Zeitungsdebatte Die ganze Welt zum Preis von einem Glas Wasser

Die Zeitung ist dem Netz in einigen Punkten klar überlegen, ausgeruhte Beobachtung, Bewertung und Strukturierung werden die Leser auch in Zukunft goutieren.

Was macht das Wesen einer Zeitung aus? Die Zahl der Spalten, die Lesbarkeit der Schrift, die Ästhetik gekonnt gestalteter Seiten? Oder doch vorrangig die Themen, die Textarten, der Stil ihrer Autoren? Oder letztlich die Relevanz, die Courage, die Haltung des Blattes? All das ist wichtig bei einer guten Zeitung, und noch viel mehr - wie jeder bewusste Macher und reflektierende Leser eines Periodikums weiß. Und doch ist das Wesen einer Zeitung im Kern etwas anderes: Eine Zeitung ist ein ausgefeiltes Instrument zum Wichten und Werten, zum Sortieren und Skalieren des Geschehens in unserer Welt. Mehr noch: Eine Zeitung ist das gegenständlich gewordene Innehalten beim Beobachten und Bewerten des unablässigen Gewoges um uns herum.

Innehalten, einmal am Tag oder einmal in der Woche: Das ist Beschränkung und Chance zugleich - für die Macher ebenso wie für die Nutzer einer Zeitung. In den Zeiten des Internets aber ist genau das zugleich die elementare Herausforderung für die Kulturtechnik Zeitung.

Jahrzehntelang waren es Presseproduzenten und Publikum gleichermaßen gewohnt, dass eine Zeitung einen Redaktionsschluss sowie einen limitierten und damit wertvollen Platz hat. Die schon lange über uns hereinperlenden stündlichen Nachrichten des Radios konnten diese Statik nicht untergraben: Zu sichtbar waren der Unterschied und Abstand zwischen den permanent verlesenen Wasserstandsmeldungen des Zeitgeschehens im Funk und dem vielfältigen Abbild der Welt schon in einer 24-seitigen Lokalzeitung.

Wenn nun aber mit dem Aufblühen des Webs Informationen in Schrift, Bild, Ton und Video zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder beliebiger Menge und das auch noch scheinbar gratis verfügbar sind, wenn jeder Empfänger auch Sender sein kann, wenn das Web Kommunikation, Diskurs und Teilhabe wie noch nie in der Geschichte der Menschheit ermöglicht, wenn etablierte Hierarchien vom Netz perforiert oder in Frage gestellt werden, dann stellt das natürlich auch Klassiker wie die Zeitungen auf den Prüfstand.

Die ersten Befunde dieses in aller Öffentlichkeit laufenden, aber längst noch nicht abgeschlossenen und nach wie vor ergebnisoffenen Langzeittests zeigen:

  • Überregionale Zeitungen (und auch Zeitschriften) bekommen eher Probleme - vor allem, aber nicht nur dann, wenn bei ihnen an der Qualität gespart wird. Zu groß ist das gefühlte Angebot von überregionalen und damit als massenhaft vorhanden empfundenen Informationen im Web - selbst dann, wenn es sich um einzigartige Texte handelt.
  • Regionale Zeitungen, die nach Relevanz in ihrem lokalen Stammmarkt statt nach bundesweiter Wahrnehmung trachten, die nicht kaputtgespart werden, die auf Qualität statt auf Beliebigkeit setzen, bleiben Leitmedium in ihrem Revier und können ihre Umsätze nach wie vor steigern.
  • Stagnation oder Rückgang der Anzeigenerlöse rückt das Interesse der Leser wieder stärker in den Mittelpunkt der Verlagsstrategien. Wenn die Leser mittlerweile für 70 Prozent plus x der Einnahmen vieler Verlage sorgen (Tendenz steigend), dann sind das goldene Zeiten für Leser. Die Glaubwürdigkeit eines Blattes erlangt auch wirtschaftlich eine zentrale Bedeutung, weitsichtige Verlage sind mehr denn je immun gegen die Einflussnahme von Anzeigenkunden oder Regierenden.
  • Medienhäuser, die ihr Publikum schon immer gemocht haben und nicht gerade erst entdecken, kommen mit dem Mitmach-Internet glänzend klar und vermählen Print und Online Classic fast schon spielerisch pragmatisch mit Twitter, Facebook und Co. Der Tipp, der einen Skandal ins Rollen bringt, erreicht entsprechend aufgestellte Redaktionen mittlerweile eher über digitale Kanäle als auf den früheren Wegen. Zeitungsredaktionen, die auch im Web 2.0 verwurzelt sind, verändern ihre Blätter mutiger, schneller, konsequenter - fort von ritueller Interessengruppen-PR hin zu Berichterstattung nah am Leser und Leben.
  • Unverändert sorgen Zeitungen gerade aufgrund ihres begrenzten Platzes für etwas, was derzeit eher altmodisch scheinen mag, aber bereits absehbar eine Renaissance erfahren wird, je schneller und toller und zeitraubender sich das Informationskarussell im Internet dreht: Zeitungen halten inne. Sie sind ein ruhender Content-Findling mit Tiefgang im mäandernden Strom der News.
  • Eine gute Regionalzeitung ermöglicht einem in 30 Minuten einen einordnenden Überblick über das Geschehen vom Heimatort über die Landeshauptstadt und über Berlin bis in die Welt hinein, und das auf vielen Themengebieten. Eine gute überregionale Zeitung bietet einem zum Preis eines Glases Wasser in einer Stunde verlässlich den Zugang zum tiefgründigen Verständnis der Welt, zu großen Denkern, zu wichtigen Stoffen, und das oft mit grandiosen Texten.

Das Web hat mehr Inhalte als eine Zeitung, aber es stiehlt uns auch mehr Zeit. Und es raubt uns den Wert des Innehaltens. Der wieder in Mode kommen wird - auch mittels Zeitungen. Ob auf Papier oder digital, ist dabei nicht von entscheidender Bedeutung: Das Trägermedium ist nachrangig. Richtig aufgestellte Verlage sind keine Papierspeditionen, sondern Content-Manufakturen und Inhaltevermarkter.

Gedruckt wie digitalisiert: Das Wesen einer Zeitung ist die bei den Machern wie bei den Nutzern gelernte und tief verinnerlichte Kulturtechnik der hilfreichen Strukturierung und Präsentation sowie der effizienten Aufnahme und Rezeption von Informationen. Das ist Zeitung. Auch und gerade in den Zeiten des Internets.

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