Fotostrecke

Drohnenkrieg: Töten von zu Hause aus

Foto: Getty Images

Alltag der Drohnenpiloten "Erklären Sie Ihrem Partner, dass Sie heute Kinder getötet haben?"

Drohnenpiloten sind keine kaltblütigen Schreibtischtäter, sagt der britische Autor Chris Woods, der mit Dutzenden Piloten gesprochen hat. Der Alltag reibe viele auf: Tagsüber töten sie, abends sitzen sie im Kreise der Familie.
Von Oskar Piegsa
Zur Person
Foto: Francesc Melcion

Chris Woods ist ein britischer Journalist, der sich mit Fragen der nationalen Sicherheit befasst. Als Mitglied des britischen Bureau of Investigative Journalism recherchierte er zu den geheimen Drohneneinsätzen der US-Regierung in Pakistan, Jemen und Somalia. Dafür bekam der Rechercheverbund 2013 den renommierten Martha-Gellhorn-Preis. Für sein Buch "Sudden Justice" hat Woods mehrere hundert Interviews mit Militärs, Drohnenpiloten und Geheimdienstlern geführt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Woods, Sie recherchieren zum Drohnenkrieg der US-Regierung. Schätzungen zufolge sind dabei rund 500 Zivilisten getötet worden, zuletzt wurde die Tötung eines italienischen und eines US-amerikanischen Entwicklungshelfers bekannt. Haben Sie Mitleid mit den Opfern?

Woods: Absolut. Das Leid der Zivilisten steht für mich im Mittelpunkt.

SPIEGEL ONLINE: Und mit den Piloten, die Drohnen steuern?

Woods: Auch mit denen, ja. Ich habe in den vergangenen Jahren mit vielen von ihnen gesprochen. Sie sind keine homogene Gruppe, aber eines ist mir klar geworden: Die Vorstellung, dass Drohnenpiloten kaltblütig per Knopfdruck töten, dass Krieg für sie wie ein Videospiel ist - die könnte falscher nicht sein. Ich habe immer wieder Drohnenpiloten erlebt, die das Töten sehr mitgenommen hat. Manche wirkten noch Jahre später verstört. Natürlich muss man darüber sprechen, welche Rolle die räumliche Entfernung spielt, aber das ist ein Thema, das nicht nur Drohnen betrifft, sondern die heutige Kriegsführung insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Woods: Der Hightech-Krieg schafft Distanzen zwischen den Beteiligten und erzeugt enorme Vorteile für die hoch technisierten Mächte. Wenn Sie heute an einer Panzerschlacht teilnehmen, dann schießen Sie, bevor Sie den Feind zu Gesicht bekommen - zumindest, wenn sie in einem deutschen, britischen oder amerikanischen Panzer sitzen. Als Pilot einer F-16 oder eines B1-Bombers fliegen Sie weit über dem Kampfgeschehen. Und die Marschflugkörper, die in Afghanistan oder Somalia einschlugen, sind in den Golfstaaten abgefeuert worden, Hunderte Kilometer entfernt. Die Drohnen sind nur der letzte Schritt einer allgemeinen Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es Unterschiede, sagen Sie.

Woods: Ja. Ein F-16-Pilot weiß nicht, was auf dem Boden passiert. Er kriegt seine Koordinaten, kommt angeflogen, wirft die Bombe ab und ist dann schon wieder weg - ohne zu sehen, wen oder was er gerade bombardiert hat. Ein Drohnenpilot hingegen harrt aus, bevor er tötet. Er beobachtet sein Ziel: stundenlang, tagelang, manchmal wochenlang. Dadurch entwickeln viele Drohnenpiloten Mitgefühl mit ihren Zielpersonen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Sudden Justice"  schreiben Sie von der "Intimität des ferngesteuerten Tötens". Was meinen Sie damit?

Woods: Nehmen wir zum Beispiel den Drohnenpiloten Brandon Bryant. Er erzählte mir, wie er eine irakische Hochzeit beobachtete. Er schaute zu, wie seine Zielperson das Fest besuchte, wie sie dort mit anderen interagierte, wie die Leute feierten und tanzten. Bryant bezeichnete sich als den perfekten Spanner - er beobachtete intime Momente im Leben eines anderen Mannes, ohne dass dieser ahnte, dass überhaupt jemand da war.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Intimität" das richtige Wort? An einer anderen Stelle zitieren Sie einen Drohnenpiloten, der sagt: "Man weiß nie, wen man tötet, weil man niemals Gesichter sieht."

Woods: Das stimmt. Drohnenpiloten sammeln Indizien. Sie greifen Funkverbindungen ab, sehen, wer in einem Haus ein- und ausgeht, und bekommen auf diese Weise einen Eindruck von ihrer Zielperson. Die meisten werden vermutlich nie ein hochauflösendes Foto sehen und in diesem Sinne auch nie ganz verstehen, wen sie da eigentlich beobachten. Trotzdem verspüren sie eine intime Verbindung mit ihren Opfern. Dieser Eindruck wurde mir wieder und wieder bestätigt. Vielleicht müssen wir die Erklärung dieser Beobachtung den Psychologen überlassen. Ich hatte aber nie den Eindruck, dass Drohnenpiloten kaltblütig töten.

SPIEGEL ONLINE: Bewirbt man sich eigentlich auf eine Stelle als Drohnenpilot oder bekommt man diese Aufgabe zugewiesen?

Woods: Es gibt ein paar Leute, die sich freiwillig gemeldet haben. Aber die amerikanische Luftwaffe hat große Probleme, neue Drohnenpiloten zu finden. Sie verliert mehr alte Leute, als sie neue ausbilden kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Woods: Es gibt mehrere Gründe. Einer ist das geringe Ansehen der Drohnenpiloten in der Luftwaffe. Sie bekommen keine Orden - und Kampfpiloten stehen in der Hackordnung zweifellos weiter oben.

SPIEGEL ONLINE: Weil die eher "Top Gun"-Typen sind und Drohenpiloten dagegen Schreibtischtäter?

Woods: Ja, es gibt diesen Machismo. Ein weiteres Problem ist die Arbeitsbelastung. Als Kampfpilot sind Sie für sechs Monate in Afghanistan, kommen dann für ein Jahr in die USA zurück und werden dann wieder für sechs Monate entsandt. Für Drohnenpiloten hört die Arbeit jedoch nie auf. Als der Afghanistankrieg endete, herrschte eine optimistische Stimmung in der Luftwaffe. Die Drohnenpiloten hofften, zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 etwas Zeit zum Durchatmen zu bekommen. Doch dann begann der Kampf gegen den "Islamischen Staat". Die Drohnenpiloten, die gerade noch Missionen in Afghanistan gelenkt haben, bombardieren heute jeden Tag Ziele im Irak und in Syrien. Es blieb ihnen keine Zeit, sich zu erholen oder das Erlebte zu verarbeiten. Viele Drohnenpiloten leiden unter der emotionalen Belastung, an der auch schon Ehen und Familien zerbrochen sind. Erst seit einiger Zeit setzt die Luftwaffe verstärkt Psychologen ein.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wird darüber diskutiert, das Militär familienfreundlicher zu machen. Man könnte denken, Drohnen ermöglichen das: tagsüber Soldat sein, abends die Familie sehen.

Woods: Es ist gar nicht klar, ob die Soldaten das wollen. Im vergangenen Jahr hat der amerikanische Rechnungshof eine große Befragung von Drohnenpiloten veröffentlicht. Die klare Mehrheit der Befragten sagte, dass sie lieber an die Front wollten, als bei ihren Familien und Freunden zu sein. Als Drohnenpilot gehen Sie abends nach Hause und können dort nicht einfach mit Ihren Ehemännern und Ehefrauen sprechen. Würden Sie Ihrem Partner erklären wollen, dass Sie heute Kinder getötet haben? Wer solche Erfahrungen macht, hat es sehr schwer, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Das Drohnenprogramm ist ein großes Experiment mit vielen offenen Fragen für die amerikanischen Streitkräfte. Trotzdem ist der Nutzen der Drohnen so unwiderstehlich, dass sie nicht damit aufhören wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie für die Zukunft des Drohnenkrieges?

Woods: Bisher haben vier von fünf Drohneneinsätzen auf konventionellen Schlachtfeldern stattgefunden, nicht in geheimen CIA-Missionen. Dieser Einsatz von Drohnen ist durchaus wünschenswert, wenn man das so sagen kann. Drohnen tragen relativ kleine Sprengköpfe, fliegen langsam und haben im Vergleich zu Bombardierungen oder Artilleriebeschuss das Potenzial, die Gefahr ziviler Opfer maßgeblich zu senken. Aber es ist eben bloß ein Potenzial. Es kann sein, dass zukünftige Drohnen größere Sprengköpfe tragen, schneller fliegen - und ihre Vorteile dadurch verloren gehen.