache Lösungen zu glauben. Nicht feige zu werden. Mehr ist nicht drin.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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