Marthaler huldigt dem Varieté Kommt ein Mann zum Arzt

John Osbornes Drama "Der Entertainer" war ein Nachruf auf das Varietétheater. Fast 60 Jahre später beweist Chistoph Marthaler am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dass dieses Genre immer noch sehr lebendig ist.

Michael Wittenborn als "Entertainer": Schiefes Harald-Juhnke-Lächeln
Matthias Horn

Michael Wittenborn als "Entertainer": Schiefes Harald-Juhnke-Lächeln


Kennen Sie den? Sagt der Arzt zum Patienten: "Sie müssen aufhören zu onanieren." Warum denn, will der Patient wissen. "Weil ich Sie sonst nicht untersuchen kann."

Natürlich kennen Sie den. Wie bestimmt auch viele andere Witze und Kalauer und Slapstick-Nummern in Christoph Marthalers neuer Inszenierung "Der Entertainer", die am Samstag Premiere am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatte.

Und auch die Songs, die da zum besten gegeben werden, kennen Sie - die deutschen Schlager, die italienischen Canzoni, die Opernarien, die Schmusesongs der Fünfziger. Denn es geht hier ja um das Alte: um die alte Kunst der gepflegten, gern auch seichten, aber stets hochprofessionellen Unterhaltung, die in Zeiten von Zynikern wie Joko und Klaas und Laien, die gern Superstars wären, vom Aussterben bedroht ist.

Michael Wittenborn ist Archie Rice, Osbornes 1957 erstmals auf einer Bühne erschienener "Entertainer", der sich Abend für Abend nur mit einem Mikrofon bewaffnet vor sein Publikum stellt und sich dessen Urteil ausliefert, nie nüchtern, immer am Rand der Pleite. Wittenborn spielt ihn als nonchalanten, leicht schmierigen Profi mit schiefem Harald-Juhnke-Lächeln und weißem Anzug.

Seine Nummern reichen vom Herrenwitz über das politische Kabarett bis zur gefühlvollen Gesangseinlage. Und sogar selbstironisch kann er, locker aus der Hüfte geschossen: "Ich darf hier ja auch nur noch auftreten, weil ich die Frau des Intendanten bin." Wittenborn ist der Mann der Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier.

Archies Familie schaut seinen Auftritten so gelangweilt zu, als säße sie vorm Fernseher und schüttet stoisch Gin in sich hinein. Großvater Billy (Jean-Pierre Cornu), ein Uralt-68er mit langem Resthaar und Lederhose, der nur einen Entertainer gelten lässt, und das ist er selbst, setzt sich demonstrativ die Kopfhörer auf, wenn sein Sohn loslegt. Irm Hermann als Archies Frau verliert nie den hohen Ton der Drama-Queen, wenn sie ihr Desinteresse an allem bekundet, was keinen Alkohol enthält. Die Kinder Jean und Frank kommen gegen soviel Selbstinszenierungswillen nicht an.

Marthaler und sein Bühnenbildner Duri Bischoff setzen diese Künstlerfamilie Rice in einen wunderbar abgewrackten Theatersaal mit einer schräg im Raum stehenden Bühne auf der Bühne, auf der die Showtreppe des Saals gespiegelt noch einmal auftaucht.

Auf dieser zweiten Bühne tritt zwischendurch eine (von Marthaler hinzugedichtete) zweite Show-Familie auf, eine noch abgehalftetere Variante der Familie Rice, mit noch älteren Nummern, eine komischer als die andere. Das beginnt schon damit - niemand wird hier geschont -, dass die beiden sehr beleibten Schauspieler Bettina Stucky und Josef Ostendorf das Ehepaar spielen.

Man muss Stucky nur ein knappes Glitzerkostüm anziehen oder Ostendorf ein Einrad in die Hand drücken, schon hat man eine Pointe. Sie zelebrieren die hohe Kunst des Scheiterns, und es ist die hohe Kunst von Marthalers Truppe, dass hier jede Panne sitzt, jedes Stolpern gekonnt ist.

Der Abend findet kein Ende, sondern drei

Aber es geht bei Osborne ja nicht nur um den Niedergang des Varietétheaters (beziehungsweise der englischen Music-Hall-Tradition), sondern es wird bei ihm auch der Niedergang der Mittelklasse zur Zeit der Suez-Krise verhandelt. Marthalers Dramaturgin Stefanie Carp hat diese Passagen beherzt aktualisiert: der zweite, abwesende Sohn der Familie Rice ist jetzt als Soldat der Blackwater-Privatarmee im Irak vermisst.

Dieser Rahmen tut der Inszenierung gut, er verhindert das Abgleiten in eine reine Nummern-Revue. Die Schulden, das gegenseitige Sich-Niedermachen, der aufblitzende Rassismus - das ist die Mittelklasse am Rand des Abgrunds, die erkannt hat: "Es ist sinnlos, das immer weiterzumachen, was nicht mehr gefragt ist." Und gerade darum tun sie es. Es ist ihre Form des Widerstands.

Diese Gemengelage ist ein ureigenes Marthaler-Thema, und so sehr er seine Figuren dem Lachen aussetzt, so sehr spürt man die Liebe zu ihrer Welt, zu ihrer Musik, zu ihrem Milieu, die der Regisseur zweieinhalb pausenlose Stunden lang samt Live-Band und Show-Tänzerinnen feiert.

Es ist wie in einer Marthaler-Inszenierung in den Neunzigern. Und so feiert dieser Abend nicht nur die von vielen schon untergegangen geglaubte Kunst des Varieté, sondern auch die Kunst des Regisseurs Marthaler, diese wunderbare, unverwechselbare Mischung aus Komik, Depression und Melancholie. Ist man also selbst in die Nostalgiefalle getappt? Kann sein, aber es lohnt sich.

Und natürlich ist es nur logisch, dass dieser Abend sich der 90-Minuten-Fernsehökonomie verweigert und kein Ende findet, sondern drei. Zuerst singt das Ensemble den sehr schönen Choral "Näher, mein Gott zu Dir" (den Osborne an den Anfang seines Stücks gestellt hat), prozessiert dabei treppauf und treppab durch den ganzen Theatersaal und wirft sich auch noch fortwährend in immer neue Verkleidungen (Kostüme Anja Rabes).

Es folgt das zweite Ende, bei dem sich die Familie zu einem ernsten Gruppenbild um den großen Tisch herumversammelt, auf dem die Urne des Soldaten-Sohnes steht - bis sie plötzlich wie ein Tischfeuerwerk in die Luft geht.

Das dritte Ende gehört Archie, der leise, mit ausgedehnten Pausen zwischen den Zeilen, Dave Davies' Klassiker "Death of a Clown" in der Tiefe der dunklen Bühne verhallen lässt.


"Der Entertainer". Deutsches Schauspielhaus Hamburg , nächste Vorstellungen am 18. und 24.2. sowie am 4., 12. und 24.3., Karten unter www.schauspielhaus.de.



insgesamt 3 Beiträge
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thevicar 16.02.2015
1. Fernsehen
Früher gab es von solchen überdurchschnittlichen Aufführungen Fernsehaufzeichnungen. Wo bleiben die heute? Das wäre sicherlich mal eine Alternative zu seichten Serien und verfilmter Kriminalität.
marty_gi 16.02.2015
2. und wieder....
Wie bei so ziemlich jeder Premiere, die hier rezensiert wird, kommt es, wie es im deutschen Theater kommen muss. Und worueber sich jetzt (gottseidank) schon ein Verlag mit einem Regisseur/Theater streitet. Und was im Ausland zurecht dem deutschen Theater angekreidet wird - die Selbstbefriedigung der Regisseure und die Missachtung der Autoren. Ich zitiere:"...ein ureigenes Marthaler-Thema" - in jedem zweiten Satz kommt der Name vor. Der Autor Osborne aber, wird gerade zweimal genannt. Warum? Weil er unwichtig ist. Er hat zwar das Stueck ersonnen und es ist sein Werk - aber in Deutschland zaehlt nur der Regisseur. Wobei das seltenst wirklich Kunst ist, was er/sie daraus macht. Warum schreibt Herr Marthaler nicht gleich selbst Stuecke, wenn er die Werke anderer so missbraucht/zerpflueckt? Das waere mithin ein viel kreativerer und lohnenderer Prozess, als andere Autoren zu verfremden (mit Interpretation hat das ja nur noch wenig zu tun). Deutschland - du brauchst ein neues Theater. Eines, das wieder Respekt hat vor dem Werk der Autoren und vor den Zuschauern, und das den Regisseur nicht so wichtig nimmt.
cedebe 16.02.2015
3. Varieté
die untergangen geglaubte Kunst des Varieté? zynisch, wenn man weiß, dass sich due deutschen Varietés seit jeher selbstfinanzieren müssen und das erfolgreich bewältigen, wohingegen die deutschen Theater trotz staatlicher Finanzierung über Zuschauerverluste klagen. wenn Sie sehen möchten, wie lebendig und zeitgenössisch Varieté heute ist, besuchen Sie einfach mal eins...
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