Contergan-Diskussion bei "Maischberger" "Hauptsache, der Saft hat geschmeckt"

Es war eine aufwühlende Runde, und die erregten Gäste blieben alle da: Sandra Maischberger hatte zur Diskussion um Contergan geladen. Die brachte entlarvende Auseinandersetzungen und war nicht bloß eine flankierende Programm-Maßnahme zum gleichnamigen ARD-Zweiteiler.


Handelte es sich bei dem TV-Spielfilm "Contergan", den die ARD heute und morgen um 20.15 Uhr zeigt, um konventionelle Fernsehkost, müsste man die flankierenden Programm-Maßnahmen des Senders als inflationäre Eigenwerbung geißeln: Nach einer 45-minütigen Doku im WDR diskutierte gestern Sandra Maischberger über "Contergan - das bleibende Trauma"; heute nimmt Frank Plasberg in "Hart, aber fair" das Thema auf, und außerdem legen WDR und das Erste mit zwei weiteren Dokumentationen nach.

Jurist Andreas Meyer mit Sandra Maischberger: Contergan-geschädigte wurden "entrechtet".
WDR / Max Kohr

Jurist Andreas Meyer mit Sandra Maischberger: Contergan-geschädigte wurden "entrechtet".

Doch zum einen ist das umstrittene Drama von Adolf Winkelmann eben kein gewöhnlicher Film - schon allein, weil anderthalb Jahre lang und bis zum Bundesverfassungsgericht um seine Ausstrahlung gerungen wurde. Und zum anderen ist die Tragödie um das vermeintlich harmlose Schlafmittel, das vor 50 Jahren auf den Markt kam und rund 10.000 Kinder im Mutterleib schädigte, längst nicht so sehr im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert, dass von einer umfassenden Aufarbeitung gesprochen werden könnte.

Wie viel Redebedarf es gibt und wie sehr das Thema Emotionen freisetzt, ließ sich bei Maischberger exemplarisch beobachten: So erbittert stritten sich der contergangeschädigte Jurist Andreas Meyer, der ehemalige Justiziar der Pharmafirma Grünenthal, Herbert Wartensleben, und der Filmproduzent Michael Souvignier, dass es kaum verwundert hätte, wenn einer von ihnen im Zuge des neuen Talkshow-Trends zum vorzeitigen Aufbruch die Runde verlassen hätte.

Dabei hatte die Sendung sogar halbwegs tröstlich begonnen: Die 13-jährige Denise Marko, Darstellerin eines contergangeschädigten Mädchens im Film, selbst jedoch wegen eines seltenen genetischen Defekts mit kurzen Armen und nur einem Bein geboren, verströmte ansteckende Lebensfreude. Sie wusste auch zu berichten, dass eine derartige Diskriminierung, wie sie die von ihr verkörperte Filmfigur in den Sechzigern erlebt, ihr heute nicht mehr widerfahre.

"Mein Gott, es ist ein Krüppel"

Da hatten Gisela Brückner und ihre 1961 geborene contergangeschädigte Tochter Christine aus ihrer Erfahrung ganz anderes zu sagen: "Mein Gott, es ist ein Krüppel", habe ihr seinerzeit der Arzt nach der Geburt entgegengeschleudert und ihr das Kind zunächst vorenthalten, so die Mutter. Kindergärten hätten sie abgelehnt, und in der Schule habe sie Drohbriefe erhalten, erzählte Christine, die später im Behindertensport mehrere Meistertitel errang und heute als Bankangestellte arbeitet.

Eindrücklich vermittelten die beiden Frauen, wie sehr der Umgang mit dem Schicksal Contergan einen fortwährenden Kampf darstellt - gegen eigene Krisen und soziale Missachtung, für praktische Hilfen zur Bewältigung des Alltags. Und sie machten deutlich, wie ratlos die Betroffenen selbst der Schuldfrage ausgeliefert sind. Sie wissen eigentlich, dass sie sich diese Frage selbst nicht stellen müssen, sie tun es aber trotzdem, weil sie nicht wissen, wem sonst. "Hauptsache, der Saft hat geschmeckt", versuchte einst die Tochter ihre von Selbstvorwürfen gepeinigte Mutter zu trösten.

Um genau diese Schuldfrage und die sich aus ihr ergebende Frage nach Wiedergutmachung ging es dann, nachdem ein Filmeinspieler über den Ausgang des damaligen Prozesses gegen Mitarbeiter des Contergan-Herstellers Grünenthal informiert hatte: Der war 1970 nach vielen Jahren "wegen geringer Schuld" eingestellt worden und hatte zur Gründung einer Stiftung geführt, in die Grünenthal 100 Millionen DM einzahlte - um im Gegenzug von allen weiteren Verpflichtungen freigesprochen zu werden.

Freikauf mit magischen Zahlen

Viel zu wenig sei das, findet Andreas Meyer, mit zwei kurzen Armen und zwei kurzen Beinen schwer getroffen. Er muss mit einer mittlerweile vom Staat aufgebrachten Contergan-Rente von 545 Euro monatlich sowie Hartz IV auskommen - und warf der Firma vor, den Schaden "sozialisiert", quasi an den Steuerzahler weitergereicht zu haben. "Gesundheitsschäden kann man nie mit Geld aufwiegen", befand dazu leutselig-zynisch Ex-Justiziar Wartensleben und verteidigte den seinerzeit von ihm miterzielten Vergleich: Grünenthal habe per Gutachten evaluieren lassen, bei welcher Summe für das Unternehmen die Belastungsgrenze liege, und 80 Millionen DM als Antwort erhalten. Er jedoch habe für eine "magische Zahl" plädiert und so die 100 Millionen erwirkt.

Wartensleben, in Ermangelung eines auskunftswilligen aktuellen Grünenthal-Verantwortlichen in die Sendung geladen, verwies auf den damaligen Stand der Arzneimittelforschung, die Uneinschätzbarkeit der Folgeschäden - und fand im Übrigen nichts dabei, dass die Gesellschaft, die ja schließlich insgesamt auch vom Erkenntnisgewinn aus dem Contergan-Desaster profitiere, auch die Kosten trage. "Das ist 'ne Haltung", entfuhr es da Maischberger, die sicherheitshalber den Standpunkt vorher in eigenen Worten zusammengefasst und sich korrektes Verständnis hatte attestieren lassen.

Meyer und Filmproduzent Souvignier fanden noch deutlichere Worte - Meyer warf Wartensleben vor, die Betroffenen "entrechtet" zu haben, Souvignier bescheinigte Grünenthal "Profitgier". "'Geringe Schuld' bleibt mir im Halse stecken", meldete sich gegen Ende noch einmal Gisela Brückner zu Wort und brachte damit wohl das Rechtsempfinden jenseits juristischen Fachvokabulars zum Ausdruck.

Beim Zuschauer indes blieben nach der aufwühlenden Runde vor allem drei Erkenntnisse zurück: Die Eigentümer der heute wieder florierenden Firma Grünenthal, die zu den 30 reichsten Familien Deutschlands gehören, dürften sich kaum an ihrem Geld erfreuen. 545 Euro Rentenhöchstsatz für Schwerstgeschädigte müssen auf irgendeinem Wege dringend angehoben werden. Und kein Programmbeitrag, der zur Auseinandersetzung mit diesem hochkomplexen Thema beiträgt, ist überflüssig. Dieses Kriterium erfüllte Maischberger gestern ganz ohne Zweifel.



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