Margarete Stokowski

Fall Tönnies Rassismus lässt sich abtrainieren

Ist Clemens Tönnies ein Rassist? Er würde das wohl bestreiten. Tatsächlich sehen sich die allermeisten von uns nicht als Rassisten, haben aber rassistische Denkmuster verinnerlicht. Sie loszuwerden ist eine lebenslange Aufgabe.
Protest von Schalke-Fans gegen Rassismus: Rote Karte für den Aufsichtsratsvorsitzenden

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Foto: FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/REX

Ist man ein Rassist oder ein Sexist, wenn man etwas Rassistisches oder Sexistisches gesagt hat? Um diese Frage soll es heute gehen, und ich muss gleich sagen: Ich habe sie zwar selbst ausgesucht, aber ich finde die Frage nicht besonders gut. Beziehungsweise nicht besonders brauchbar, um mit irgendwas voranzukommen. Aber die Frage wird diskutiert, also kann man sie sich mal genauer ansehen.

Wer eine Frage stellt, sollte sich darüber Gedanken machen, wie die Antwort seriöserweise aussehen könnte und ob man aus ihr schlauer werden würde. Wenn man fragt, ob jemand Rassist ist, wenn er etwas Rassistisches gesagt hat, dann ist die Antwort im Grunde einfach: Wer etwas Rassistisches oder Sexistisches sagt, ist zumindest in diesem Moment Rassist - oder Rassistin - oder Sexist - oder Sexistin.

Aber man hat nicht so viel von dieser Erkenntnis. Denn Rassismus und Sexismus müssen nicht lebenslänglich sein. Es kann sein, dass jemand, der eigentlich bester Absicht ist, in einem Gespräch einen rassistischen Begriff verwendet, und dann sagen andere Leute "hey, guck mal, das ist aus folgenden Gründen nicht okay..." und dann sagt die Person: "Oh, sorry, danke für den Hinweis." Die Person benutzt den Begriff nicht mehr und erklärt anderen Leuten bei Bedarf warum. Dann ist diese Person keine Rassistin, sondern ein lernfähiger Mensch, der mal einen Fehler gemacht hat.

Aber ganz so einfach ist es allermeistens dann doch nicht. Wie schwierig es sein kann, konnte man in der vergangenen Woche sehen, als der Journalist Kai Gniffke in einem "Tagesschau"-Kommentar  versuchte zu erklären, ob der Fußballfunktionär und Fleischproduzent Clemens Tönnies ein Rassist ist. Tönnies hatte gesagt, man sollte in Afrika Kraftwerke bauen, denn "dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." (Wenig beachteter Aspekt in dieser Debatte übrigens: Bäume zu fällen ist an sich überhaupt nicht schlimm, mit Holz zu heizen  kann sehr umweltfreundlich sein, im Gegensatz zur massenhaften Fleischproduktion von Tönnies.)

Es waren sich recht schnell sehr viele Leute einig, dass diese Aussage rassistisch ist. Gniffke versuchte nun zu begründen, warum Tönnies kein Rassist ist. Es war ein programmierter Argumentationsunfall, wie man ihn leider sehr häufig beobachten kann. "Rassismus ist eklig, aggressiv und menschenverachtend", erklärte Gniffke. So weit, so richtig. Dann aber der perfide Schlenker: "Wir dürfen Rassismus nirgends verharmlosen. Wenn wir alles in die Schublade Rassismus einsortieren, was man für gedankenlos, gestrig und Altherren-Gewäsch hält, dann erklärt man sehr viele Menschen in Deutschland zu Rassisten." Das heißt: Leute, die auf Tönnies' Rassismus hinweisen, verharmlosen Rassismus. Interessant.

Die Logik von Gut und Böse

Es hatte bis zu dem Zeitpunkt (und auch danach) allerdings niemand gefordert, alles Gedankenlose oder Gestrige als Rassismus zu deklarieren. "Gestrig" ist zum Beispiel die Idee, es sei unangemessen, als Angestellte einen Chef zu duzen, gestrig sind Eichenschrankwände und Umrechnen von Euro in D-Mark. "Den Afrikanern" zu unterstellen, sie hätten ihren Fortpflanzungstrieb nicht unter Kontrolle, ist rassistisch. Es ist leider weder gedankenlos noch gestrig, sondern eine allzu verbreitete Vorstellung, und jemand, der ein solches Vorurteil ausspricht, hat höchstwahrscheinlich noch ein paar mehr davon auf Lager.

Darum aber ging es Gniffke in seinem Kommentar gar nicht. Wichtiger war ihm, eine Grenze zu ziehen. Zwischen Leuten, die er kennt, und ungeduschten, pöbelnden Faschisten, grob gesagt, oder wie er es formulierte: die Grenze zu "widerlichen, gemeingefährlichen Rassisten und Hasspredigern". Denn man dürfe Menschen, die "gedankenverloren alte Vorurteile pflegen und Sprüche klopfen" nicht gleichsetzen mit dem "braunen Mob". Magie der Worte! So wird aus einem, der übelste rassistische Klischees bedient wie Tönnies, jemand, der "gedankenverloren" etwas "pflegt". Wie lieb.

Man dürfe nicht sehr viele Leute in Deutschland zu Rassisten erklären, findet Gniffke. Warum? Nach allen Untersuchungen, die es zu rassistischen Einstellungen in Deutschland gibt, muss man leider sagen: Rechte Positionen sind auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft  sehr weit verbreitet. Jeder zweite Deutsche hat Vorurteile gegen Asylsuchende. Es gibt sehr viele RassistInnen in Deutschland. Man darf sie so nennen und es steht ihnen frei, sich zu ändern.

Wer denkt, es sei dem "braunen Mob" vorbehalten, Hass und Vorurteile zu verbreiten, zeigt, dass er entweder noch nie eine Studie über Rassismus in Deutschland gelesen hat und sich noch nie mit Menschen unterhalten hat, die von Rassismus betroffen sind, oder eigene rassistische Sprüche schönreden will oder einfach das Image von Deutschland (uff, welches eigentlich) retten möchte. Oder alles zusammen, und nichts davon wäre gut. Im Zweifelsfall ist es der ignorante Trotz, eine Realität anzuerkennen, die man selbst selten mitbekommt, aber Trotz ist kein Antirassismus.

Sexismus und Rassismus sind nicht in allen Punkten vergleichbar, aber in diesem schon: Es ist ein oft zu beobachtendes Phänomen, dass Leute versuchen, andere zu verteidigen, indem sie erklären, dass diese "in Wirklichkeit" keine Rassisten oder Sexisten sind, auch wenn sie etwas offensichtlich Menschenverachtendes gesagt oder getan haben. Männer erklären, sie kennen ihren Kollegen gar nicht als Grabscher oder schmierigen Frauenfeind und Weiße erklären, sie würden eine Person normalerweise nicht als Rassistin erleben. Was ja wahrscheinlich auch stimmt, aber eben nur sagt, dass sie von diesen Einstellungen vielleicht bisher nichts mitbekommen haben oder sie ausblenden konnten.

Die allermeisten von uns haben sexistische und rassistische Denkmuster verinnerlicht. Es ist eine lebenslange Aufgabe, sie loszuwerden. Wer versucht, Leute, die offensichtlich rassistische Aussagen machen, von "echten" Rassisten abzugrenzen, bemüht eine Logik von Gut und Böse, die die massenhafte Verbreitung rassistischer Ideen nicht ernst nimmt. Es ist eine billige Entlastungstechnik derer, die sich nicht mit Rassismus beschäftigen wollen - und eine Belastungstechnik für alle, die von ihm betroffen sind.

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