CNN-Star Cooper "Go Anderson!"

Hurrikan "Katrina" mischte auch die Medienlandschaft in den USA auf: Die Regierung in Washington wird immer stärker zur Zielscheibe von Kritik. Mitverantwortlich für den neuen Trend ist Anderson Cooper, Sohn der Millionenerbin Gloria Vanderbilt und seit einer Woche jüngster Anchorman des Nachrichtensenders CNN.

Von , New York


New York - Das Erste, was an Anderson Cooper auffällt, ist seine Erscheinung: Nicht besonders groß, dafür straff, stramm und aristokratisch, makellos gekleidet im Designeranzug, Streifenhemd und schimmernder Krawatte. Die silbergrauen Haare umkanten den Kopf messerscharf. Sein Babygesicht ist trotz Schminke bleich, das Stahlblau seiner Augen sticht daher noch stärker hervor. Seine Stirn ist dauergerunzelt, seine Lippen in ewiger Skepsis verzogen.

CNN-Star Cooper: Permanenter Druck auf die Tränendrüse
REUTERS

CNN-Star Cooper: Permanenter Druck auf die Tränendrüse

Eine Hand in der Hosentasche, steht Cooper in einer Studiokulisse am New Yorker Central Park. "Der Terror hat wieder zugeschlagen", sind die ersten Worte in der neuen CNN-Hauptnachrichtensendung "Anderson Cooper 360". Es folgen zwei Stunden Nachrichten-, Reportage- und Interviewbeschuss, 3-D-Grafiken, Spezialeffekte, dramatischer Soundtrack, dazwischen knallharte Gespräche. Cooper fällt gerne ins Wort, korrigiert, belehrt, lobt, tadelt, tröstet. Doch immer bleibt er der perfekte Gentleman.

So sieht es also aus, das neue, forsche Gesicht des amerikanischen Journalismus. Der Mann, der nicht nur den Nachrichtensender CNN im Alleingang aus dem Quotenkeller ziehen soll, sondern auch seinem gesamten, lädierten US-Berufsstand wieder Hoffnung gibt. Die Zukunft des kränkelnden TV-Nachrichtenbranche, prophezeit Howard Kurtz, Medienkritiker bei der "Washington Post", gehöre "echten Menschen, und Cooper ist aus diesem Guss".

Die Fassung verloren

Anderson Cooper, 38, Society-Sprössling, Sohn der Millionenerbin und Designerin Gloria Vanderbilt, globetrottender Tausendsassa - und seit dieser Woche jüngster Top-Anchorman des CNN-Stammhauses: So einen aufregenden Aufstieg hat Manhattans Medienszene lange nicht mehr erlebt. "Er sticht heraus", schrieb das "New York Magazine" in einem huldvollen Porträt, "wie eine silberne Kühlerhaubenfigur."

Dabei war Cooper vor ein paar Jahren noch ein unbekannter Reporter, der sich als Moderator einer Reality-Show ein Taschengeld verdiente. Heute ist er - mit seiner Mischung aus Härte und Gefühl, sympathischer Tolpatschigkeit und Edelmut - das neue Gesicht von CNN, kann sich vor Konkurrenzangeboten kaum retten. Obendrein beglückte ihn der Verlag HarperCollins gerade mit einem Vorschuss von einer Million Dollar für seine Autobiographie.

Angefangen hatte alles mit "Katrina". Cooper, zu jener Zeit eines von vielen CNN-Jungtalenten, half mit, über den Monster-Hurrikan zu berichten, der New Orleans und die Golfküste verwüstete. Mit einem Pickup-Truck kämpfte er sich in die am schlimmsten betroffenen Regionen in Mississippi durch. Das Elend, das er vorfand, berührte ihn derart, dass er mehrfach live auf Sendung die Fassung verlor - für einen US-Journalisten sonst ein absolutes "No-No". "Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll", stammelte er einmal.

Frau Senatorin war sprachlos

Seinen Schlüsselmoment erlebte er am vierten Tag der Katastrophe. Da interviewte er, abermals live und inmitten der Hurrikan-Trümmer stehend, die demokratische Senatorin Mary Landrieu, die Louisiana in Washington vertritt. Die Politikerin setzte zu einer langen, selbstgefälligen Glückwunsch-Arie an, aber Cooper unterbrach sie empört: "Excuse me, Senator!" Landrieus "Schulterklopfen", fuhr er atemlos fort, sei kaum angebracht, "denn gestern lag in diesem Ort buchstäblich eine Leiche auf der Straße, die von Ratten gefressen wurde".

Frau Senatorin war sprachlos. Cooper - notdürftig frisiert, aber im frisch gebügelten Freizeithemd - redete sich in Rage, seine Wut gab der Wut und Scham einer Nation erstmals eine Stimme. "Anderson, Anderson!", beschwor Landrieu den rasenden Reporter, am Ende gab sie auf.

Der Wortwechsel wurde zum meistzitierten CNN-Sendeprotokoll der Saison und machte Cooper zum Instant-Helden, bei Zuschauern wie Kollegen gleichermaßen. Noch während er mit Landrieu auf Sendung war skandierte die Bloggerszene: "Go Anderson!"

Hitzkopf gegen die alte Garde

Andere nahmen sich ein Beispiel an dem neuen Tonfall. "Guckt Ihr Typen denn kein Fernsehen?", bellte NBC-Anchor Tim Russert den damaligen Chef der Katastrophenbehörde Fema, Michael Brown an, als der sein Unwissen über die Zustände in New Orleans reklamierte. Als eines der kritischsten Medien profilierte sich der sonst eher regierungstreue Sender Fox News. Dessen Reporter Geraldo Rivera hielt ein schockstarres, schwarzes Baby in die Kamera und rief: "Lasst sie hier raus!"

Anderson Cooper blieb wochenlang in der Katastrophenzone, bis er schließlich nach New York zurückkehrte. Dort stellte ihn CNN dem Prime-Time-Anchorman Aaron Brown zur Seite, der durch seine 48 ununterbrochenen Sendestunden am 11. September 2001 berühmt geworden war. Doch dann, am vergangenen Wochenende, feuerte CNN den Grübler Brown, eine Symbolfigur der über Nacht zur alten Garde gewordenen Berichterstatter, und ersetzte ihn durch den Hitzkopf Cooper.

"Das magische Etwas"

Plötzliche Wendungen und Fügungen wie diese sind in Coopers Leben nichts Neues. Lange Zeit wusste er nicht, was er mit seinem privilegierten Vanderbilt-Leben anfangen sollte. Aufgewachsen ist der Erbe einer der letzten US-Dynastien in einem Herrenhaus auf der New Yorker Upper East Side. Sein Vater, der Schriftsteller Wyatt Cooper, starb, als er zehn Jahre alt war. Sein zwei Jahre älterer Bruder Carter nahm sich 1988 das Leben, indem er aus Coopers Schlafzimmerfenster sprang.

Um seinen Schmerz zu betäuben, stürzte sich Cooper in eine Reporterkarriere. Er ging auf eigene Faust nach Somalia, Thailand, Ruanda, Bosnien und Vietnam, verkaufte seine Videos an einen News-Kanal für Teenager. ABC heuerte ihn an, verbannte ihn aber in eine Nachtsendung, "die selbst bei ABC keiner sah". Er moderierte die Reality-Show "The Mole", und dann landete er irgendwie bei CNN.

Doch erst der neue CNN-Programmchef Jon Klein, Ende vorigen Jahres angetreten, sah Coopers Potential, den Sender aus seiner ewigen Schattenstellung hinter Fox News zu lösen. Er ermutigte Cooper, sich mit persönlich gefärbten Reportagen zu profilieren - beim Tsunami-Desaster, beim Tod des Papstes, bei "Katrina". Danach postulierte Klein, dass sein Jungstar "auf eine Art vom Publikum umarmt wurde, wie wir es nicht ignorieren konnten". Cooper habe genau "das magische Etwas", das CNN brauche - er sei "der Anti-Anchor".

Urlaub beim Totenfest

Das finden inzwischen auch andere. "Cooper ist einzigartig", sagt Van Gordon Sauter, Ex-Präsident von CBS News. "Es gibt im Kabelfernsehen nicht viele wie ihn, was Stil, Aussehen und Gefühlsvermögen angeht." Andere lästern über seine Drang, auf die eigene Tränendrüse zu drücken. Der Zuschauer habe längst "mehr von Cooper gesehen, als man sein Leben lang sehen will", schrieb die "Columbia Journalism Review".

Wie groß Coopers Marktwert ist, zeigt ein Blick in die US-Klatschpresse, wo der Nobody längst zum VIP mutiert ist. Der kürzliche Verkauf seines 1,8-Millionen-Dollar-Lofts in Manhattan wird da ebenso diskutiert wie seine selbst bei höchster Windstärke adrette Garderobe oder seine sexuelle Orientierung.

Cooper selbst kratzt das wenig. Vor Antritt seines neuesten Abenteuers als CNN-Aushängeschild verkroch er sich vorige Woche in den Urlaub. Dazu flog er nach Mexiko, zum traditionellen Totenfestival von Oaxaca. "Dieses war ein Jahr der Verluste", sagte er der Zeitung "USA Today" in Anspielung auf die vielen Naturkatastrophen, die er coverte. "Es schien der richtige Ort für mich zu sein."

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