Terror als Schauspiel Krieg mit der Kamera

Angst und Schrecken wollen Terroristen verbreiten - mit Anschlägen und mit deren Inszenierung. Die neue Studie "Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden" liefert eine detailreiche Geschichte des Kriegs mit anderen Mitteln.

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Krieg und Kamera sind eng miteinander verwandt. Seit Kameras zur Dokumentation des Ersten Weltkriegs eingesetzt wurden, ist es ihr Schicksal, mit der Waffe assoziiert zu werden, das betont der Medientheoretiker Paul Virilio immer wieder. Hollywood hat dies auf die Spitze getrieben, wenn man an die im Kriegsfilm beliebten Einstellungen denkt, in welchen die subjektive Kamera mit dem Fadenkreuz von Gewehren verschmilzt.

Heute zeigt die alltägliche Berichterstattung über Terror und Gewalt in Fernsehen, Zeitungen und sozialen Netzwerken: Die eigentlichen Kriege finden nicht so sehr zwischen klar abgrenzbaren Nationen und schon gar nicht mehr auf dem klassischen Schlachtfeld statt, sondern in den Medien, in Liveaufnahmen, Propaganda- und Handyvideos.

Zugegeben, so ganz neu mutet diese Beobachtung nicht an. Allerdings lohnt es, den politischen und ideologischen Einsatz von Fotografien und Mitschnitten genauer zu analysieren, wie es die Berliner Kunsthistorikerin Charlotte Klonk nun in ihrer kenntnisreichen Studie "Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden" getan hat. Ihr Blick in die Geschichte erweist sich als äußerst aufschlussreich, um die mitunter perversen Auswüchse von heute - angefangen bei Geiselaufnahmen bis zu im Netz schwirrenden Hinrichtungsvideos - besser zu verstehen.

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Charlotte Klonk:
Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden

S. Fischer, 320 Seiten, 25 Euro

Die Autorin taucht daher zunächst in das 19. Jahrhundert ein und erläutert, wie die Ermordung des russischen Zaren Alexander II. am 13. März 1881 in der Tradition der Tyrannenmorde zu einer bis in die Gegenwart nachwirkenden Zäsur beitrug: Zeitungen ließen Skizzen von der Explosion seiner Kutsche anfertigen. Kurz darauf wurden von der Exekution der Attentäter ebenfalls Bildzeugnisse veröffentlicht. Das Gewaltmonopol liegt einzig beim Staat, so die Aussage dieser Strategie.

Dabei blieb es jedoch nicht. Anarchisten in Paris fassten bald schon nicht mehr ausschließlich politische Funktionäre als Träger der bürgerlichen Ordnung ins Auge, sondern die Zivilbevölkerung. Das Motiv, dessen Wirkung die damaligen Boulevardmedien verstärkten: Angst und Verunsicherung. Denn Bilder getöteter Menschen - etwa von einem Bombenanschlag auf das Café Terminus am 12. Februar 1894 - implizierten, dass deren Zahl bei kommenden Gewalttaten steigen könnte.

US-Flagge vor Ruinen des World Trade Centers
AP

US-Flagge vor Ruinen des World Trade Centers

Und heute? Nehmen wir die "Mutter aller Ereignisse", wie Jean Baudrillard die Terrorakte von 9/11 nannte: Auch hierbei geht es um Panikmache, mehr noch: um Kriegserklärung. Doch die visuellen Darstellungen lassen weitaus differenziertere Befunde zu. Klonk weist darauf hin, dass Fotos der Feuerwehrmänner mit der Stars-and-Stripes-Flagge über dem Trümmerhaufen der Twin Towers patriotische Ikonografien aus dem Zweiten Weltkrieg von Fahnen hissenden Soldaten verarbeiten und den symbolischen Sieg der Freiheit und Humanität beschwören.

Von krudem Pathos zeugen hingegen Videos von Osama Bin Laden nach den Anschlägen. Sie setzten dem Gestus der amerikanischen Standfestigkeit und Solidarität das Gefühl von Hass, Rache und heroischer Überlegenheit entgegen. Wenn die US-Medien wiederum Bin Ladens Tötung inszenatorisch ausschlachten, werden psychosoziale Bewältigungsstrategien bedient. Gezeigt wurde der tote Terrorführer dabei allerdings nicht. Zum einen, weil man keinen Märtyrer stilisieren wollte, zum anderen, weil es eine Form der Pietät einzuhalten galt, die in Zeiten unkontrollierten Skandalpostings kaum mehr Gültigkeit besitzt.

Verständnis für die Wirkungsabsichten der Bildermacher

Unzählige Aufnahmen von Tötungen und Misshandlungen kursieren im Netz. Darf das sein? Was dürfen und müssen Medien zeigen? Wo die breite Bevölkerung ein Interesse an der unverschleierten Öffentlichmachung von Menschenrechtsverstößen haben muss - ansonsten hätten die grausamen Vorgänge in Abu Ghuraib möglicherweise zu keinen Konsequenzen geführt -, müssen aufseiten der Opfer von Verbrechen Persönlichkeitsrechte gewahrt werden.

Klonk diskutiert in ihrem letzten Kapitel zur Medienethik vieles, ohne wirkliche Antworten zu geben. Eindeutige Lösungen würden der Komplexität dieses Feldes vielleicht auch nicht gerecht werden. Was der Kunsthistorikerin hingegen mit Bravour gelingt, ist die Schärfung unseres Bewusstseins. Sie zwingt uns, die Haltung des passiven Medienkonsumenten aufzugeben und ein Verständnis für die unterschiedlichen Wirkungsabsichten hinter den Bildermachern zu entwickeln.

Statt einer Geschichte über den Terror legt sie eine Geschichte über dessen Inszenierung vor, gewissermaßen eine Schule des Sehens. Entstanden ist ein höchst aktuelles und befundreiches Panorama über eine Welt im Taumel der Bilder.



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Oberleerer 01.06.2017
1.
Und was lernen die Medien daraus? Einige haben sich auferlegt, keine Fotos mehr zu veröffentlichen, sondern nur eine kurze Mitteilung und andere Erstellen 5 Topstories mit Fotoserien. Terrorakte richten sich nicht primär gegen staatliche Ziele, sondern sollen ganze Volksgruppen einschüchtern. Das funktioniert aber nur, wenn diese prominent informiert werden. Leider funktioniert das immer noch sehr gut, obwohl wir Journalistikschulen haben.
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