Chirurgie-Entertainment Von scharfen Schnitten und flotten Schlitten

Die Privatsender marschieren Seite an Seite für ein schöneres Deutschland. Gleich drei verschiedene Sendungen zum Thema plastische Chirurgie zeigten Pro Sieben und RTL gestern Abend – und präsentierten tiefe Schnitte, wohlmeinende Warnungen und Ärzte in Ferraris.

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Im Grunde geht es um Märchen. Um hässliche junge Entlein, die zu Schwänen werden, um Aschenputtel, die sich in strahlende Prinzessinnen verwandeln. Wobei das Grimm'sche Regelwerk spätestens seit der Schnippel-Show "I Want A Famous Face" bei MTV unwiderruflich abgeändert worden ist. Einst legten nur böse Stiefschwestern in betrügerischer Absicht Hand an sich selbst, um der Natur nachzuhelfen - Blut ist im Schuh!

Botox für alle!

Heute ist der beherzte Schnitt ein Ausweis echter Entschlossenheit, der Bereitschaft, für die Schönheit "zwar nicht alles, aber fast alles" zu tun, wie es eine Kandidatin von "Alles ist möglich" formuliert. Die Show ist einer der drei Beiträge zu einem senderübergreifenden Themenabend "Skalpellwahn" den RTL und Pro Sieben gestern gemeinsam veranstalteten. Mit dem Schlachtruf "Botox für alle" marschieren die Privaten jetzt Seite an Seite für ein schöneres deutsches Volk.

Auf Pro Sieben wurden einige der Frauen vorgestellt, die ab kommenden Donnerstag in "The Swan" mit Diät, Sport und ein paar diskreten Schnitten in Schönheiten verwandelt werden sollen. Bei RTL startete parallel die Serie "Beauty Queen" über eine Schönheitsklinik am Bodensee. Noch vor dem Vorspann malt "Superstar"-Moderator Carsten Spengemann alias Doktor Mark Seeberg einer Nackten in seinem Bett mit Lippenstift die Demarkationslinien der Körperoptimierung auf die Oberschenkel und haucht ihr ins Ohr: "Jede Fettzelle, die ich dir absauge, kommt nie mehr wieder."

Dann bauen die Doktorenbrüder Mark und Oskar (Jochen Horst) gemeinsam die erste Nase um: "Ich schneide, du brichst". Man hat sich an diese Bilder noch immer nicht gewöhnt, Nahaufnahmen von Klingen, die in Haut schneiden; Klammern, die an Nasenflügeln zerren, Fleisch und Blut. Später gibt es eine Einstellung aus dem Mund heraus: In einer Art bizarrem Tarantino-Zitat wird durch die Zahnreihen hindurch gefilmt, wie eine Unterlippe zusammengenäht wird.

Schnell umschalten auf Pro Sieben. Da steht, Gott sei Dank, eine voll bekleidete Frau im Karohemd und berichtet, dass ihr Motorräder "alles bedeuten". Allerdings findet sie auch, dass sie "ziemlich starke Oberschenkel, einen Buckel auf der Nase und einen Ansatz zum Doppelkinn" hat. "The Swan" wird da was unternehmen, keine Frage.

Zurück bei RTL beklagt sich die Frau von Dr. Oskar Seeberg, sie sei nicht mehr schön genug. Operieren will Seeberg aber trotzdem nicht, schließlich habe er "keine austauschbare Schablone" geheiratet. Auch "Beauty Queen" hat ein amerikanisches Vorbild. Es heißt "Nip/Tuck" und ist eine böse Satire auf das Geschäft der Absauger und Aufspritzer. Auch dort gibt es zwei Brüder, deren Job- und Liebesprobleme unter die Haut gehen. Nur dass die deutsche Variante dem Publikum offenbar nicht zu viele bittere Wahrheiten auf einmal zumuten will und deshalb zu einer Art Silikon-Schwarzwaldklinik geworden ist.

Dr. Jekyll und Dr. Hyde

Der skrupellose Mark und der Menschenfreund Oskar repräsentieren brav die Licht- und Schattenseiten der plastischen Chirurgie. Während der eine selbstlos auch Nicht-Versicherten ihr zerstörtes Gesicht zurückgibt, zieht der andere mit einem Aluköfferchen los, um reihenweise Nachwuchsmodels die Schweißdrüsen unterm Arm per Botox zu veröden. "Ist das nicht 'n Nervengift?", fragt eine der Schönen, dann macht auch sie sich lächelnd für den Doktor frei. Ab und zu tauschen der gute und der böse Doc launige Sprüche: "Wenn die Kohle stimmt, würdest du sogar noch 'n Pudel zum Schäferhund umoperieren."

Szene aus der Chrirurgie-Doku "True Life" von MTV: Quotenkalkül mit Körperkunst

Szene aus der Chrirurgie-Doku "True Life" von MTV: Quotenkalkül mit Körperkunst

Dr. Mark hat einen Kaiman namens Elvis, eine Wohnung, die einem irgendwie aus der Leichtkaffee-Werbung bekannt vorkommt und einen Steg vor dem Haus, von dem er nackt in den Bodensee springen kann. Er fährt abwechselnd Ferrari und Lotus, reißt in der Klinik Angestellte auf und schleppt sie zu Partys auf Motoryachten. Unterdessen kriselt Dr. Oskars Ehe, und in der Nebenhandlung rächt sich eine böse Stieftochter an der guten Stiefmutter, indem sie ihr das falsche Gesicht verpassen lässt.

Während Carsten Spengemann auf RTL sein nächstes Betthäschen zum Essen einlädt, heißt es auf Pro Sieben, "das Thema Ernährung spielt im 'Swan'-Projekt eine entscheidende Rolle". Die Gesundheitsberaterin erklärt, auch wenn "Fettdepots operativ entfernt werden", bleibe natürlich die Frage, "was passiert danach?" Moment mal, Doktor Seeberg, wir dachten, die Fettzellen kommen nie wieder! Anschließend wohnt Kandidatin Nr. 28 der OP ihres amerikanischen Pendants bei. Das ist nicht schön; wieder diese Skalpellbilder, diesmal aber echte. Nr. 28 schlägt die Hände vors Gesicht. Aber da muss man eben durch.

Das finden auch die drei Kandidatinnen, die bei RTL anschließend in "Alles ist möglich" nach eigenem Wunsch verschönert werden: Brustverkleinerung, Haut straffen, Ohren anlegen, Kinn richten. Und wieder gibt es Freudentränen, Schnittmuster auf bloßen Körpern, Hautlappen, Klammern, Blutergüsse und Verbände - und dazu die Namen und Adressen aller beteiligten Ärzte.

OP-Szene aus der MTV-Doku-Serie "True Life": Wenn Fernsehen unter die Haut geht
MTV

OP-Szene aus der MTV-Doku-Serie "True Life": Wenn Fernsehen unter die Haut geht

"Sie bekommen ein sehr schönes Gesicht danach, Sie können sich jetzt schon freuen", versichert ein strahlender Chirurg einer Dame, die sich wegen ihres eigentlich ziemlich normalen Äußeren schon seit Jahren nicht mehr aus dem Haus traut. Später ist sie dann aber doch unzufrieden, bei Birgit Schrowanges anschließender OP-Nachlese in "Extra" ist sie nicht dabei.

Und das, obwohl wieder Psychologen und sogar Anwälte aufmarschiert sind, um zu "beraten". Und Experte Professor Werner Mang, der uns warnt, bei so einer Operation handele es sich "nicht um einen Friseurbesuch". Das Fiction-Format "Beauty Queen" wurde übrigens in einer Klinik in Lindau am Bodensee gedreht. Die ist märchenhaft schön gelegen. Und gehört Mang.



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