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24. Februar 2014, 09:31 Uhr

Theaterpremiere in Hamburg

Murx den Patrioten!

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Der Regisseur Christoph Marthaler kehrt ins Hamburger Schauspielhaus zurück, wo er große Triumphe feierte. Ergreifend ist seine Aufführung "Heimweh & Verbrechen" aber nicht als Gedenkveranstaltung in eigener Sache, sondern als Requiem für die Toten von Lampedusa.

Es war ein Wochenende der großen musikalischen Nostalgiesensationen in Hamburg. In der Nacht von Sonntag auf Montag schrummte der ansehnlich verhärmte Pete Doherty bei einem Überraschungskonzert im gruselig verrauchten Golem-Club am Fischmarkt große halbvergessene Hits wie "What A Waster" auf einer total verstimmten Gitarre. Am Samstag nutzte der erfreulicherweise jetzt wieder bühnenbegeisterte Regisseur Leander Haußmann in seiner "Möwe" im Thalia Theater den Tom-Waits-Song "Innocent When You Dream" als Einheizer fürs Hamburger Publikum.

Und am Freitag zauberte der sowieso jeder Verehrung würdige Schweizer Musiker und Regisseur Christoph Marthaler einen Totenspuk ins Hamburger Schauspielhaus, der in freundlich gejauchzten Heimatliedern davon erzählte, wie gemein es zugeht, wenn Menschen die Sehnsucht nach der vertrauten Scholle zum Maß der Dinge machen. Er nannte den Abend "Heimweh & Verbrechen".

Christoph Marthaler, Jahrgang 1951, hat dem notorisch verstockten deutschsprachigen Theater in den neunziger Jahren das Lachen und das Mitsummen beigebracht, unter anderem mit "Murx den Europäer!" an der Berliner Volksbühne und "Goethes Faust Wurzel 1+2" im Hamburger Schauspielhaus.

Zwei Jahrzehnte später hat die neue Hamburger Schauspielhauschefin Karin Beier den Regisseur Marthaler zurückgeholt in die Stadt. Und lässt ihn in "Heimweh & Verbrechen" einerseits eine nostalgische Reminiszenz an die eigene, verwehte Revoluzzerzeit zelebrieren, andererseits aber eine grimmige politische Botschaft formulieren. Vor der Heimatliebe, so zeigt Marthaler gleich zu Beginn, kommt in Deutschland (und in der Schweiz) der Identitäts-TÜV - oder wie man in Auschwitz sagte: die Selektion.

Der wunderschöne Raum, in dem "Heimweh & Verbrechen" spielt, ist die von Marthalers Bühnenbildnerin Anna Viebrock nachgebaute Auswanderer-Halle der Hamburger Schifffahrtsgesellschaft Hapag, ein Glücks- und Unglücksort, durch den von 1901 an Hunderttausende von Deutschen geschleust wurden, die Schiffe in Richtung Amerika bestiegen.

"Mein Feld ist die Welt" steht, wie im historischen Vorbild, an der Stirnseite des bis in halbe Höhe mit braunen Klinkersteinen ausgekleideten Saals geschrieben. Ein nerdig bebrillter Conferencier, gespielt von Clemens Sienknecht, redet von einer "Rampe" (und meint scheinbar erstmal nur die der Bühne), dann treten knapp zwei Dutzend bunt gewandete Menschen in den Raum. Sie alle brennen darauf, uns das Liedgut der Alpen und des deutschen Flachlands vorzutragen - nur leider schickt der Spielleiter Sienknecht fast die Hälfte von ihnen wieder weg, ins Dunkel. Wir werden sie nicht wiedersehen.

Gegen das patriotische Gesums

"Heimweh & Verbrechen" hieß die psychiatrische Dissertationsarbeit des deutschen Denkers Karl Jaspers aus dem Jahr 1909. Er schilderte darin die im 19. Jahrhundert erstaunlich häufigen Kindsmorde durch junge Dienstmägde, die gegen ihren Willen von zu Hause weggeschickt worden waren, um in der Ferne fremden Familien zu dienen. Marthaler lässt seine Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter Irm Hermann, Olivia Grigolli und Bettina Stucky, einige dieser Kindsmordfälle nacherzählen, in denen die Täterinnen aussagten, sie hätten so sehnlich zu ihren eigenen Müttern oder in ihr Heimatdorf zurückgewollt, dass sie ohne alle Skrupel dafür die ihnen anvertrauten Kleinen umbrachten. Zwischen diesen Bekenntnissen singt das Ensemble Lieder wie "Nun ade, du mein lieb' Heimatland" oder "Lustig ist das Zigeunerleben".

Was bitte hat dieser merkwürdige Spuk mit der Gegenwart des Jahres 2014 zu tun? Vor die ersten Zuschauerreihen im Hamburger Schauspielhaus hat man zwei hölzerne Ruderboote gebaut, damit klar ist, wem dieser Abend gewidmet ist: den Afrikanern, die ihr Leben riskieren, wenn sie sich in Richtung Europa aufmachen. In Wahrheit nämlich erzählt dieser mit Texten von Alexander Kluge angereicherte Abend vom Hass, den die beherzt herausgesungene Sehnsucht nach Heimat und Scholle nur unzureichend kaschiert.

Je schmissiger in "Heimweh & Verbrechen" musiziert wird, desto mehr verdüstert sich diese Aufführung. Und man merkt: Christoph Marthaler gedenkt keineswegs nostalgisch seiner früheren Hamburger Großtaten, sondern er erzählt ruhig und konzentriert und unerbittlich von dem, was ihn (und im besten Fall auch uns, die Zuschauer) heute quält. Was treibt die Schweizer, was treibt die EU zur Abschottung, zum gnadenlosen Egoismus gegenüber den Elenden, die auf unseren reichen Kontinent drängen?

Marthalers Exorzismus richtet sich gegen das patriotische Gesums, das in uns allen steckt. Dieser Exorzismus ist manchmal nur schwer auszuhalten, aber gerade deshalb große, anstrengende Kunst. Die Hamburger haben allen Grund zur Freude, dass der aus der Fremde zugewanderte Christoph Marthaler zurück ist in der Stadt.


Heimweh und Verbrechen. Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Wieder am 27.2. sowie 2., 21. und 26.3., Tel. 040/24 87 13, www.schauspielhaus.de

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