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22. November 2011, 14:45 Uhr

Chodorkowski-Doku

Kremlkritiker aus Kinosälen verbannt

Meinungsfreiheit auf russisch: Die Dokumentation "Der Fall Chodorkowski" über den inhaftierten Putin-Gegner und früheren Ölmilliardär Michail Chodorkowski soll in Russland nicht auf die Leinwand kommen - 19 von 20 Kinos, die den Film zeigen wollten, sprangen wieder ab.

Moskau - Russlands Premierminister Wladimir Putin weiß um die "mächtige, überzeugende Kraft des Kinos". Am Montag versammelte der Regierungschef die Mitglieder des "Rates für die Entwicklung der vaterländischen Filmkunst". "Um Filme zu machen", sagte der Premier, "braucht es Geld, Stabilität auf dem Filmmarkt, klare Entwicklungsperspektiven des Sektors und - natürlich - Meinungsfreiheit".

Wenn es aber um Streifen geht, die das Handeln von Russlands starkem Mann kritisch beleuchten, ist es um die Entwicklungsperspektiven und die Meinungsfreiheit eher schlecht bestellt. Nach Informationen der Moskauer Tageszeitung "Kommersant" haben 19 von 20 Kinos, die den Dokumentarfilm "Der Fall Chodorkowski" des Berliner Regisseurs Cyril Tuschi ursprünglich zeigen wollten, den Film wieder vom Programm gestrichen.

Laut dem russischen Verleiher KinoClub kam die erste Absage vom stadteigenen Kinobetreiber "Moskino". Danach habe eine "Kettenreaktion" begonnen, so KinoClub-Vertreterin Olga Papernaja. Die Kette "Formula Kino" machte demzufolge ebenso einen Rückzieher wie das Kino "Pionier", das einem Moskauer Milliardär gehört. Einzig der betagte "Kinoclub Eldar" am Leninprospekt hält noch an dem Film fest.

Kinobetreiber per Telefon unter Druck gesetzt

"Der Fall Chodorkowski", im Frühjahr bei der Berlinale zum ersten Mal gezeigt, rekonstruiert die Auseinandersetzung zweier mächtiger Männer. Wladimir Putin ließ 2003 den Ölmagnaten Michail Chodorkowski, den damals reichsten Mann des Landes, verhaften und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilen. Sechs Jahre lang hat Dokumentarfilmer Tuschi für den Film recherchiert, mehr als 70 Zeitzeugen befragt, darunter Joschka Fischer, Geschäftspartner Chodorkowskis sowie den Oligarchen selbst, während einer Gerichtsverhandlung in Moskau. Herausgekommen ist ein ausgewogenes Werk, das die Machtpolitik des Kremls zwar entlarvt, aber auch zweifelhafte Geschäftspraktiken des Ex-Oligarchen beschreibt.

Aufsehen erregte die Dokumentation schon vor ihrer Uraufführung in Berlin. Anfang des Jahres stahlen Einbrecher Computer mit den Filmkopien aus Tuschis Wohnung. Auch im Westen stieß der Film auf Widerstände. Bei einem Filmfestival Ende September sollte "Der Fall Chodorkowski" in Zürich gezeigt werden, aber dazu kam es nicht. Tuschi vermutete vorauseilenden Gehorsam der Veranstalter, da das Filmfest von einem kremlnahen Oligarchen gesponsert wird. Die Festival-Leitung erklärte, es habe keine Beeinflussung gegeben. Von der Führung des Ludwigshafener Festivals des deutschen Films bekam der Filmemacher im Sommer nach eigenen Angaben zu hören, dass man den Beitrag gern gezeigt hätte, mit Rücksicht auf den Sponsor BASF und dessen Geschäftsinteressen in Russland aber verzichte. Das Festival bestreitet das und pocht auf seine Unabhängigkeit von Sponsoren.

Trotz der anfänglichen Zusage der russischen Kinos hatte Regisseur Tuschi gegenüber dem SPIEGEL Befürchtungen geäußert, er glaube "immer noch nicht, dass alles glatt laufen wird". Nach Angaben von KinoClub wurden Kinobetreiber per Telefon von Staatsbediensteten unter Druck gesetzt. "Ich mag nicht mehr in einem Land leben, in dem sogar Filme verboten werden", klagt Verleiherin Olga Papernaja. Um den Film doch noch möglichst vielen Russen zeigen zu können, sucht sie nun via Facebook nach "Räumlichkeiten, die mit Videoprojektoren ausgestattet sind".

beb

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