Arno Frank

Das Internet und der Anschlag von Christchurch Wir schauen nicht weg

Was passiert, wenn ein Täter seine Morde live im Internet überträgt? Alle gucken hin. Dabei macht uns das zu Komplizen in einem Krieg, in dem die Bilder wichtiger geworden sind als die Opfer.
Foto: Ihor Kashurin / iStockphoto / Getty Images

Es geht damit los, dass die Tat von Christchurch kein Amoklauf war. Wer Amok läuft, rast blind vor Wut und handelt im Affekt. Auch war es kein Attentat im herkömmlichen Sinn. Das Attentat ist ein Anschlag auf politische Funktionsträger, mit dem vor allem deren Funktion getroffen werden soll. Was in Christchurch sein Gesicht gezeigt hat, weil das Video, das der Massenmörder selbst streamte, durch die Welt geisterte und noch immer geistert, ist eine fundamental neue Qualität von Terror: das gestreamte Ein-Mann-Massaker eines ideologischen Influencers.

Neu ist, dass die eigentlichen Opfer im Grunde zweitrangig sind. Es muss sie geben. Sie haben Namen, Geschichten, Angehörige. Und doch sind sie, so zynisch das klingt, im Kalkül der Täter nur Abrieb - der beim Versuch entsteht, die Kraft der Bilder auf die Straße und damit in den globalen Umlauf zu bringen. Für den Politologen Herfried Münkler "stellt der Terrorismus eine Form der Kriegsführung dar, in welcher der Kampf mit Waffen als Antriebsrad für den eigentlichen Kampf mit Bildern fungiert".

Wirkmächtig waren diese Bilder schon immer. Bilder von der Ermordung Caesars, dem Fenstersturz von Prag oder der Badewanne des Jean Paul Marat existierten zwar nur in den Köpfen der Zeitgenossen oder Nachgeborenen. Dort aber wirkten sie, wie später auch die medial vermittelten, aber schon echten und auch bewegten Bilder vom offenen Lincoln in Dallas, Anwar as-Sadat im Kugelhagel seiner Tribüne in Kairo oder dem zertrümmerten Mercedes des Alfred Herrhausen.

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Terror in Christchurch: Angriff auf zwei Moscheen

Foto: Stringer . / REUTERS

Mittlerweile aber hat es eine Verschiebung gegeben. Die Passagiere der Landshut auf dem Rollfeld von Mogadischu waren 1977 noch Geiseln, die man befreien konnte. Die Passagiere der Flugzeuge vom 11. September 2001 waren im Grunde schon tot, als sie am Flughafen eincheckten - nur noch Komparsen in der Inszenierung eines Schreckens, der seine Wucht aus möglichst gewaltigen Bildern bezog.

Neu ist, dass nicht nur die Mittel zur Herstellung von Bildern, echten, auch bewegten, in den Händen des Einzelnen liegt. Auch ihr Vertrieb ist ein Kinderspiel. Wo der IS, das große Vorbild im Produktionsdesign des Grauens, noch eine eigene Abteilung unterhielt, macht der Täter neuen Typs mit modernen Waffen und modernen Kameras alles allein. Das Medium, in dem er sich radikalisiert hat, ist zugleich das Medium zur globalen Verbreitung der Tat.

Eine Zensur ist nicht möglich, eine mächtigere Waffe im "Krieg der Bilder" nicht denkbar. Seinesgleichen signalisiert der Täter, dass hier einer "endlich mal handelt", statt nur in Foren darüber zu schwadronieren. Und in die Welt hinaus sendet er die ungebremsten Schockwellen des Schreckens. Der moderne Massenmörder von Christchurch darf Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller und Cutter seines eigenen Films sein. Er arrangiert sogar den Soundtrack.

Zwecklos, neuen Medien wie Facebook oder Twitter die Distribution zu verbieten. Bevor die Unternehmen das 17-minütige Snuff-Video gelöscht haben, ist es schon andernorts wieder hochgeladen. Wer es sehen will, kann es sehen. Als besonders heiße Ware dürfte es dort "viral gehen", wo man die "Call Of Duty"-Optik schätzt und Filme von Enthauptungen und Vergewaltigungen ohnehin hoch im Kurs stehen. Genau dort, wo es ankommen soll. In Echtzeit.

Besinnungslose Erregungsleiter

Umso zweckloser auch, nun die angebliche Wächterfunktion alter Medien zu beschwören. Wächter waren sie im Ernstfall nie, sondern besinnungslose Erregungsleiter, Transmissionsriemen zwischen der Tat und der vom Täter erhofften Wirkung. Hätte sich Gavrilo Princip 1914 bei seinen Schüssen auf den österreichischen Thronfolger selbst filmen können, die entsprechenden Standbilder wären tags darauf auf den Titelseiten aller Zeitungen erschienen.

Und heute kann unter dem Druck der gesichtslosen Konkurrenz aus dem Netz der Boulevard nicht widerstehen, zumindest mit einer entschärften Version des mörderischen Director's Cut zu punkten. Der Täter will sein Gesicht, seinen Namen und seine Botschaft weltweit bekannt machen? Die Zeitungen zeigen sein Gesicht, nennen seinen Namen und analysieren die Botschaften.

Wo die Beziehung zwischen Terror und Medien so eindeutig ist, bewegen wir uns auf abschüssigem Terrain. Dann kann auf die meisten Medien, alte wie neue, kein Verlass mehr sein. Nicht, weil sie "lügen" würden, wie ihre Gegner gern behaupten. Sondern, weil der moderne Terrorist als seine eigene PR-Agentur die Nachricht so obszön aufbereitet, dass sie das Medium selbst zur Botschaft macht. Ihre Überbringung erst vollendet die Tat. Damit hat er sein Ziel erreicht.

"Wen der Terror der Bilder nicht zum Täter macht, den macht er zum Voyeur", schrieb 2015 Hans Magnus Enzensberger. Seit erstmals 2016 ein Islamist in Frankreich die Enthauptung der Frau eines Polizisten auf Facebook streamte, hat der Terror der Bilder eine neue Evidenz und Dringlichkeit bekommen.

Heute, vier Jahre später und ein paar technische Entwicklungen weiter, ist er endgültig die "an alle und jeden gerichtete Zumutung" pornografischster Verrohung geworden, von der Enzensberger schreibt. Wen das Bild nicht zum Opfer macht, den macht es zum Komplizen.

Perfide ist, dass sich die Bilder der Gewalt an den Primaten in uns richten. Der verängstige Affe muss der Gefahr ins Auge sehen. Wenn er in Sicherheit ist, tut er das sogar ganz gern. Wie die Tat liegt auch die Reaktion darauf bei jedem Einzelnen. Jeder kann sich hier, wenn er ehrlich ist, über den Grad seiner eigenen Zivilität und Widerstandsfähigkeit befragen. Einfach, indem er auf die Stärke des Impulses lauscht, das sehen zu wollen. Mein Impuls war ziemlich stark.

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