Video-Kunst Stemm' den Willy Brandt!

Mit viel Humor und Muskelkraft hat sich der deutsche Künstler Christian Jankowski einem schwierigen Thema genähert: der polnischen Geschichte. Für sein neuestes Projekt ließ er professionelle Gewichtheber nationale Denkmäler stemmen. Bei einigen Politikern versagten aber auch die stärksten Kerle.


An guten Ideen für seine Video-Arbeiten hat es dem Künstler Christian Jankowski noch nie gemangelt. Und als ihm mal nichts einfiel für eine neue Arbeit, machte er auch das zur Kunst, wie 1999 sein Video "Telemistica" zur Venedig-Biennale, in dem er verschiedene italienische Fernseh-Wahrsagerinnen anrief und sie fragte, ob seine Biennale-Arbeit erfolgreich werden würde.

Jemanden zum Anrufen hatte Jankowski nicht in Warschau, als er über einen neuen Film für seine große Retrospektive im Warschauer Museum Centre für zeitgenössische Kunst nachgrübelte. Er wollte sich mit der problematischen Geschichte Polens beschäftigen, "die sogar schon in den Flughafen-Zeitungsläden in Büchern präsent ist", sagt Jankowski. Aber wie - bei der Tragik und Tragweite des Themas?

Er sah sich die historischen Denkmäler in Warschau an, bei denen heute oft vielen Betrachtern nicht klar ist, worüber sie zum Nachdenken gebracht werden sollen. Weshalb die Denkmäler dann ganz profan als "Kunst im öffentlichen Raum" oder als bekannte Orientierungspunkte in der Stadt wahrgenommen werden. Oder als Touristenziel, wie die Meerjungfrau "Syrena" auf einem Platz in der Altstadt. Sie ist das Wahrzeichen Polens, das sogar auf jedem Autokennzeichen zu sehen ist, und, so Jankowski, ein Beispiel "für die totale Zerstörung Warschaus und den Wiederaufbau", denn es gibt ein Foto von ihr, auf dem nur noch ein Stück der Hand aus Schutt rausragt.

"Diese Dramatik wollte ich aus einer zeitgenössischen und künstlerischen Perspektive zeigen, aber nicht als immer gleiche Aufarbeitungsarbeit mit den gleichen Bildern und dem gleichen Vokabular, sondern als Prozess". Auch wenn es zeitgenössisch gewesen wäre: eine Piraten-Aktion sollte es nicht sein.

800 Kilogramm Bronze, 2 Schwergewichtler

Wie trägt und erträgt man diese "schwergewichtige Geschichte", war die Frage, wie zeigt man sie anders und das auch noch als deutscher Künstler? Jankowskis Lösung war die Nationalmannschaft der Schwergewichtsheber. Er fragte sie, ob sie in der Lage seien, diese Geschichte zu schultern, sie anzuheben, von ihren Sockeln zu lüften - ganz real. Kommentiert werden sollte die Aktion von einem Sportreporter, der im Vorfeld Informationen über die Monumente und die Künstler erhielt und sie in seine Kommentare zum Sport einmischen sollte.

Die Gewichtheber, darunter einige Olympiateilnehmer, ihr Trainer und auch der Reporter hätten die große Geste, um die es gehen sollte, gleich verstanden, sagt Jankowski. Sie "waren Feuer und Flamme für das Projekt und haben es sofort auf ihre Webseite gestellt", sagt Jankowski.

Und sie brachten sogar noch einen Link zur Geschichte mit: In diesem Jahr trägt Polen in Wrocaw, dem ehemaligen Breslau, die Weltmeisterschaft im Schwergewichtheben aus - "genau wie schon vor genau 100 Jahren - und die wurde damals vom deutschen Kaiser eröffnet", sagt Jankowski.

Also begann Jankowski mit der Recherche "und mit einem unvorstellbaren Papierkrieg", sagt er, denn Erlaubnisse von Bürgermeistern bis zu Veteranenverbänden und Expertisen von Museen und Denkmalschützern mussten eingeholt werden. Probleme gab es viele, sogar das deutsche Auswärtige Amt interessierte sich für die Dreharbeiten und war nur durch ein Gutachten des Goethe-Instituts-Leiters in Warschau zu beruhigen.

Erlaubnis bekam der Künstler schließlich für fünf seiner ausgewählten Denkmäler. Und so begann vor zwei Wochen die Levitation im strömenden Regen mit der "Syrena"-Bronze, mit 800 Kilogramm so schwer, dass sie nicht verankert ist, sondern einfach auf dem Sockel steht. Ein Kran musste her, damit die Gewichtheber erst mal unter die Figur greifen konnten. Zehn Leute hoben sie zuerst an, "schließlich gibt es keine Erfahrung in der Disziplin Monumente stemmen", sagt Jankowski, "aber weil sie das zu einfach und unsportlich fanden, versuchten sie es mit acht, dann sechs und schließlich mit vier Sportlern". Und als die dann die Skulptur angehoben hatten, wurden sie übermütig und zwei von ihnen riefen: "Kommt, wir können den ganz nach oben stemmen." Er habe gezittert, sagt Jankowski, "die haben das geliebt, besonders diesen Moment, 'wir können das!'".

"Kommt, wir können den ganz nach oben stemmen!"

Das Dumme sei nur, dass Schwergewichtler das Gewicht einfach nach vorn fallen lassen, wenn sie es ganz oben haben. Völlig angehoben wurde dann das Ludwik-Warynski-Denkmal des umstrittenen Sozialisten, der lange von den Russen als Propaganda-Instrument genutzt wurde, später aber in ein Arbeitslager kam.

Ronald Reagan, dessen Porträt vor der amerikanischen Botschaft steht, ließ sich nicht liften - "es wäre wohl möglich gewesen, aber er war zu glatt und rutschig", sagt Jankowski. Zu einer Metapher sei das unter den Beteiligten geworden, genau wie die Auskunft der Behörden, dass es über Auschwitz-Denkmäler keine Informationen gäbe. Auch Willy Brandts Kniefall-Denkmal ließ sich nicht schultern, es war zu schwer, selbst für Schwergewichts-Sportler. Schade, sagt Jankowski, denn die Bewegung des Kniefalls sei für ihn eine Anregung für die Idee mit den Sportlern gewesen, die jetzt vergeblich vor Brandt auf die Knie gingen.

Die zwei Tonnen des "Sleeping Soldier", der zusammen mit anderen Soldaten-Figuren aus Waffen und Stahl der deutschen Feinde gegossen wurde, ließ sich nur teilweise anheben - erst die Beine, dann der Kopf - "manchmal ist Geschichte eben zu schwer, um getragen zu werden, egal wie stark die Männer sind", sagt Jankowski. Und wie zum Beweis widerstand auch die Skulptur des "Kleinen Partisan". Sie gehört zum Ensemble zur Erinnerung an den Warschau-Aufstand gegen die Deutschen kurz vor Kriegsende, als die Russen schon vor der Stadt standen, aber nicht eingriffen.

Manche Geschichtserinnerung kann man eben anheben, die andere nicht. Junge Leute sehen das anders: Am Ende des fertigen Videos lässt Jankowski einige Teenager auf die Sportler zulaufen, "We can carry history" rufen sie, und den Slogan haben sie, die neue Generation, sich selbst überlegt.


"Christian Jankowski - Heavy-weight History". Warschau.
Ujazdowski Castle, Museum für Moderne Kunst
Eröffnung der Ausstellung: 7.6. bis 25.8.2013. Die Ausstellung wandert später nach Bonn und Tel Aviv.



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jurhfs 04.06.2013
1.
schöne Arbeit!
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