CIA-Skandal Angriff auf "Miss Amoklauf"

In der "New York Times" herrscht Meutereistimmung. Kollegen schreiben gegen Kollegen, Mitarbeiter attackieren die Redaktionsspitze. Der Vorwurf: Starreporterin Miller, die wegen des CIA-Skandals ins Gefängnis ging, sei keine Heldin, sondern habe dem Blatt aufs Schwerste geschadet.

Von , New York


Starreporterin Miller: "Kurze Leine bitter nötig"
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Starreporterin Miller: "Kurze Leine bitter nötig"

New York - Alles schien normal auf den Linoleumfluren der "New York Times". Im dritten Stock des staubigen Zeitungspalazzos an der 43rd Street saßen Ende voriger Woche wie immer die Newsroom-Reporter an ihren Computern. Vor den Aufzügen sammelten sich schnatternde Grüppchen zum Lunch. Sieben Etagen höher, in den heiligen Hallen der Meinungsseiten, herrschte dagegen Grabesstille. Ein einsames Plakat annoncierte eine Schutzaktion zur Brustkrebsfrüherkennung.

Hinter den Kulissen aber wucherte ein ganz anderes Geschwür. Die immer mysteriösere Affäre um Starreporterin Judith Miller und ihre Verwicklung in den CIA-Skandal des Weißen Hauses - gepaart mit einem dramatischen Gewinneinbruch beim Verlag und dräuenden Stellenkürzungen, davon auch 45 hier in der Zentralredaktion - nagen an der Moral. Übers Wochenende nun kochte die stille Wut hoch: Führende Edelfedern forderten ganz offen die Entlassung der Kollegin Miller, und der Chefredakteur leistete den Offenbarungseid.

"Die Leute hier sind sehr aufgebracht", sagte der leitende Redakteur Andrew Rosenthal, Sohn des legendären Ex-Chefredakteurs Abe Rosenthal, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Miller, die 85 Tage in Beugehaft saß, weil sie ihre Regierungskontakte nicht offenlegen wollte, habe auch der eigenen Redaktion wichtige Informationen vorenthalten. "Wir stehen voll hinter unseren Reportern, solange sie sich an die Spielregeln halten", betonte Rosenthal. "Die Frage ist: Wurde diese Abmachung von beiden Seiten eingehalten?" Und zur Debatte um Millers Zukunft sagte er: "Ich glaube nicht, dass sie jemals wieder hier arbeiten wird. Mehr weiß ich aber nicht."

Kellers lange E-Mail aus Asien

Pulitzer-Preisträgerin Miller hatte kürzlich nach fast dreimonatiger Beugehaft vor einem Sonderstaatsanwalt über ihre konspirativen Kontakte zu Lewis Libby ausgesagt, dem Stabschef von US-Vizepräsident Dick Cheney. Der Staatsanwalt will bis Ende dieser Woche klären, wer im Weißen Haus im Sommer 2003 den Namen der CIA-Agentin Valerie Plame an ausgesuchte Journalisten weitergegeben hat - ein potentiell strafbarer Geheimnisverrat. Plame ist die Ehefrau des Regierungskritikers Joe Wilson, der zuvor einer der Begründungen des Irak-Kriegs - Saddam Husseins angeblicher Versuch, sich Uranstaub zum Atombombenbau zu beschaffen - in der "NYT" widersprochen hatte.

Während Millers Beugehaft hatte sich die Verlagsspitze kategorisch hinter die Reporterin gestellt und den Fall als einen Test der Presse- und Meinungsfreiheit dargestellt. Niemand dürfe Journalisten zwingen, ihre anonymen Quellen zu verraten, beharrte Chefredakteur Bill Keller: "Die Position in einem Fall wie diesem ist, den Reporter zu unterstützen", erklärte er.

Inzwischen klingt Keller aber anders. "Ich habe überhört, was bedeutende Warnglocken hätten sein müssen", schrieb er am Freitag in einer langen E-Mail aus Asien, wo er gerade dienstlich unterwegs ist, an alle Mitarbeiter. "Hätte ich über die Details der Verstrickung Judys mit Libby Bescheid gewusst, wäre ich vorsichtiger gewesen, wie die Zeitung ihre Verteidigung artikuliert." Miller, die selbst von dem Memo im Urlaub überrascht wurde, scheine die Redaktion "über das Ausmaß ihrer Verwicklung irregeführt" zu haben.

"Alles Gute, Bill"

Keller warf seinem früheren Star Miller vor, sich zur Komplizin in einer "Flüsterkampagne" der Regierung gegen deren Kritiker gemacht zu haben. Doch er nutzte das Memo, das mit dem knappen Gruß "Kollegen" begann und mit "Alles Gute, Bill" endete, auch für ein mea culpa über das eigene Verhalten seit seinem Amtsantritt, kurz nach dem Skandal um den Fälscher und Plagiator Jayson Blair: "Ich wünschte, wir hätten uns mit der Kontroverse um unsere Berichterstattung über Massenvernichtungswaffen schon ab dem Moment beschäftigt, als ich Chefredakteur wurde."

"New York Times"-Chefredakteur Keller: "Warnglocken überhört"
AP

"New York Times"-Chefredakteur Keller: "Warnglocken überhört"

Damit spielte er auf den breiteren Kontext der ganzen Affäre an - auf die zahlreichen, überwiegend von Miller verfassten Artikel, die die Massenvernichtungswaffen-Vorwürfe der US-Regierung gegen den Irak propagiert hatten und sich inzwischen als falsch entpuppt haben. "Die Zeitung hatte gerade ein großes Trauma durchlitten, die Jayson-Blair-Episode, und musste ihr Gleichgewicht wiederfinden", rechtfertigte Keller seine damalige, zögerliche Haltung zu Millers Verhalten.

Erst ein Jahr nach Kellers Beförderung zum Chefredakteur räumte die "Times" öffentlich schwere journalistische Versäumnisse im Vorlauf zum Irak-Krieg ein - ohne dabei jedoch Miller beim Namen zu nennen. Dadurch "ließen wir es zu, dass die Wut innerhalb und außerhalb der Zeitung gärte", räumte Keller ein. Später, nach Millers Vorladung vor den Sonderstaatsanwalt zum CIA-Skandal, hätte er sie auch persönlich "eingehend vernehmen und dies mit eigener Recherche vertiefen müssen".

"Der Verleger sollte den Preis zahlen"

Über Millers Zukunft schwieg sich Keller aus. Maureen Dowd, die meistgelesene Kolumnistin der "Times", forderte jedoch jetzt als erste unverblümt ihren Rauswurf. Miller sei eine "Massenvernichtungsfrau", die "dieser Zeitung und ihrem Vertrauen bei den Lesern geschadet" habe, schrieb Dowd in ihrer Samstagskolume - ein einzigartiger Akt öffentlicher Kollegenschelte. "Sie hatte eine kurze, redaktionelle Leine bitter nötig, doch sie wurde ohne Leine frei laufen gelassen."

Durch Miller sei die "Times" zum Sprachrohr der US-Regierung geworden, klagte Dowd. "Judys Geschichten über Massenvernichtungswaffen passten allzu perfekt in die Argumentation des Weißen Hauses für den Krieg." Dass Miller eine so "führende Rolle" bei der "inzestuösen Ausschmückung" der amtlichen Linie spielen konnte, daran trage auch die Redaktionsleitung Schuld: Selbst als Keller sie vom Massenvernichtungswaffen-Thema abgezogen habe, sei sie immer wieder "dahin abgedriftet". Dowd schrieb anklagend: "Warum hat niemand dieses Abdriften gestoppt?"

So sind einem Bericht des Magazins "Newsweek" zufolge jetzt auf einer internen Krisensitzung sogar Forderungen nach den Rücktritten von Keller und Verleger Arthur Sulzberger aufgekommen. "Der Verleger", zitierte "Newsweek" einen "Times"-Mitarbeiter, "sollte den Preis zahlen."

"Dieser Fall stinkt"

Der Ombudsmann der "NYT", Byron Calame, kritisierte die Redaktionsspitze ebenfalls scharf und warf ihr "ethische Probleme" vor. "Die journalistischen Praktiken Millers und der 'Times'-Redakteure waren mangelhafter, als ich befürchtet hatte", schrieb er gestern. Die verantwortlichen Redakteure hätten "dazu tendiert, Fehler bei der Vorkriegsberichterstattung nur zögerlich zu korrigieren". Außerdem hätten sie Miller zu "ehrerbietig behandelt". Angesichts der jetzigen Lage werde es ihr "schwer fallen, als Reporterin zu der Zeitung zurückzukehren".

US-Vizepräsident Cheney: Gezielt Namen lanciert?
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Andrew Rosenthal - der als stellvertretender Leiter des Meinungsressorts die Kolumnen Dowds und Calames mitverantwortet - verteidigte den Prinzipienkampf der "New York Times" um Quellenschutz und Presserecht. Es sei "nicht akzeptabel", dass Journalisten eingekerkert würden, um Quellen zu verraten, sagte er zu SPIEGEL ONLINE. "Das Problem ist", fügte er hinzu, "dass man sich leider nicht aussuchen kann, wen man beschützt und welchem Reporter man den Rücken stärkt."

Diesmal, sagte Rosenthal, gehe es nicht um einen Whistleblower wie "Deep Throat" Mark Felt, den Informanten im Watergate-Skandal, oder Daniel Ellsberg, der 1971 die "Pentagon-Papiere" zum Vietnamkrieg publik machte. Diesmal gehe es um die Verleumdung eines Regierungskritikers - und um Judith Miller.

Recherchieren in Bagdad verboten

"Dieser Fall stinkt", klagte Rosenthal, der früher selbst für das Blatt Korrespondent im Weißen Haus war. Zugleich beklagte er aber auch einen generellen Verfall der Presse- und Meinungsfreiheit in den USA seit den Terroranschlägen des 11. September. Die jüngsten Entwicklungen - darunter der "Patriot Act" zur Terrorabwehr, der viele Bürgerrechte beschneide - "erinnern sehr ungemütlich an totalitäre Regierungen".

Miller ist seit jeher in der eigenen Redaktion umstritten. Sie überwarf sich mit dem Büro in Bagdad, das ihr das Recherchieren dort verbat, und hat in New York den von ihr selbst geprägten Spitznamen "Miss Amoklauf". Sie will nach eigenen Worten bald in den Newsroom zurückkehren, um weiter über die "Bedrohungen unseres Landes" zu berichten. "Wenn das passiert", warnte Dowd die Leser aber, "dann ist eine Institution am meisten in Gefahr - die Zeitung in Ihren Händen."



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