Chinesisches Olympia-TV Frau Liu und das Fernsehmonstrum

Hallo Welt, hier Peking! Die Show "17 Days" des Staatssenders CCTV sendet täglich stundenlange Berichte über Olympia und China. Vieles davon ist linientreue PR für Völkerverständigung - doch manchmal weht ein Hauch von Subversion durchs Studio.

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Ein amerikanischer Tourist mit Glatze und rotem Hemd steht vor dem CCTV-Turm in Peking, dem neben "Vogelnest"-Nationalstadion und Wasserwürfel prestigeträchtigsten Neubau der Olympiastadt. "Ein Monstrum ist das, es sieht nicht gut aus, das ist einfach übertrieben", sagt er dem verdutzten Interviewer im "I-love-Beijing"-T-Shirt. Er selbst arbeite als Konstruktionsdesigner, und der pompöse Prunkbau in Form eines chinesischen Schriftzeichens gefalle ihm überhaupt nicht.

Die Aussage ist nicht deshalb bemerkenswert, weil das Gebäude von Stararchitekt Rem Koolhaas für viele Besucher Pekings zu den eindrucksvollsten Hochhäusern der Welt zählt. Sie ist bemerkenswert, weil der Sender CCTV selbst die Kritik an seiner neuen Heimstätte ausstrahlt: in der Live-Olympia-Sendung "17 Days", die sonst hauptsächlich auf Wohlfühlbeiträge strikt nach staatlichen Vorgaben setzt.

Jeden Abend zur Prime Time fasst der englischsprachige Sender CCTV-9 den Olympiatag zusammen. Jede Medaille wird vermeldet, feste Programmpunkte sind stolze Olympioniken-Eltern, die mit ihrem halben Provinzdorf vor dem Fernseher sitzen und nachher sagen, wie viel Ehre ihr Nachwuchs der Nation und ihrem Dorf gebracht habe.

Ständig gibt es Wetter- und Verkehrsupdates, außerdem Beiträge über Tourismus, den rasanten Wandel Chinas und Tipps für Ausländer im Pekinger Alltag. Über den Ticker am unteren Bildrand läuft neben Nachrichten über die Südossetienkrise auch Werbung für Touristenführungen in Peking.

Mehrere Moderatoren wechseln sich ab, es gibt viel zu bereden und diskutieren - viel Zeit muss mit Wortbeiträgen gefüllt werden, weil die Sendung über Satellit weltweit zu empfangen ist und deshalb aus rechtlichen Gründen keine Live-Bilder von den olympischen Wettbewerben zeigen darf. Von manchen der glorreichen Siege der Chinesen bekommt der Zuschauer nur Standbilder zu sehen.

Wegen dieser Einschränkungen stehen in der Sendung nicht nur die sportlichen Wettkämpfe im Vordergrund: "17 Days" ist so eine Art Völkerverständigungsfernsehen im CNN-Stil, ein bemühtes Streben nach mehr Harmonie und Verständnis zwischen der westlichen Welt und China. Ständig reflektieren Moderatoren und Talkgäste, was die Welt von China hält, fragen sich, wie die Olympischen Spiele die Meinung über China im Ausland verändern können.

Meist kommen dabei fröhliche Touristen zu Wort, die das Essen, die gut organisierten Spiele oder die Chinesische Mauer loben. Trotzdem lässt Moderatorin Liu Xin eben jenen Beitrag zu, in dem jemand über den neuen CCTV-Turm lästert. Das riecht schon ein wenig nach Subversion auf einem Sender, auf dem mehrfach stündlich Nachrichtenbeiträge mit Sätzen beginnen wie "Das Regierungsprogramm xy hat sich als großer Erfolg erwiesen."

Moderatorin Liu trägt ein rotes Seidentop, Perlenohrringe, hat eine modische Kurzhaarfrisur und sagt gerne, was sie denkt. Das kann sehr brüsk wirken, zum Beispiel nach einem Beitrag über den Goldmedaillengewinner im Gewichtheben. Liao Hui, Sieger in der Klasse bis 69 Kilogramm, entschuldigt sich darin mit ernster Miene, dass er nicht auch noch den Weltrekord gebrochen hat, und bekennt anschließend, wie sehr er sich freut, nach sechs Jahren in Ausbildungsstätten der chinesischen Sportlerförderung erstmals wieder seine Eltern zu sehen. "Tja, die Sportler müssen eben bezahlen, um diese wertvollen Goldmedaillen zu holen", sagt Liu ohne eine Spur von Mitleid. Doch sie traut sich, anders als die meisten ihrer Kollegen, auch mal Kritik an Regierungsprogrammen zu äußern. Zum Beispiel, wenn es um die Liste "Acht Dinge, die man nicht fragt" geht. Darin wurden die Pekinger im Rahmen des umfangreichen Manierenprogramms unterwiesen, dass man Westlern beispielsweise keine Fragen nach Monatseinkommen, Familienstand oder Religion stellen sollte, weil diese für Chinesen alltäglichen Smalltalk-Elemente unhöflich seien. "Wie kann man eine Richtlinie ausgeben, wie man mit Menschen kommunizieren soll?", fragt Liu. "So etwas würde es in den USA nicht geben".

Liu hat auch ein paar Gäste eingeladen zu den Themen. Sie fragt einen in Peking lehrenden amerikanischen Uni-Dozenten und eine amerikanische Hoteltesterin, ob es nicht auch eine Gefahr gebe, sich zu stark für die Besucher zu verbiegen und dabei die eigene Kultur zu verändern. Doch ihre Gäste finden die Liste ganz in Ordnung. Es sei nun mal am Anfang ein Kulturschock, wenn man hierher komme.

Einmal in Fahrt, will Liu nun noch wissen, ob in China nicht aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen westliche Ausländer in positivem Sinne diskriminiert würden - indem beispielsweise Verkäufer sie automatisch besser behandelten als chinesische Gäste. Klar sei das unfair, gibt David Moser von der Beijing Capital University zu, doch dann lobt er die chinesische Gastfreundlichkeit, das sei doch etwas Wunderbares. Schon Konfuzius habe gesagt, man solle froh sein, wenn man Gäste aus der Ferne hat. Konfuzius-Zitate wirken immer, die Harmonie ist wiederhergestellt. Die Gäste scheinen sich auszukennen in chinafreundlicher Diplomatie - sonst wären sie vermutlich nicht im CCTV-Studio gelandet.

Man will sich ja irgendwie vertragen untereinander, der Westen und China. Als Völkerverständigungsprofi lädt CCTV den griechisch-kanadischen Musiker George Sapunidis ins Studio ein. Der grauhaarige Kuschelrocker erinnert im bunten Blümchenhemd ein wenig an Guildo Horn und hat einen dreisprachigen Song für die freiwilligen Olympia-Helfer geschrieben - auf Griechisch, Englisch und Mandarin-Chinesisch.

Soviel Anbiederung wurde belohnt: Am 8. August durfte er für eine kurze Strecke die olympische Fackel tragen. Moderatorin Tian Wie bittet ihn, doch einmal zu singen. Er greift zur Akustikgitarre: "You will dance, sing in 2008, so please hear the call, to serve in Beijing, your country needs you". Die Strophe dazu trägt in sehr kanadisch klingendem Chinesisch vor.

Tian wippt im Takt mit dem Kopf. Nach dem Schlussakkord fragt sie: "Wenn Sie singen, kichern unserer Kameraleute, da muss irgendwas sein, vielleicht in Ihrer Aussprache, das irgendwie komisch klingt." Aber gleichzeitig sei das ein schöner Song.

Ob sein Chinesisch halbwegs verständlich sei, fragt Sapunidis ein wenig verunsichert. "Das ist sehr wohlüberlegt, dass Sie mich das fragen", das sei schon gutes Chinesisch, irgendwie, antwortet Tian. Dann sagt sie noch mit einem ironischen Lächeln: "Das war unser Gast, der sich für einen zukünftigen Popstar hält".

Vielleicht sollten sich manche Westler in China auch mal fragen, wie sie rüberkommen.



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