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31. August 2012, 13:13 Uhr

Eastwoods Stuhl-Rede

Eher grantig als grandios

Wahlkampf mit Stuhlkrampf: Clint Eastwoods Rede auf dem Parteitag der US-Republikaner lässt die Zuschauer ratlos zurück. War das großartiges Schauspiel? Oder ein Filmstar von gestern, der sich lächerlich macht? Der seltsame Auftritt im Check.

Was genau war da los?

Der alte Hollywood-Star Clint Eastwood überraschte die republikanischen Delegierten mit einem Kurzauftritt auf deren Nominierungsparteitag in Tampa, Florida. Im Verlauf seiner offensichtlich nicht einstudierten Rede sprach er zu einem leeren Stuhl, auf dem ein imaginärer Präsident Obama saß. Eastwood forderte Obama auf, Platz zu machen für Mitt Romney.

War das lustig?

Die anwesenden Republikaner kriegten sich gar nicht mehr ein, klatschten und johlten. Aber dafür sind sie ja auch zum Parteitag gereist. Für politisch nicht ganz so festgelegte Zuschauer blieb allerdings ein Gefühl der Ratlosigkeit zurück: Was war das denn jetzt, bitte schön?

Und was war das jetzt, bitte schön?

Ein Privatauftritt eines alten Hollywood-Stars eben, nicht mehr und nicht weniger. Eastwood engagiert sich seit Jahrzehnten politisch für die Republikaner, ist Parteimitglied und war auch schon Bürgermeister seines Heimatortes Carmel in Kalifornien.

War Eastwoods Auftritt große Schauspielkunst?

Die Stuhl-Rede wirkte ein wenig wie die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule: So, jetzt stellen Sie sich mal vor, hier sitzt der US-Präsident, was würden Sie ihm sagen? Sie haben zehn Minuten Zeit! Fraglich, ob Clint Eastwood nach seiner doch etwas fahrigen Performance aufgenommen worden wäre. Die Rolle des "Grumpy Old Man", des alten Grantlers, spielt Eastwood so glaubwürdig, dass man meinen könnte, er sei tatsächlich einer.

Hat er sich also für alle Zeiten unmöglich gemacht?

Aber keineswegs. Clint Eastwood steht über den Dingen. Er hat vier Oscars, sechs Golden Globes, wurde zweimal in Cannes und Venedig ausgezeichnet und hat sogar eine Goldene Kamera - und das ist längst nicht alles. Sein Werk als Schauspieler und Regisseur bleibt von diesem Auftritt völlig unberührt.

Wird diese Art des Wahlkampfs auch in Deutschland Schule machen?

Analog müsste beim kommenden Krönungsparteitag der SPD demnächst Dieter Hildebrandt auftreten und zu einem leeren Sessel sprechen, auf dem eine phantasierte Angela Merkel sitzt.

Und was sollte das der SPD bringen?

Ungefähr genauso viel wie Eastwoods Auftritt den Republikanern: wohl wenig.

kuz

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