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01. Dezember 2016, 15:42 Uhr

"Charlie Hebdo" auf Deutsch

La Merkel strippt für die freie Welt

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Heißt es statt "Je suis Charlie" nun "Ich bin Karlchen"? Nein, die erste deutschsprachige Ausgabe des Satireblatts "Charlie Hebdo" bleibt eng am französischen Original. Das macht sie eher lehrreich als lustig.

In Frankreich liegt das Satireblatt "Charlie Hebdo" in dieser Woche mit einer Zeichnung des Karikaturisten Juin auf dem Cover an den Kiosken. Sie zeigt den gerade per Urwahl zum konservativen Präsidentschaftskandidaten gewählten Politiker François Fillon, genau genommen: Fillons Gesicht als Mokassin-Schuh mit seinen auffälligen Augenbrauen als Quasten.

Mokassins mit Quasten - die waren doch zuletzt in den Achtzigern in Mode. Insofern illustriert die Zeichnung sehr schön die Nostalgie für ein vergangenes Frankreich, für das François Fillon nach Ansicht des "Charlie Hebdo"-Leitartiklers Riss steht: "Fillons Frankreich möchte wieder im Renault 16 fahren", heißt es darin, es werde "nach Kunstlederautositzen riechen, deren Ausdünstungen die Kinder in den Siebzigern erbrechen ließen".

Wir können das hier auf Deutsch zitieren, weil Riss' Editorial auch in der am Donnerstag erschienenen deutschsprachigen Ausgabe von "Charlie Hebdo" prominent platziert ist. Und wer ein bisschen Interesse an französischer Innenpolitik mitbringt, kann sich durchaus amüsieren über den darin skizzierten Abstieg von den Literaturkennern Pompidou und Mitterand über Sarkozy, "Liebhaber von Armbanduhren" bis zu dem Hobby-Rennfahrer Fillon. Der in Deutschland noch nicht weithin bekannte konservative Katholik wird jedenfalls plastischer durch diesen Text.

Auf dem Titel der ersten deutschen "Charlie Hebdo" ist aber nicht Fillon, sondern, wie angekündigt, Angela Merkel zu sehen: Auf der Zeichnung von Walter Foolz liegt sie auf einer Hebebühne, und ein VW-Arbeiter mit Ersatzteil in der Hand sagt: "Ein neuer Auspuff, und es geht noch vier Jahre weiter." Blättert man die Zeitung auf, sieht man gleich neun Merkel-Karikaturen: die Kanzlerin als striptanzende "letzte Bastion der freien Welt" etwa, als Castro-artige "Cancellaria Maxima" oder mit sozialistischem Gruß dem Vorbild Honecker (und nicht etwa Kohl) nacheifernd.

Ist das originell? Es hält sich in Grenzen. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass Karikaturen mit Klischees arbeiten, um ihre Aussage prägnant und schnell verständlich zu zeigen. So kriegt man also ein rasches Bild davon, wie Angela Merkel in Frankreich gesehen wird.

Die Prägnanz ihrer Karikaturen ist es, was den Ruf von "Charlie Hebdo" ausmacht, insbesondere seit dem Anschlag auf die Redaktionsräume am 7. Januar 2015 wurden immer mal wieder Titelseiten des Blatts international zum Thema. Doch viele, die sich nach dem Attentat, bei dem zwölf Menschen starben, unter dem Slogan "Je suis Charlie" solidarisch erklärten, hatten wohl noch nie eine komplette Ausgabe der Zeitung gelesen - zumindest in Deutschland nicht. Weil das Interesse an "Charlie Hebdo" aber so groß war, entschlossen sich die Herausgeber, eine deutsche Fassung auf den Markt zu bringen (Lesen Sie hier die Hintergründe zur Entstehung der deutschen "Charlie Hebdo"-Ausgabe).

Spaßbeilage für "Le Monde Diplomatique"-Leser?

Tatsächlich ist eine vierseitige gezeichnete Reportage darüber, wie Deutsche über ihr Leben in Deutschland und das Deutschsein denken, als Form überraschend und auch inhaltlich überraschend erhellend. Außerdem ist der Textanteil insgesamt recht hoch - und diese Texte vermitteln die Atmosphäre eines Pariser Restaurantgesprächs, bei dem allerdings auch mal ein böses Wort fallen darf.

Da wird mit der französischen Atomlobby abgerechnet, es gibt die Freud-Kolumne eines Psychoanalytikers, und die Schriftstellerin Marie Darrieussecq bespricht ein philosophisches Buch über den "Dschungel" von Calais. Alles sehr interessant, alles sehr lehrreich. Und alles sehr französisch. Bei diesen Texten wirkt das deutsche "Charlie Hebdo" wie eine Ergänzung für die Leser von "Lettre International" oder der "taz"-Beilage "Le Monde Diplomatique" - bloß, dass deren Texte eleganter übersetzt sind.

Aber immer, wenn es allzu distinguiert werden könnte, kommt "Charlie Hebdo" dann doch wieder mit einem Comic um die Ecke, bei dem sich muslimische Männer an einem unter der Burka hervorblitzenden Fuß aufgeilen. Oder man zeigt Fidel Castros Adidas-Trainingsanzug, der die Fahne der Revolution hochhält.

Allerdings: Nichts davon wäre in altbekannten Satiremagazinen wie "Titanic" oder "Eulenspiegel" undenkbar. Unverzichtbar machen könnte sich "Charlie Hebdo" höchstens durch den wöchentlichen Erscheinungsrhythmus. Ob die Treffsicherheit in den Themen aus Paris dafür ausreicht, wird man sehen. Gut möglich, dass "Charlie" auch auf Deutsch ein Vergnügen vor allem für Frankophile bleibt.

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