Chinesische Architektur Fachwerk statt Glasberg

In China boomt das Baugewerbe, doch zwischen staatlich verordneten Arbeiterkasernen und den Prestige-Bauten des internationalen Design-Jetsets sieht man die heimische Architektur-Avantgarde kaum. Ein Bildband stellt sie jetzt vor - blickt jedoch auch nicht ganz durch.


In China grassiert die Lust an der Turbo-Architektur: Rund die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen zieht es in die Stadt. Kein Wunder also, dass der urbane Bau wie im Zeitraffer abläuft. Städte werden am Reißbrett geplant und entstehen, zumindest aus europäischer Perspektive, quasi über Nacht. Die Ergebnisse dieses Baubooms sind oftmals so hässlich wie hausgemacht.

Andererseits ist das Land seit seiner wirtschaftlichen Öffnung Ende der siebziger Jahre immer mehr zum Experimentierfeld internationaler Architekten geworden. Die von Rem Koolhaas gebaute Zentrale des Staatsenders CCTV oder das Olympiastadion vom schweizerischen Architekturbüro Herzog & de Meuron sind nur die jüngsten Beispiele dafür, dass China seine spektakulärsten Bauten noch immer aus dem Ausland importiert. Für die staatlichen Auftraggeber sind die Prestigeobjekte Propaganda in Stahl und Glas.

Leider verpassen es die meisten Architektur-Bildbände, diese auf Faszination abzielenden Gebäude kritisch zu hinterfragen. Sie präsentieren die glänzenden Wolkenkratzer ehrfurchtsvoll im Großformat, ohne sich mit dem gesellschaftlichen Stellenwert von Architektur auseinanderzusetzen. Der Fotoband "Sinotecture" erweitert jetzt jedoch das Spektrum der Veröffentlichungen zum Thema.

Kommunistisch karge Wohnsiedlungen

Das Buch stellt vierzig chinesische Architekturbüros vor, von denen nur die wenigsten bisher über die Landesgrenze hinaus aufgefallen sind. Dieser Blick von Innen verdankt sich der Kooperation des deutschen Dom-Verlags mit dem chinesischen Architektur-Verlag Liaoning Science and Technology, der die Auswahl traf.

"Sinotecture" zeigt einen Querschnitt durch die Architekturszene Chinas. Auch Projekte außerhalb der Metropolen Shanghai und Peking werden präsentiert und machen deutlich, dass die Zeiten, in denen wenige staatliche Planungsinstitute kommunistisch karge Wohnsiedlungen in großer Masse bauten, an manchen Orten schon vorbei sind.

Einen eigenen Stil konnten viele Büros derweil noch nicht entwickeln: Der Fotoband veranschaulicht, dass sich die meisten Architekten allzu offensichtlich aus dem Repertoire bekannter Stile bedienen (bis hin zum Fachwerk!), ohne innovative Neuerungen hinzuzufügen.

Interessant ist "Sinotecture" dennoch: Viele abgebildete Wohnsiedlungen spiegeln die Vermarktung des chinesischen Hungers nach westlichem Wohlstand und Lifestyle wider. Auch die minimalistischen Villen im gehobenen Segment können als Referenzen an globalisierte Lebensstile interpretiert werden. Ähnliches gilt für neugebaute Universitäten und Forschungszentren.

Nur wenige der vorgestellten Büros setzen bewusst Akzente, etwa durch die Verwendung regionaler Materialien und das Spiel mit dem traditionellen Architekturrepertoire Chinas. "Standardarchitecture" aus Peking und das "Atelier 100 S+1" bilden Ausnahmen und könnten in Zukunft noch mehr von dem wachsenden Wohlstand der oberen Mittelschicht profitieren. Denn die neuen privaten Bauherren lassen kreative Nischen entstehen, die in vielen Sektoren des staatlich reglementierten Immobiliensektors bislang fehlten.

Am Computer erträumte Bauvorhaben

Und auch ein weiteres Hauptproblem der chinesischen Architektur macht der Band deutlich: Beim Durchblättern fällt auf, dass viele Abbildungen digital erstellt worden sind. Dreidimensionale Postkartenansichten von Entwürfen, sogenannte Renderings, ersetzen echte Fotografien. In strahlenden Farben werden groß angelegte städteplanerische Entwürfe für Wohnsiedlungen am Ufer eines Flusses präsentiert, zeigen sich futuristische Bürotürme neben Villenparks, die Minimalismus mit traditionell-chinesischen Elementen verbinden.

Ob diese am Computer erträumten Bauvorhaben jedoch in die Realität übersetzt werden, ist äußerst fraglich, denn in der chinesischen Baupraxis sind Entwurf und Konstruktion strikt voneinander getrennt. Die geplanten Designs unterscheiden sich oft frappierend von den tatsächlich errichteten Bauten, wie der Herausgeber des Bandes, Christian Dubrau, in einem lesenswerten Essay erläutert.

Wo Fotos fehlen, drängt sich also der Verdacht auf, dass es sich lediglich um hübsche Entwürfe handelt - jedoch nicht um einen Einblick in das, was in China tatsächlich gebaut wird.

So kann und muss "Sinotecture" weniger als Einblick in die gebaute chinesische Architekturrealität gelesen werden, denn als Zeugnis des chinesischen Umgangs mit Bildern und der Repräsentationsfunktion von Architektur.


Christian Dubrau: "Sinotecture. Neue Architektur in China", Dom-Publishing, 58 Euro



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