Comeback der Mao-Bibel Kommunismus als reinster Luxus

"Eine Revolution ist keine Dinnerparty" - bis heute zitieren die Chinesen munter Mao. Die berühmte Sammlung seiner Zitate aber war gar nicht mehr erhältlich, wurde phasenweise aus politischen Gründen sogar eingestampft. Nun erscheint das Milliardenwerk Mao-Bibel neu. Als zeitgemäße Luxusausgabe.

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Mit dem neuen, etwas billigeren iPhone 5c möchte Apple sich den chinesischen Markt erschließen. Das Standardmodell ist vielen Chinesen angeblich zu teuer - doch warum umgerechnet 500 Euro für ein schnödes Mobiltelefon ausgeben, wenn man für halb soviel Geld ein ganz anderes Luxusprodukt erwerben kann? Die Maobibel.

Wie "Le Monde" meldet, hat der Chinese Chen Yu, ein Mitarbeiter der Pekinger Militärakademie, mit einem Stab von zwanzig Mitarbeitern einen neuen Sammelband der Zitate Mao Zedongs erarbeitet. Der soll in drei Varianten auf den Markt kommen - darunter eine Luxusausgabe zum Preis von etwa 240 Euro.

Es gab eine Zeit, da war das Buch, das Bemerkungen des chinesischen Revolutionsführers und KP-Chefs zu Fragen des Klassenkampfes aber auch allgemeinere Lebensweisheiten enthält, auch in Europa ein Modeobjekt: Jeder bessere Achtundsechziger hatte eine Maobibel im Bücherregal, auch der Fußballspieler Paul Breitner kokettierte damit und festigte so seinen Ruf als Rebell.

Und noch Anfang 2013 begrüßte in Stuttgart der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück mit einem Mao-Zitat: "Fest entschlossen sein, keine Opfer scheuen und alle Schwierigkeiten überwinden, um den Sieg zu erringen." Im angloamerikanischen Sprachraum nannte man das Büchlein aufgrund seiner pokulturellen Aufladung "little red book" - eine Anspielung an den "little black dress", das klassische kleine Schwarze von Coco Chanel.

Als der Bibelmacher in Ungnade fiel

Während der chinesischen Kulturrevolution der späten Sechziger und frühen Siebziger allerdings war der Band ein must have in einer viel grundsätzlicheren Bedeutung des Wortes: Man tat besser daran, ihn bei sich zu tragen, weil man es andernfalls mit den sehr rigiden Hütern der kommunistischen Ordnung zu tun bekam. Studenten wurden in öffentlichen Verkehrsmitteln kontrolliert, ob sie ihr Exemplar bei sich führten, es galt als erstrebenswert, nicht nur die Zitate, sondern auch die dazu gehörigen Seiten- oder gar Zeilenzahlen auswendig zu können.

Erstmals erschienen ist die offiziell "Worte des Vorsitzenden Mao Zedong" genannte Sammlung im Jahr 1964. Treibende Kraft der Veröffentlichung war der damalige chinesische Verteidigungsminister Lin Piao, der auch ein Vorwort beisteuerte. Bis 1968 erreichte der Sammelband eine Auflage von über einer Milliarde Exemplare - damit ist es neben der anderen, der christlichen Bibel, vermutlich das am weitesten verbreitete Buch der Welt. Weil Lin Pio aber Anfang der Siebziger in Ungnade fiel, war in der Führung der chinesischen KP auch das von ihm verantwortete Buch nicht mehr wohl gelitten und wurde nicht mehr nachgedruckt - nach Maos Tod im Jahr 1976 phasenweise sogar eingestampft.

Die neue Version der Maobibel fällt in eine Zeit, in der sich in China ein regelrechtes Mao-Revival entwickelt hat: Man singt die Lieder aus der Zeit des "großen Steuermanns", geht in Restaurants mit Revolutionsdekor und spielt bei Historienspektakeln die Schlachten Maos nach. Vorangetrieben wurde das Mao-Revival unter anderem von Bo Xilai, dem früheren Parteichef der Stadt Chongqing. Der sitzt mittlerweile wegen Korruption und Amtsmissbrauch in lebenslanger Haft. In China kommentiert man derartige Fälle angeblich bis heute mit einem längst Allgemeingut gewordenen Mao-Zitat: "Eine Revolution ist keine Dinnerparty."

Ein kommunistisches Land im Sinne der Lehren von Karl Marx allerdings ist die wichtigste Industrienation der Welt ja nun längst nicht mehr. Gerade deshalb ist die Neuausgabe der Weisheiten Maos ein Politikum. Und chinesische Politikwissenschaftler, die der "Guardian" befragt hat, sind sich nicht einig in der Einschätzung, ob es sich beim chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping um einen Neo-Maoisten handelt.

Ebenso unklar ist momentan, ob das Buch auch in der neuen Luxusversion wieder mit dem markanten roten Plastikeinband ausgestattet wird, dem es in den sechziger Jahren einen Gutteil seiner emblematischen Wirkung verdankte. Es wäre eine weitere Gemeinsamkeit mit dem iPhone 5c - auch das hat ein Plastikgehäuse.



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