Foto-Ausstellung in Essen Der US-Marine, der zärtlich sein Gewehr umfasst

Was zeigen uns Kriegsfotos eigentlich? Was bleibt von den Bildern, wenn fünf, zehn oder gar hundert Jahre vergangen sind? Was lehren sie uns über das Leid und die Gründe eines Konflikts? Eine Schau in Essen sucht Antworten.


Im Morgengrauen machte sich der französische Künstler Emeric Lhuisset auf, die Porträtfotos von Sardasht Osman dort zu plakatieren, wo sich das Drama ein Jahr zuvor abgespielt hatte. Der Journalist war 2010 in Arbil entführt und zwei Tage später in der Umgebung von Mossul erschossen aufgefunden worden.

Ganz wie Lhuisset es geplant hatte, war schon am Mittag von den Zügen Osmans nichts mehr zu erkennen. Das Sonnenlicht hatte die unfixierten Fotoabzüge geschwärzt und in düstere, undurchdringliche Gedenktafeln verwandelt.

Mit Arbeiten wie dieser belegt die eindrucksvolle Ausstellung "Conflict. Time. Photography", wie vielfältig die Möglichkeiten sind, mit Fotografie auf Konflikte und Kriege zu reagieren. Nach ihrem Start in London versammelt die Schau nun im Essener Museum Folkwang Aufnahmen von etwa 60 Fotografen und Künstlern, die Kriegsereignisse der letzten 150 Jahre und deren langfristige Auswirkungen verarbeiten.

Nach der Atombombenexplosion

Sie handelt dabei die blutigen Ereignisse nicht - wie üblich - chronologisch ab: vom Krim-Krieg des 19. Jahrhunderts über den Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zu den aktuellen Konflikten. Sondern sie ordnet ihre Exponate nach der Länge des Zeitabstands zwischen Kriegsereignis und Aufnahmemoment.

So stehen am Anfang die Bilder, die nur "Momente später" entstanden sind. Etwa die ikonische Aufnahme von Don McCullin aus dem Vietnamkrieg: Ein US-Marine, der kurz nach dem Kampf sein Gewehr fast zärtlich umfasst, als böte allein die Waffe noch Halt. Fassungslos starrt er vor sich hin, als habe er eben etwas erlebt, was ihn sein Leben lang nicht loslassen wird.

Darauf folgen die Arbeiten, die Tage, Monate oder Jahre später entstanden sind: das berühmte Bild von Matsumoto Eiichi etwa, das die Umrisse eines Soldaten zeigt, die von der Atombombenexplosion in Nagasaki in eine Holzwand eingebrannt wurden. Die borstig in graue Himmel ragenden Ruinen des Ersten Weltkriegs (Pierre Anthony-Thouret) oder die bröckeligen Häusergerippe Dresdens, aufgenommen sieben Monate nach den Bombenangriffen vom Februar 1945 (Richard Peter).

Am Ende der Ausstellung sind Bilder zu sehen, die aus dem Abstand von fast einem Jahrhundert zurückblicken: 99 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs fotografierte Chloe Dewe Mathews die Orte, an denen britische, französische und belgische Soldaten als Deserteure erschossen wurden - in dem Licht, das zu ihrer Todesstunde über der Landschaft gelegen haben könnte. Und nichts in den Aufnahmen von frostigen Waldböden, rostigen Gattern oder einem Wassergraben, der blassblauen Morgenhimmel spiegelt, deutet auf das, was hier geschah. Den Schrecken des Ortes markieren nur die neben den Fotografien lakonisch verzeichneten Namen der Erschossenen.

Was aber bringt so ein irritierendes Ordnungsprinzip? Versetzt es Betrachter nicht in eine eigentümliche Achterbahnfahrt durch Zeiten und Orte: vom Libanonkrieg zum Nordirlandkonflikt und von dort zur Atombombenkatastrophe von Hiroshima? Weg von der Wucht der Ereignisse und hin zu allzu blutarmen Reflexionen?

Schon. Gerade das macht die Stärke der Schau aus. Denn sie führt bewusst weg von der schockhaften Wirkung zerrissener Leiber. Weg von den Horrorszenarien, die uns tagtäglich in die Knochen fahren. Sie verschiebt den Akzent von den Ereignissen selbst auf deren Nachwirkungen, von der Berichterstattung auf die Formen des Erinnerns. Und sie reagiert damit auf mindestens zwei Aspekte, die eine Bezugnahme auf historische oder zeitgeschichtliche Konflikte heute erschweren.

Einerseits verweist sie - etwa mit den komplexen Kriegsfolgen-Erkundungs-Tableaus von Taryn Simon - auf Alternativen zur Kriegsberichterstattung, die heute oft nur noch als "embedded journalism" möglich ist und häufig nur noch vor die Linse bekommt, was Raketen- oder Drohnenkameras im Visier hatten. Andererseits zielt sie, indem sie Weltkriegs-Reflexionen auch von jüngeren Künstlern zeigt, auf die Lücke, die durch den Verlust an Zeitzeugen entsteht.

Simon Baker, der die Schau in London für die Tate konzipiert hat, hat sich von Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" inspirieren lassen. Mit dem Buch hat sich der US-Autor mittels abrupter Erinnerungssprünge an seine traumatischen Erlebnisse als US-Kriegsgefangener in Dresden herangetastet: Er war im Kühlkeller eines Schlachthofs eingesperrt, als die Stadt unter Bomben kollabierte.

Und so ist auch die Ausstellung mit ihren jähen Fügungen ein dichter Essay über den Zusammenhang von Fotografie und historischem Gedächtnis. Dem aber geht es nicht nur darum zu erinnern, sondern darum zu verhindern. So könnte die Schau gut im Titel tragen, was Vonnegut ans Ende seiner Texte setzte: Peace!


"Conflict. Time. Photography", bis zum 5. Juli im Museum Folkwang Essen

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insgesamt 7 Beiträge
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BrunoGlas 18.04.2015
1. Möglichst zur Ausstellung hingehen.
Habe die Ausstellung in London in der Tate gesehen und war tief betroffen. Zum einen, weil die eher bräsig-schicke und dem konventionellen kuratorischen Stil folgende Tate erstmalig in ihrer Geschichte einen wirklichen Bruch in ihrem musealen Selbstverständnis erwirkt hatte. Das Ausstellungskonzept fasst all das zusammen, wes eben nicht landläufig als Kunst gilt. Nämlich aus hunderten zeitlich versetzter Einzelereignisse des Krieges wird ein Gesamtdokument der realen zeitgeschichtlichen Gewalt erstellt, was dem darauf unvorbereiteten Betrachter sichtlich unter die Haut geht. Im Grunde ist die Ausstellung ein zeitlich versetztes Spiegelbild der aktuellen globalen Ereignisse, sie ästhetisiert genau das, was heute Realität in der Welt ist, mit bekannten Folgen, welche die rechtslastigen Pegida-Anhänger nicht akzeptieren wollen. Ein Hinweis noch, wer Schüler und Jugendliche in die Ausstellung mitnehmen möchte, sollte unbedingt eine Nachbereitung vorbereiten, da das Gesehene wirklich unter die Haut geht. Für Kinder bis etwa 10 Jahren ist mir persönlich die Ausstellung einfach zu krass
grashalm 18.04.2015
2. Aug um Aug Zahn um Zahn
hinter jedem Kriegsfoto stehen Menschen die abgekoppelt von persönlicher Freiheit, Zwangsbefehlen ausgeliefert wurden, abgespiesen mit dem Sold von Verzweiflung und Hoffnungsschimmern. sich gegenüberstehende Kämpfer sind sich gleich. Soldat gegen Soldat. Das Verkaufen von Waffen, durch obere Rang- Hirarchien sollte verboten werden.
ut-e 18.04.2015
3. emotional response
Was mir das Bild sagt? ich kann Gesichter aus den Augen eines Freundes, einer Geliebten, einer Mutter, eines Bruders, einer Schwester ... anschauen und einfach nichts verstehen.
TomRohwer 18.04.2015
4.
Übrigens: Laut Don McCullins eigener Bildunterschrift in seinem Bildband "Die im Dunkeln" umfasst der US-Marine sein Gewehr nicht "zärtlich", sondern im "Bombenschock".
schriftsetzer 19.04.2015
5.
Als Essener darf ich hinzufügen, weil das im Artikel fehlt: 10. April bis 5. Juli 2015 im Museum Folkwang in Essen. Eintritt (Sonderausstellung + ständige Sammlung) 8,-€, erm. 5,-€). Di, Mi, Sa, So 10-18 Uhr, Do, Fr 10-20 Uhr. Eintrittsfreier Samstag am 18. April, 16. Mai und am 20. Juni.
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