Chinas Radiosender CRI "Wir sind die Maske der Propaganda"

Vielsprachig, modern, modisch: So präsentiert sich China Radio International. Der zweisprachige Sender ist vor allem bei Studenten und jungen Angestellten beliebt und steht für eine neue Weltoffenheit. Die Nachrichten unterliegen jedoch nach wie vor der Zensur.


Zwei Sorten von Menschen passieren täglich die Kontrollen am Eingang zum staatlichen Sender China Radio International: Chinesen und Ausländer. Getrennte Abteilungen regeln ihren Zugang zu dem 15-stöckigen Hochhaus, das im äußeren Westen von Peking sämtliche Gebäude im Umfeld überragt. China Radio International, kurz CRI , ist der einzige internationale Radiosender Chinas. Sein Programm in 43 Sprachen soll die "Völkerverständigung und Freundschaft zwischen Chinesen und Menschen weltweit fördern".

Damit ist CRI so etwas wie Chinas Deutsche Welle. Seit 2000 sind dort auch in China immer mehr Ausländer beschäftigt, rund 150 sind es heute. Ihr Arbeitsplatz liegt mitten im chinesischen Spannungsfeld zwischen Öffnung und Kontrolle.

Die englische Abteilung im fünften Stock ist das Herzstück des Senders. Riesige Displays markieren die Großraumbüros von "CRI News Radio", der Musikwelle "Hit FM" sowie des zweisprachigen Unterhaltungsprogramms "Easy FM". Im Jahr 1984 ursprünglich für englischsprachige Berichte ins Ausland gegründet, wendete sich der zweisprachige Sender Easy FM auch an die Ausländer, die zum Geschäftemachen in das sich wirtschaftlich öffnende China kamen.

Mitte der neunziger Jahre wurde der Sender mit seinen lockeren Talkshows, westlicher Musik und jungen Moderatoren auch unter Chinesen populär. Heute erreicht er allein in Peking und Shanghai 33 Millionen Hörer. Die regierungsnahe Zeitung "China Daily" lobte das "progressive Format" als "Zeichen von Chinas Modernisierung und Internationalisierung".

Zielgruppe sind die Gewinner der ökonomischen Modernisierung Chinas: Studenten und Angestellte mit Auslandserfahrung und überdurchschnittlichem Gehalt, die ihre Englischkenntnisse vertiefen wollen. Auf sie sind Formate wie "China Drive", "Sunset Boulevard" und "Beat Generation" zugeschnitten: Sendungen, die für leichte Unterhaltung, Lifestyle und Karrierethemen stehen.

Propaganda-Banner in der Lobby

Das perlende Lachen von Yu Zhou, der modebewussten Moderatorin von "Easy Morning", ist wie fürs Radio gemacht. Als die 28-Jährige durch den Sender führt, offenbart das erst 13 Jahre alte Gebäude seinen stellenweise maroden Zustand: Im Lift fehlt die Verkleidung, Aufnahmestudios mit trübe gewordenen Scheiben sind bereits für die anstehende Renovierung leergeräumt.

Wie in vielen Gebäuden der Neunziger haben hastiges Bauen, schlechte Materialien und unqualifizierte Wanderarbeiter ihre Spuren hinterlassen. Doch im Eingangsbereich entstehen mit hellem Holz verkleidete, großzügig designte Studios, in denen der Sender bald nationale Popstars und andere Prominente empfangen möchte.

Vorne Pop, in der Mitte Propaganda. Die meterhohen Säulen im Forum sind mit den typisch rot-weißen Propaganda-Bannern der Regierung verkleidet: "Freie Berichterstattung in verschiedenen Sprachen über Olympia unter Benutzung der Möglichkeiten der neuen Medien und Kommunikationstechniken" verkündet die eine Säule. "Grünes Olympia, technisches Olympia, kulturelles Olympia – drei Prinzipien" die andere. Viele Mitarbeiter nehmen diese Botschaften erst auf Nachfrage wahr.

"Easy FM war für mich als Jugendliche eine absolute Entdeckung", sagt die Moderatorin: "Der Slogan meiner Lieblingsshow 'Always find the joy in your life' wurde für mich lebensleitend." Yu Zhou sieht es als ihre Mission an, "den Leuten ein bisschen gute Laune zu machen und sie in ihrem Alltag zu begleiten". Ihre Morgenshow richtet sich an die wohlhabenden Autobesitzer Chinas, die auf dem Weg zur Arbeit mit ihr Probleme in Job, Liebe und Alltag diskutieren – vom Handy aus. Bald möchte die junge Prominente selbst ein Auto kaufen.

Tibet und Taiwan sind tabu

In einem neuen Studio zeichnet ein Moderatorenteam gerade die Nachmittagsshow "Third Wheel" auf. Moderator Raymond, ein in Kanada und Kalifornien aufgewachsener Chinese, ist wie die meisten Ausländer im Sender Quereinsteiger ohne journalistische Ausbildung. Seine Kollegin Ya Jie, eine fröhliche Chinesin mit Designerbrille, hat ihren perfekten amerikanischen Akzent an einem College in Zentralchina gelernt. Sie schreibt die Skripte, in denen sich englische Notizen mit chinesischen Schriftzeichen abwechseln.

"Wir übersetzen nicht einfach nur, das wäre für unsere zweisprachigen Hörer zu langweilig, sondern wir werfen uns Bälle zu und kommentieren das, was die andere Person sagt”, erklärt Raymond, der mit seinem Ausländerchinesisch nur rund 30 Prozent dessen versteht, was seine Partnerin sagt. Der kosmopolitisch anmutende Cross-Talk wirkt dennoch flüssig und leicht.

Vor den olympischen Spielen ist CRI als staatlicher Medienpartner auf Aufklärungskurs: Mit Scherzen und Gewinnspielen versehen, sollen die chinesischen Hörer heute alles über die Sportart Judo lernen. Wie sie das Wissen vermitteln, können die Moderatoren frei entscheiden – für die chinesischen Angestellten des Senders ein großer Freiraum.

Doch Raymond hält diese Freiheit inzwischen für Desinteresse der Sendeleitung: "Unsere Talkshows sollen die Hörer durch Entertainment und westliche Musik empfänglich für die stündlichen Staatsnachrichten machen. Wir sind nur die freundliche Maske der staatlichen Propaganda. Und natürlich" - hier senkt der sonst so spitzzüngige Moderator automatisch die Stimme - "dürfen wir nicht über Tibet oder Taiwan reden." Er kann das sagen, weil er Ende August seinen Job beenden und danach als selbständiger Café- und Ladenbesitzer arbeiten wird.



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