Comic-Skandal Du bist uns eine Marke!

Kann eine Comicfigur einen Kulturkampf zwischen Mexiko und Amerika anzetteln? Wenn sie schwarz, arm und ungebildet ist, schon. Und wenn sie auch noch auf einer Briefmarkenserie erscheint, erst recht. Gestatten: Memín, nationales Maskottchen - und Zankapfel zweier ungleicher Nachbarn.

Von Alexander Bühler und Mayke Walhorn


Briefmarken-Figur Mémin: "Ein Stück Kindheitserinnerung"
AFP

Briefmarken-Figur Mémin: "Ein Stück Kindheitserinnerung"

"Es gibt keinen Rassismus gegenüber den Schwarzen in Mexiko!", schmettert Antonio Rangel durchs Telefon. Kein Zweifel: Der 45-jährige Briefmarkensammler aus Mexiko City ist verärgert. Seit Tagen hört und liest er von nichts anderem mehr. Rassismus, Schwarzen-Feindlichkeit, Diskriminierung.

Ein heftiger Streit ist entbrannt: Die USA gegen Mexiko - Mexiko gegen die USA. Der Grund: Fünf kleine Briefmarken zu 6,50 Pesos, die gerade frisch auf den Markt gekommen sind. Auf ihnen hat die mexikanische Post die Comicfigur Memín Pinguin verewigt, einen kleinen schwarzen Jungen, der sich in den Woche für Woche erscheinenden Heftchen als Zeitungsverkäufer durchs Leben schlägt. Und das seit mehr als 40 Jahren. Längst ist er in Mexiko zur Kultfigur geworden - die Briefmarkenserie war als Hommage gedacht.

Von Rassismus gezeichnet

Die Begeisterung darüber hielt sich allerdings in nationalen Grenzen. Denn in den USA gelten die neuen Postwertzeichen der mexikanischen Nachbarn als Skandal; sofort riefen die Interessenverbände der Schwarzen zum Protest auf: Memín sei ein von der Regierung in Mexiko bewusst gewählter Repräsentant der untersten sozialen Schicht des Landes. Die negroiden Gesichtszüge des Comic-Helden seien bis ins Lächerliche überzeichnet, seine Sprache sei völlig verzerrt und beschränkt. Eine bösartige Karikatur, die nicht auch noch auf staatlichen Briefmarken vervielfältigt werden sollte, denn der Rassismus in Mexiko dürfe kein grenzüberschreitendes Medium bekommen.

"Für mich ist diese ganze Aufregung völlig absurd", sagt der Briefmarkensammler Rangel. Der kleine schwarze Zeitungsverkäufer sei für die meisten Mexikaner vor allem ein Stück Kindheitserinnerung: "Immer wenn ich mit meiner Mutter zum Friseur ging, habe ich mich auf die Memín-Heftchen gefreut, die dort auslagen. Damals waren sie noch auf Zeitungspapier gedruckt, selbst an den Geruch der kaffeebraunen Druckerfarbe kann ich mich noch erinnern!", freut sich der 45-Jährige. "Der Comic hat damals wie heute viele Kinder in Mexiko glücklich gemacht. Er gehört einfach zu unserem Land, wie Batman oder Superman zu den USA! Sicher, Memín sieht etwas merkwürdig aus, aber er ist eben auch nur eine Figur - das Äffchen, so haben wir ihn immer genannt." Mit Rassismus habe das nichts zu tun.

Memín-Comic (Auszug): Tollpatschig, lustig, ungebildet
Grupo Editorial Vid

Memín-Comic (Auszug): Tollpatschig, lustig, ungebildet

Das sieht Dennis Courtland Hayes, Präsident der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), einer der ältesten und renommiertesten Bürgerrechtsvereinigungen Schwarzer in den USA, ganz anders. Ein kleiner schwarzer Junge aus der Unterschicht, der wie ein Affe aussieht, tollpatschig ist und stets als Objekt der Belustigung herhalten muss - mehr stereotype Rassenklischees sind in einem Comic kaum unterzubringen, davon sind Hayes und seine Mitstreiter überzeugt. Seit Jahrzehnten würden Schwarze gegen Vorurteile ankämpfen - die Entscheidung, sie nun auf Briefmarken zu vervielfältigen, sei einfach ungerecht.

Auch der afroamerikanische Bürgerrechtler Jesse Jackson war davon entsetzt. In der "Chicago Sun-Times" nahm er am 12. Juli Stellung zum Briefmarkenstreit: Die Comicfigur auf der neuen Briefmarkenserie sei nicht nur rassistisch - es sei darüber hinaus zu befürchten, dass ihre Verbreitung auch einen Keil zwischen Latein- und Afroamerikaner treibe, der sie am gemeinsamen Kampf gegen den Rassismus hindere.

Markenschutz - Markenschmutz

Während sich in den letzten Wochen Schlangen von begeisterten Comic-Fans vor Mexikos Postämtern tummelten, schlugen in den USA die Wellen der Empörung immer höher - bis sich auch das Weiße Haus zu einer Stellungnahme gezwungen sah: "Rassistische Stereotype sind beleidigend. Die mexikanische Regierung sollte das berücksichtigen. Solche Bilder haben keinen Platz in unserer Welt", lautete die offizielle Erklärung von Scott McClellan, Regierungssprecher in Washington.

Durch die Blume und doch mit Nachdruck ist es damit ausgesprochen: Die US-Regierung fordert vom mexikanischen Präsidenten Vicente Fox, die Memín-Marken schnellstmöglich vom Markt zu nehmen. Doch Fox zeigt sich bislang stur: Über seinen Sprecher ließ er verkünden, das Postwertzeichen werde nicht zurückgezogen. Der in Mexiko allseits beliebte Memín sei keinesfalls ein rassistisches Symbol, sondern ein ehrenwerter Teil der traditionellen Volkskultur. Die Aufregung um die Briefmarke will er nicht verstehen. Nicht zuletzt sei Memín Pinguin schließlich auch nichts anderes als Speedy Gonzales, die in Amerika erfundene Comicmaus, die seit vielen Jahren über die Fernsehbildschirme in aller Welt flitze, obwohl die Darstellung von Mexikanern als Nagetier ja auch nicht gerade schmeichelhaft sei.

Auszug aus Memín-Comic: Bösartige Karrikatur?
Grupo Editorial Vid

Auszug aus Memín-Comic: Bösartige Karrikatur?

Ein diplomatischer Affront wegen einer Briefmarke? "Das wirkliche Problem liegt viel tiefer", glaubt Bert Hoffmann, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Iberoamerikakunde. Weder Memín noch die mit ihm bedruckten Marken seien so wichtig, dass Fox sich mit dem Weißen Haus darüber streiten würde.

"Man darf nicht vergessen, dass Mexiko seit dem Nafta-Abkommen wirtschaftlich völlig abhängig von den USA ist. Dazu ziehen immer mehr Mexikaner in die Vereinigten Staaten, weil die Lebensbedingungen dort einfach besser sind. Das hat tiefe Wunden im National- und Identitätsgefühl des Landes hinterlassen." Der ganze Briefmarkenstreit habe für Mexiko deshalb eher symbolischen Charakter: "Man wehrt sich gegen das überdimensionale Nachbarland. Endlich gibt es einmal die Chance zu sagen: Wir sind zwar schwächer als ihr, aber wir lassen uns nicht in alles hineinreden."

Ein Konzept, das erste Erfolge zeigt: Antonio Rangel ist stolz, dass seine Regierung diesmal nicht klein beigegeben hat. "Ob im Comic oder auf den Briefmarken: Memín Pinguin gehört zu uns! Den kann man uns nicht so einfach weg nehmen." Und doch hat der Sammler selbst keine der Marken mehr abbekommen. Die erste Auflage von 765.000 Stück ist restlos ausverkauft. Längst hat der Briefmarkenkrieg zwischen den USA und Mexiko im Ausland für Interesse gesorgt: Für 33 Euro pro Marke, das 65fache ihres Werts, bieten die ersten Händler das mexikanische Kulturgut auf Ebay feil.



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