Wilhelm Heitmeyer

Rassismus Wie sich Eliten selbst entlarven - die Tönnies-Signatur

Wilhelm Heitmeyer
Von Wilhelm Heitmeyer
Nach einer rassistischen Äußerung entschuldigte sich Clemens Tönnies bei Schalke 04 - aber nicht bei den Betroffenen. Der Fall und die Nicht-Reaktionen auf ihn zeigen, wie Herreneliten zur Normalisierung von Menschenfeindlichkeit beitragen.
Schalkes Präsident Clemens Tönnies bei der Mitgliederversammlung vom Schalke 04

Schalkes Präsident Clemens Tönnies bei der Mitgliederversammlung vom Schalke 04

Foto: Guido Kirchner/ DPA

I.

Herrn Tönnies, Fleisch-Milliardär und Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligavereins Schalke 04, gilt ein gewisser Dank. Ihm gelingt vor der Kulisse von etwa 1600 geladenen Gästen auf dem "Tag des Handwerks" am 1. August 2019 in Paderborn mit einem Satz die Selbstentlarvung von Eliten. Selbstentlarvung als unkontrollierte Aufdeckung verdeckter Denkmuster. Und überall sind Herren am Werk.

Herr Tönnies plädiert zur Vermeidung einer Klimasteuer in den Industriegesellschaften zur Begrenzung des Klimawandels für die Finanzierung von 20 Kraftwerken in Afrika:

"Dann würden Afrikaner aufhören Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren."

Zur Person
Foto: Monika Skolimowska/ DPA

Wilhelm Heitmeyer, ist Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld.

"Produzieren": Klarer kann eine Selbstentlarvung, man kann auch sagen Selbst-Demaskierung, von Eliten nicht gelingen. Es ist eine Signatur, also eine Einkerbung in der öffentlichen Debatte, die nicht vergehen wird.

Im Kern geht es um eine Aussage zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, indem Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit - hier Afrikaner - und unabhängig von ihrem individuellen Verhalten der Abwertung und Diskriminierung ausgeliefert werden. Diese Ideologie der Ungleichwertigkeit korrespondiert mit Attitüden von Überlegenheit der eigenen Gruppe.

II.

Die öffentliche Debatte fokussiert sehr stark auf die Person von Herrn Tönnies.

Dies ist nachvollziehbar angesichts der anbiedernden Entschuldigungsversuche ausschließlich in Richtung der Fans von S04, um seine Macht zu sichern. Der in Ghana geborene frühere Schalke-Spieler Hans Sarpei hat sehr früh auf den entscheidenden Punkt hingewiesen: Herr Tönnies hat sich nicht bei der rassistisch markierten Gruppe entschuldigt. Dies verweist auf die amoralische Taktik und entblößt das volle Ausmaß der Selbstentlarvung, denn die getätigte Aussage bleibt gegenüber den Betroffenen bestehen.

III.

Zugleich greift die Debatte viel zu kurz, weil die Aussage in verschiedenen Kontexten mit anderen Eliten eingelagert ist, in denen weitere Selbstentlarvungen unterschiedlicher Akteursgruppen stattfinden.

Im Versammlungskontext ist zwar von "Irritationen" die Rede, aber der Beifall ist nicht ausgeblieben. Es hat niemand gepfiffen, was bei den Honoratioren kaum zu erwarten war. Ein lautloses Aufstehen wäre ein symbolmächtiges Zeichen gewesen. Nichts geschah. Eine Selbstentlarvung, die auch den anwesenden Erzbischof von Paderborn betrifft. Denn die Aufforderungen zu Zivilcourage - an jeweils andere gerichtet - werden in den Predigten im Paderborner Dom nicht lange auf sich warten lassen. Aber vielleicht wollte es sich die Kirchenelite nur nicht mit der Handwerkerelite im eigenen Bistum verderben; die Handwerkerschaft des Kreises Paderborn nicht mit dem Großunternehmer im nahegelegenen Rheda-Wiedenbrück. Selbstentlarvung durch Opportunismus.

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Die ausbleibende "aufstehende" Reaktion des Auditoriums ist der Effekt des Geredes von "gesamtgesellschaftlicher Verantwortung". Sie ist die vollendete Verantwortungsdiffusion. Stimmt deshalb die These noch, dass es in der Weimarer Republik zu wenig aufrechte Demokraten gegeben habe und jetzt alles anders sei? Selbst im politisch risikolosen Kontext im heutigen Paderborn war kein öffentlich sichtbares Aufstehen - im moralischen wie körperlichem Sinne - registrierbar. Selbstentlarvung durch fehlende Zivilcourage.

Insgesamt sind Nicht-Reaktionen immer auch "schweigende Parteinahmen", nicht selten auch klammheimliche Zustimmungen. Dies müssen nicht identische Wortwahlen sein, sind aber gleichwohl ähnliche Denkmuster.

Der Kontext des Profifußballs enthält auch einige Varianten der Selbstentlarvung. Auffällig aus der Managerelite ist zum Beispiel der von Herrn Tönnies beruflich abhängige Schalke-Sportvorstand Herr Schneider, der sich soziologisch versucht, indem er beschreibt, wie diese Gesellschaft angeblich funktioniert: Man kann sagen, was man will, entschuldigt sich, und dann geht es ungerührt weiter. Selbstentlarvung durch Amoralität.

Und wo bleiben die Stellungnahmen der fußballerischen Geschäftsfreunde wie die der Herren Hoeneß, Rummenigge, Watzke etc., die sonst so wortmächtig auftreten und von "gesamtgesellschaftlicher Verantwortung" reden? Nichts, außer Herr Rauball mit einer verhaltenen Kritik; immerhin.

Im politischen Kontext sind zum Beispiel Äußerungen wie von Herrn Gabriel (SPD) oder Herrn Kubicki (FDP) aufschlussreich - und sie sind nicht allein. Sie reichen von Entlastung bis zur Umwertung der Aussage. Der Jurist Herr Kubicki bezeichnet die Äußerung als nicht strafwürdig - als ob es darum ginge - und stilisiert im gleichen Atemzug Herrn Tönnies gar zu einem sorgenvollen Vordenker zukünftiger Weltentwicklungen. Eine weitere Variante der Selbstentlarvung.

Schließlich sind es die Wirkungen in die Gesellschaft hinein, wenn Herreneliten damit - erstens - zu einer Verschiebung von bisher geltenden Normalitätsstandards beitragen, also zu einer Normalisierung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung.

Solche Positionierungen liefern - zweitens - Legitimationen für politische Attacken etwa des autoritären Nationalradikalismus der AfD mit ihren Ausgrenzungsstrategien. Daraus - drittens - können auch gewaltbereite Gruppen ihre Legitimationen schöpfen - ohne dass deren Taten dem Urheber der genannten Markierung von Afrikanern juristisch zuzurechnen wären. Aber die Äußerung kommt aus einem Elitekreis und wirkt damit legitimierend.

So wird ein Eskalationskontinuum immer wieder neu angetrieben.

IV.

Dann ist da noch der Ehrenrat von S04, der über die Werte des Vereins wachen und gegebenenfalls Sanktionen aussprechen soll. Am Dienstag, dem 8. August 2019, war es so weit.

In der kurzen Erklärung stechen zwei Sätze ins Auge: "Das Gremium ist nach mehrstündiger Sitzung zu dem Ergebnis gekommen, dass der gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden des S04, Clemens Tönnies, erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet ist."

Was ist die Botschaft?

Der Ehrenrat spricht zwar vom Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot, ist aber nicht in der Lage oder nicht Willens zu erklären, weshalb dann der Vorwurf des Rassismus unbegründet sein soll. Wenn diese Äußerung nicht rassistisch war, dann ist nunmehr (nicht nur im Kosmos S04) alles erlaubt, besiegelt durch einen "Ehrenrat" aus Gelsenkirchen-Buer.

Der zweite Satz lautet: "Clemens Tönnies hat aufgrund dessen erklärt, sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrats und dessen Vorsitz für einen Zeitraum von drei Monaten ruhen zu lassen."

Die zweite Botschaft ist, dass Herr Tönnies dem Ehrenrat diktiert hat, was dieser gutheißen soll. Es findet eine Selbstentlarvung durch Sanktionsumkehr statt. Herr Tönnies sanktioniert den Ehrenrat, indem er ihn mit der von ihm selbst getroffenen Erklärung der Lächerlichkeit ausliefert.

Und die Anti-Rassismus-Arbeit, die "auf Schalke" bisher vorbildlich und glaubwürdig geleistet wurde, wird so von der Leitungselite in die Belanglosigkeit verschoben. Eine weitere Selbstentlarvung in Form einer verdeckten Verachtung solcher Arbeit.

Fazit: Kapitalgetriebene Macht zertrümmert wieder einmal basale Grundwerte, nämlich die Gleichwertigkeit von Menschen. Ein Lehrstück und von Eliten quasi beglaubigt: Die Würde des Menschen ist antastbar.

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