Gemäldefund von Compiègne Warum sind Kunsthistoriker so aus dem Häuschen?

In Frankreich ist überraschend ein mittelalterliches Gemälde von Cimabue aufgetaucht. Kunstexperte Gaudenz Freuler erklärt, warum das eine Sensation ist - und wer Chancen hat, das Meisterwerk zu kaufen.

"Verspottung des Jesus" von Cimabue
Philippe LOPEZ/ AFP

"Verspottung des Jesus" von Cimabue

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Freuler, Sie haben das Tafelbild mit der "Verspottung des Jesus" am Original untersucht. Woran haben Sie erkannt, dass sie es mit einem echten Cimabue zu tun haben?

Gaudenz Freuler: Als ich die "Verspottung des Jesus" im Juni 2019 erstmals vor mir hatte, war mir sofort klar, dass es mit den beiden Bildern des Cimabue in London und New York eine Einheit bildet. Das Format und die gestichelten Randverzierungen sind identisch mit den beiden Schwesterstücken.

SPIEGEL ONLINE: Cimabue ist einer der bekanntesten italienischen Maler der Vorrenaissance. Wusste man in Frankreich nicht von der Einzigartigkeit dieses Gemäldes?

Freuler: Im konkreten Fall wusste die Familie wirklich nicht, dass sie ein so wertvolles Gemälde besitzt. Es hing jahrzehntelang in ihrer Küche und war für eine relativ wertlose byzantinische Tafelmalerei gehalten worden, von denen noch Tausende existieren. Entdeckt worden ist es, weil die Familie ihre Sammlung versteigerte.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Kunsthistoriker darüber so aus dem Häuschen?

Freuler: Allein, dass das Werk mehr als 700 Jahre erhalten blieb und nun dem Kunstmarkt zugänglich gemacht wird, ist sensationell. Aber auch aus kunsthistorischer Sicht ist der Fund ein Traum. Wir haben nun von Cimabue endlich ein sehr gut erhaltenes, narratives Gemälde mit vielen Figuren, die interagieren. Das andere maßgebliche erzählerische Werk von ihm sind die Fresken in der Basilika von Assisi, die allerdings schlecht erhalten sind. Jetzt lässt sich genau überprüfen, wie gekonnt Cimabue diese neuartige Dramaturgie umsetzte.

Zur Person
  • privat
    Gaudenz Freuler ist emeritierter Professor am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich. Er befasst sich seit vier Jahrzehnten wissenschaftlich mit der Kunst des Mittelalters. Sein Spezialgebiet ist die italienische Malerei der Gotik und Frührenaissance.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn an den lebhaften Szenen neu?

Freuler: Cimabue kann nun wirklich als Gründer der neuzeitlichen Malerei bezeichnet werden. Er führte die byzantinische, ikonenhafte Malerei einer neuen Bildwelt zu, jener des Westens. Diese hatte zum Ziel, gemalte Erzählungen auf der Gefühlsebene nachvollziehbar zu machen, und zwar durch naturalistische Bilder. Auf der französischen Tafel wird eine Geschichte aus dem Evangelium mit einer unheimlich expressiven Eindringlichkeit beschrieben, wie sie später von Giotto bis hin in die Renaissance noch weiter perfektioniert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was macht denn das Gemälde so eindringlich, dass es sich von der damaligen Malerei abhebt?

Freuler: Vor allem die Dynamik und Körperlichkeit der Figuren - so etwas wurde zuvor nicht gemalt. Auch die Gesichter haben die alte Ikonik hinter sich gelassen, man kann die Gefühle der um Christus gescharten Figuren individuell nachvollziehen. Ich datiere das Werk auf die Zeit zwischen 1280 bis 1285. Zu diesem Zeitpunkt stand Giotto am Anfang seiner Karriere und wirkte in den nachfolgenden Jahren in Cimabues unmittelbarer Nähe, um dessen Vorgaben revolutionär umzusetzen und eine neue Bildwirklichkeit zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das Bild steht Ende Oktober zum Verkauf über eine Auktion. Wird es in privaten Gemächern verschwinden?

Freuler: Es gibt eine gute Chance, dass es nicht dazu kommt. Frankreich hat diverse Möglichkeiten, die eine Ausfuhr bedeutender Kunstschätze erschweren oder unmöglich machen. Wenn eine Institution wie der Louvre, der sich für das herausragende Werk interessieren dürfte, bei der Auktion nicht zum Zuge kommt, hat sie drei Jahre Zeit, das Bild dem neuen Eigentümer abzukaufen. Der diktiert dann allerdings den Preis. Deshalb kann man sehr gespannt sein, was mit der Tafel passieren wird.



insgesamt 12 Beiträge
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AxelSchudak 26.09.2019
1. Missing Link
Ein wichtiges Verbindungsstück der Kunstentwicklung. Ich hoffe wirklich, dass das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird!
sparrenburger 26.09.2019
2. War da nicht mal was
Schon wieder taucht ein scheinbar unfassbar wichtiges Gemälde auf, wieder ist die Provenienz nicht wirklich nachprüfbar oder geklärt. Und wieder ist sich die Fachwelt von Anfang an ganz sicher hier etwas ganz tolles zu haben. Zumindest hört es sich im Artikel genau so an. Scheinbar hat man aus den Skandalen der letzten Jahre nix aber auch gar nichts gelernt.
prà ncipe 26.09.2019
3. Kunstexperte im Forum
Und Sie sind sicher Kunstexperte und können da mit Expertise mitreden? Mann, Mann! Immer diese Meinungen ohne Wissen oder Fakten!
stelzerdd 26.09.2019
4. Endlich
"Wir haben nun von Cimabue endlich ein sehr gut erhaltenes, narratives Gemälde" Wie sehr habe ich auf die Verwendung des intellektuell klingenden Modeworts "Narrativ" gewartet. Und nun gleich als Adjektiv.
sparrenburger 26.09.2019
5. @prà ncipe
Fühle mich angesprochen. Nein ich bin kein Kunst- Experte. Für welche meiner Aussagen wäre das nötig ? Ich finde die Geschichte hört sich recht ähnlich an, wie in den Fällen vieler gefälschter Gemälde. Etwas Skepsis wäre angebracht. Dafür reicht es sich an diese Fälle erinnern zu können, lesen können hilft sicher auch.
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