CIA-Affäre US-Journalistin Miller sagt nach Beugehaft aus

Aus dem Gefängnis vor die Grand Jury: Drei Monate saß Judith Miller, Starreporterin der "New York Times", in Beugehaft, weil sie einen Informanten nicht preisgeben wollte. Jetzt hat sie vor Gericht ihr Schweigen gebrochen.


Es war ein regelrechter Medien- und Politkrimi - mit Akteuren, wie das Genre sie liebt: Agenten, Top-Ermittlern, Staatsanwälten, hohen Regierungsbeamten. Im Zentrum des Falls stand Judith Miller, die Star-Journalistin der "New York Times": Weil sie einen Informanten nicht preisgeben wollte, wurde sie in Beugehaft genommen.

Reporterin Miller: Freikommen, aussagen
AP

Reporterin Miller: Freikommen, aussagen

Heute wurde sie aus dem Alexandria-Gefängnis nahe Washington entlassen, in dem sie vom 6. Juli an inhaftiert war. Anschließend musste sie zur Aussage vor einer Grand Jury erscheinen. Den Informanten, den sie um den Preis ihrer Freiheit geschützt hat, gab sie jetzt namentlich bekannt, zumal dieser sie "freiwillig und persönlich" von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden habe: Es handelt sich um Lewis Libby, den Stabschef von Vize-Präsident Dick Cheney.

Cheney also hat Miller über das CIA-Cover der Agentin Valerie Plame informiert, die vor zwei Jahren von Robert Novak, einem erzkonservativen Kolumnisten, als Agentin geoutet worden war. Die Preisgabe von Plames Identität hatte damals für einen Skandal gesorgt, an dem am Ende Miller und ihr "Time"-Kollege, Matthew Cooper, auf der Anklagebank landeten.

Dass der regierungstreue Novak Plame verriet, hatte eine pikante Pointe: Die Agentin ist mit dem früheren Botschafter im Irak, Joseph Wilson, verheiratet. Der hatte das Statement George W. Bushs, der Irak verfüge über Uran zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen, in der "New York Times" als "Manipulation" bezeichnet. Die eine Woche später folgende Bloßstellung Plames durch Novak war für Wilson ein klarer Fall von Rache an seiner Kritik.

Weil der Verrat an Agenten strafbar ist, berief Präsident Bush damals einen Sonderermittler, der herausfinden sollte, wer Plames Doppelleben verraten hatte. Der für die Untersuchung bestellte Staatsanwalt Patrick Fitzgerald fand heraus, dass mindestens sechs Journalisten über Plames CIA-Aktivitäten informiert waren, darunter Cooper und Miller, die zu dem Fall selbst allerdings nichts veröffentlicht hatte.

Obwohl sich die beiden auf den Quellenschutz beriefen, wurden sie vorigen Oktober zur Beugehaft verurteilt, zudem erhielten sowohl "Time" als auch "New York Times" empfindliche Geldstrafen. Auch der Gang vor den Supreme Court, wo die beiden Journalisten auf Verfassungsschutz pochten, half nichts. Im Juni dieses Jahr knickte die "Times" ein und übergab Fitzgerald alle Notizen und E-Mails Coopers.

Der erhielt unlängst ebenfalls die Erlaubnis zur Aussage: Nach eigenen Angaben sprach er erstmals mit dem Bush-Berater Karl Rove über die Agentin. Rove hat allerdings jedes Fehlverhalten von sich gewiesen. Cooper hat zudem erklärt, auch mit Libby über Plame und ihren Ehemann gesprochen zu haben.

Sollten Libby oder Rove für die Enttarnung zur Rechenschaft gezogen werden, könnte dies auch die Regierung in große Bedrängnis bringen. Bush, bereits stark in der Kritik wegen des mangelhaften Krisenmanagements im Hurrikan-Gebiet Lousiana, könnte die beiden Republikaner kaum halten - auch wenn er bislang alle Forderungen der oppositionellen Demokraten, sie zu entlassen, abgewiesen hat. Das Mediendrama mag vorbei sein, der Polit-Krimi geht weiter.

Daniel Haas



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.