Comeback der Intuition Denken mit Gefühl

Man hatte es ja schon lange im Gefühl: Emotionen sind entscheidend fürs Denken und Entscheiden. Wie gut, dass jetzt Hirnforscher die Intuition vom Ruch des Esoterischen befreien. Und auch die Philosophie spürt: Die Lehre vom reinen Verstand hat ausgespielt.

Der Kronzeuge einer philosophischen Zeitenwende starb als tragische Witzfigur. Und das schon vor über 100 Jahren. Sein Name war Phineas Gage und von Haus aus war er Sprengmeister.

Kernkompetenz Intuition - So viel Entscheidung war nie

Kernkompetenz Intuition - So viel Entscheidung war nie

Foto: CORBIS

An einem Sommertag des Jahres 1848 schoss ihm aus eigener Schusseligkeit eine zwei Meter lange Eisenstange von der Wange durch den Kopf und wieder heraus aus dem Schädel. Gage überlebte, war von diesem Tag an aber unfähig, sich zu entscheiden. Er verkam von einem Held medizinischer Fachzeitschriften zu einem Darsteller in anrüchigen Freakshows.

Warum, das konnte der US-Neurologe Antonio Damasio am exhumierten Schädel des Phineas Gage rekonstruieren: An der Stelle, wo im Exekutivzentrum des Gehirns Gefühle und Verstand in sinnvolle Handlungen verknüpft werden, durchschlug die Eisenstange seine graue Masse.

Damasios neurologische Studien mündeten in einer Kampfansage an die Philosophie: "Ich fühle, also bin ich!" Der Mediziner verteufelte die aufgeklärten Denker, sie hätten Emotionen als "überflüssige geistige Fähigkeit" verunglimpft. Dabei habe er zeigen können: "Mangel an Gefühlen kann eine genauso wichtige Ursache für irrationales Verhalten sein."

Befreiung vom Muff der Esoterik

Sein Pamphlet "Descartes Irrtum", veröffentlicht Mitte der neunziger Jahre, blieb nicht ohne Folgen. Die Philosophie diskutiert heute wieder die Gefühle, die "Herrschaft der Vernunft" sei auf eine "funktionierende Emotionalität angewiesen", sagt Eva-Maria Engelen. Die Konstanzer Philosophin, die vor wenigen Jahren ein Buch über die "Kultur und Natur der Liebe" geschrieben hat, gilt als die wichtigste Exponentin einer neuen diskursiven Gefühligkeit.

Damit spiegelt die Philosophie wider, was auch woanders eine Renaissance feiert. Die Intuition als kreative und handlungsleitende Kraft wird vom jahrhundertealten Muff der Esoterik befreit.

Neurologen wie Antonio Damasio, Psychologen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman oder der Wirtschaftswissenschaftler Robin Hogarth ("Intuition lernen") sind einem weitgehend unbewusst funktionierenden System auf der Spur, das jede Menge Wissen und Erfahrung in unserem Gehirn speichert und mit Hilfe der Emotionen abruft.

"Wir müssen Emotionen als eine wichtige Informationsquelle begreifen", sagt etwa Hogarth. Damit spricht der Professor aus Barcelona so manchem Viel-Entscheider aus der Seele, der auch ohne naturwissenschaftliche Beweise schon immer gerne seiner inneren Stimme mehr traute als den Statistiken und Zahlenwerken seiner Beraterstäbe.

In der Wirtschaft wird dieser Bewusstseinswandel bereits wirksam. Intuitives Entscheiden gilt dort immer mehr als ein sichtbares Zeichen für die Qualitäten einer Führungskraft. Intuition gilt bei Managern zunehmend als ein Talent von einzigartigem Wert.

Unsere Rationalität ist grenzenlos? Von wegen!

Das erstaunt insofern, als dass gerade die Ökonomie mit stoischem Eifer die Lehre vom Homo oeconomicus vorangetrieben hat – und dabei beständig ignorierte, dass diese scheinbar völlig kühl kalkulierende Entscheidungsmaschine, die stets jene Wahl für sich trifft, die ihr den maximalen Nutzen verspricht, nicht existiert.

Wie lässt sich denn das Verhalten der Versuchspersonen im sogenannten Ultimatum Game erklären? Der Proband bekommt zehn Dollar in die Hand gedrückt – unter der Bedingung, den Betrag mit einem anderen Mitspieler zu teilen. Lehnt der die gebotene Summe ab, gehen beide leer aus. Der ökonomisch denkende Mensch müsste selbst mit einem Dollar zufrieden sein, dem ihm jemand schenkt. Ist er aber nicht, weil das seinem Gerechtigkeitssinn widerstrebt.

Die Rationalität, so die falsche Prämisse der Wirtschaftswissenschaftler, sei grenzenlos. Der Verstand könne alle verfügbaren Informationen einordnen, gewichten und zu einem eindeutigen Ergebnis finden. Das einzige Problem sei nur, an alle relevanten Informationen heranzukommen. Der Ökonom Herbert Simon revolutionierte seine Wissenschaft mit dem Begriff der "begrenzten Rationalität". Was er damit unter anderem sagen wollte, war, dass es unmöglich ist, eine Entscheidung zu treffen und dafür wirklich alle Informationen zusammengetragen zu haben. Es gibt zu viele Fakten und zu viele Kombinationen von Fakten, so dämmerte dem Nobelpreisträger. Je komplexer die Aufgabe, desto schneller addieren sich die Komplikationen auf.

Die begrenzte Rationalität scheitert allerdings bei allen Entscheidungen, die ins Ungewisse hinein gefällt werden müssen. Und das geschieht leider immer häufiger. Zur Auswahl stehen dann zwei Risiken. Soll man das ungeborene Kind abtreiben, weil es mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 80 geistig behindert sein wird? Soll man die Gefahr eines atomaren GAUs eingehen, um die katastrophalen Folgen einer möglichen Klimaerwärmung abzuwenden? Und selbst auf die schöne alte Frage "Willst du mich heiraten?" muss der oder die Verehrte in eine vollkommen ungewisse Zukunft hineinentscheiden.

Dass die von gefühltem Wissen angetriebene Intuition mittlerweile wieder als ein wichtiges Navigationssystem für die menschlichen Entschlüsse gehandelt wird, liegt womöglich auch an einem Übel dieser Zeit: der Unentschlossenheit. Das moderne Leben, das in Freiheit und Demokratie, erfordert vom Menschen, seine Geschicke selber in die Hand zu nehmen. Die Entscheidung nimmt einem nicht mehr der Staat ab, die Partei oder der Pfarrer. Mit dem Ende der großen Ideologien, dem Bedeutungsverlust der Religion, haben die Menschen weniger vorgegebene Marschrouten und mehr Wege, die sie selber suchen müssen.

Eine neue Kultur des Entscheidens muss her!

In seinem Buch "The Paradox of Choice" behauptet der Sozialpsychologe Barry Schwartz, noch nie seien dem Menschen so viele Entscheidungen abverlangt worden wie heute. Er nennt das auch "die Tyrannei der Auswahl". Für den eigenen Lebensentwurf steigt die Zahl der Alternativen schneller als die Auswahl an Marmeladen im Supermarkt.

Welche Religion darf es denn sein? Katholisch, evangelisch – das entschieden früher die Eltern. Heute darf man wählen zwischen Buddhismus oder Taoismus, Tantra oder Kabbala. Rund fünf Milliarden Euro sollen die Deutschen mittlerweile auf dem bunten Psychomarkt der Designerreligionen ausgeben. Wie möchte man leben? Als Single? In Partnerschaft, aber auf Distanz? In eheähnlicher Gemeinschaft? Mit den Kindern aus der ersten Ehe der neuen Partnerin, aber ohne die eigenen Kinder?

Die Wahlmöglichkeiten machen vor dem eigenen Körper nicht halt. Rund 700.000 Mal haben sich Deutsche im Jahre 2005 dazu entschieden, ihr äußeres Wesen plastisch zu verändern. Ein Drittel mehr als noch 2000. Jedes neue Angebot zwingt zu einer Wahl. Selbst wenn man nein sagt. Das ist das Paradox der modernen Entscheidungsgesellschaft.

Leben in der Möglichkeitsform

Schwartz sagt: "Der Wandel im Status der eigenen persönlichen Identität ist eine gute wie eine schlechte Nachricht für uns. Gut, weil sie uns befreit, und schlecht, weil sie uns die Verantwortung aufbürdet, auszuwählen." Multioptionsgesellschaft nennt das der Soziologe Peter Gross: "Die Möglichkeit ist des modernen Menschen liebste Wirklichkeit." In Anlehnung an Theodor W. Adorno macht der Autor Georg Diez eine "neue Eigentlichkeit" aus. Sie sei das seltsame Wesen der Nullerjahre, in denen die Sätze der Menschen gerne mit "Ich könnte" beginnen. Oder aber mit "Eigentlich", und zwischendrin heißt es "so etwa" und "vielleicht".

Aller Unschlüssigkeit zum Trotz: So viel Entscheidung war noch nie. Der technische Fortschritt, die komplexe, computerisierte Wirtschaftswelt fordern unerbittlich, an jedem Tag und in jeder Sekunde von neuem schnelle Entschlüsse von denen, die an den Schalthebeln dieser Maschinerie sitzen.

Per Mausklick kann ein einziger Investmentbanker Milliardensummen durch die digitale Finanzwelt schicken. EBS, hinter diesen drei Buchstaben verbirgt sich eine elektronische Handelsplattform, die aus einem Zusammenschluss führender Geldinstitute entstanden ist. 2000 Broker aus 40 Nationen handeln jeden Tag mit Währungen und Edelmetallen im Wert von 125 Milliarden Dollar über diese Plattform.

An einem guten Tag hat ein Händler fünf Milliarden Dollar bewegt, ehe er nach Hause geht. Mehr als die Hälfte der jeweils 50.000 täglichen Transaktionen gehen in weniger als einer Sekunde über die Bühne. Mitunter aber bringt seine in Sekundenbruchteilen getroffene Entscheidung das ganze Wirtschaftssystem an den Rand des Zusammenbruchs.

Die Anamnese jenes paradoxen gesellschaftlichen Zustands zwischen Entscheidungsnotstand und Entscheidungs-Overkill lässt nur ein Ergebnis zu: eine neue Kultur des Entscheidens muss her. Die Hirnforschung hat sich als wichtige Kraft neben Psychologie und Philosophie darin etabliert, diese zu suchen.

Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Systeme, die in unserem Kopf arbeiten: das Bewusste und das Unbewusste mit ihren Unterabteilungen, die wahrnehmen, lernen, erinnern, verknüpfen, assoziieren und simulieren, um Entscheidungen zu fällen.

Das Ganze wiederum analysieren sie, sie bewerten es und speisen die Lehren daraus in einen neuen Prozess des Sich-Entschließens ein. Die Intuition entfaltet ihre Kraft im Spannungsfeld mit den höheren Regionen des Verstandes.

In dieser Hinsicht könnte ein Ergebnis des Kräftemessens von Natur- und Geisteswissenschaften auch sein, dass die Dichotomie von Verstand und Gefühlen endlich überwunden wird. Der französische Mathematiker Henri Poincaré warb schon vor über einem Jahrhundert dafür: "Mit Logik kann man Beweise führen, aber keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Dazu gehört Intuition."

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