Zum Tod von Cornelius Gurlitt Ein gelähmtes Leben

Der Vater war immer die Hauptfigur in dieser Familie - über seinen Tod hinaus: Der Sohn, Cornelius Gurlitt, verehrte ihn zutiefst. Er verwaltete den Nachlass, die große umstrittene Kunstsammlung. Das war sein Lebensinhalt. Aber hatte er überhaupt ein echtes Leben?


Ein Mann ist gestorben, dessen Leben rätselhaft erschien. Cornelius Gurlitt, ein älterer Herr mit scheuem Blick, wurde in den vergangenen Monaten zu einer Weltberühmtheit. Aber je mehr man über ihn erfuhr, desto deutlicher wurde, dass er stets versucht hatte, möglichst unsichtbar zu bleiben, seine Existenz geradezu unkenntlich zu machen. War das Schutz oder fast Selbstbestrafung?

Mit 80 Jahren, nach einem Dasein in größter Zurückgezogenheit, wurde Cornelius Gurlitt eine öffentliche Person. Alles, was man zuerst über ihn verbreitete, klang danach, als habe man es mit einem skurrilen Dämonen zu tun. Denn ein Artikel im "Focus", gespeist offenbar aus den Akten der Augsburger Staatsanwaltschaft, stellte ihn als Hüter eines Nazi-Schatzes dar, als jemanden, der im feinen Münchner Schwabing und dort in größter Unordnung lebte. Ein alter Kerl zwischen öligen Pizzaschachteln und teurer Kunst.

Diese Kunst wurde zum Mittelpunkt aller Berichterstattung. Gegen Gurlitt war wegen eines möglichen Steuervergehens ermittelt worden. Doch als herauskam, dass er in seiner Wohnung mehr als tausend Werke - vorwiegend solche auf Papier, aber auch Ölgemälde - gelagert hatte, die sein Vater während der NS-Zeit erworben hatte, da wurde aus dem vermuteten Steuerhinterzieher eine Gestalt, die selbst direkt aus der dunkelsten deutschen Vergangenheit zu stammen schien.

Cornelius Gurlitt wurde am 28. Dezember 1932 in einer Hamburger Privatklinik geboren, seine Eltern ließen modern gestaltete Karten drucken: "Die Geburt ihres gesunden Sohnes Rolf Nikolaus Cornelius zeigen in dankbarer Freude an Dr. Hildebrand Gurlitt und Frau Helene, geb. Hanke."

Der Vater wurde zum Schutzschild

Der Vater wird vor der Mutter erwähnt, er war die Hauptfigur in dieser Familie und blieb es weit über seinen Tod hinaus. Im Grunde bis zum Tod des Sohnes am Montagvormittag.

Hildebrand Gurlitt, der Vater, entstammte einer angesehenen Familie, er war ein leidenschaftlicher Kunsthistoriker. Dass er eine jüdische Großmutter besaß, bedeutete aber eine größer werdende Gefahr. 1933, bald nach der Geburt des Sohnes, verlor er seine Stellung als Direktor des Hamburger Kunstvereins. In den folgenden Jahren brachte er seine Familie als Kunsthändler durch: seine Frau, den Erstgeborenen Cornelius, die Tochter Benita. Er wurde zum Schutzschild.

Doch er machte dazu Geschäfte mit den Nazis - auch solche mit sogenannter Raubkunst. Das heißt, er erwarb zu Spottpreisen Werke von verfolgten Juden. Er wurde sogar zu einer echten Größe als Einkäufer für Hitlers geplantes Museum in Linz. Er verhandelte mit Nazi-Museumsleuten in Breslau, kaufte auf dem besetzten Pariser Markt ein.

Cornelius Gurlitt wurde auf die Odenwaldschule geschickt

Und der Sohn? Welche Kindheit hatte er? Zuerst wuchs er in Hamburg auf, dann in Dresden, wohin die Familie während des Kriegs zog. Sie flüchtete 1945 aus dieser zerbombten Stadt in ein fränkisches Schloss; dessen Eigentümer hat ebenfalls eine unrühmliche Rolle in Frankreich gespielt, Gurlitt kannte ihn von dort.

In diesem Ort Aschbach wurde Hildebrand Gurlitt unter Hausarrest gestellt, im Schloss wurden, gegen den Willen der Hausherren, Überlebende aus Konzentrationslagern einquartiert, viele kaum älter als Gurlitts Kinder. Er, der Händler der Nazis, erwähnte die jungen, fast verhungerten jüdischen Nachbarn nicht, schrieb stattdessen in einem Brief, es sei "manchmal recht schön und friedlich" in dem "kleinen Nest" gewesen. Sohn und Tochter aber hatte er aufs Internat geschickt, auf die Odenwaldschule.

Dann 1948 der Umzug nach Düsseldorf, wo der Vater sich neu erfand, als Direktor des dortigen Kunstvereins und als Freund der Geschäftsleute, die alle ihre Liebe zur modernen und eben noch von den Nazis verbotenen Kunst zelebrierten; das war gut fürs Prestige. Hildebrand Gurlitt selbst inszenierte sich als Heldenfigur, als Retter der Moderne, als früher Gegner der Nazis. 1956 starb er. Er hatte offenbar die ganze Kraft der Familie aufgebraucht.

Über den Sohn Cornelius weiß man kaum etwas, er interessierte sich wohl auch wie die Schwester für Kunstgeschichte, aber wie ernsthaft war dieses Interesse? Er zog nach Salzburg, malte selbst ein wenig. Als 1968 die Mutter starb, da wurde es offenbar sein Lebensinhalt, das Erbe zu verwahren -und vor allem, es geheimzuhalten.

Ein Mann ohne Beruf, ohne Versicherung

Es sind Verkäufe aus diesem Nachlass getätigt worden, wohl auch von der Schwester, ganz sicher von Gurlitt selbst. Ein Mann ohne Beruf, ohne Versicherungen. Irgendetwas lähmte ihn in seinem eigenen Leben, aber auch er, der Eigenbrötler, musste von etwas leben, er brauchte Geld.

Die Eltern hatten nach dem Krieg nie versucht, Wiedergutmachung zu üben. Sie haben einem Arzt aus Hamburg, der von den Nazis verfolgt worden war, auf dessen Anfrage über den Verbleib seiner wertvollen Zeichnungen keine ehrliche Antwort gegeben. Dabei hatte der Händler Gurlitt alles mit großem Gewinn weiterverkauft und das wohl auch so notiert.

Cornelius Gurlitt, der Sohn, hätte in den von ihm übernommenen, akribisch geführten Geschäftsbüchern seines Vaters die ganze Geschichte der Sammlung rekonstruieren können. Er wäre darauf gestoßen, dass sich Raubkunst darunter befand. Aber er wollte es wohl so genau nicht wissen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL wurde klar, dass er seinen Vater tief verehrte.

Einige Zeit nach den Enthüllungen im November des vergangenen Jahres versprach er, fragwürdige Besitztümer zurückgeben zu wollen. Freiwillig, denn es gibt keine Gesetze, die ihn dazu zwingen können. Es blieb aber offenbar bei Worten, von Restitutionen ist nichts bekannt.

Die Staatsanwaltschaft machte ein Geheimnis um den Bilderfund

Im November 2013 war auch herausgekommen, dass die Steuerfahnder den Kunstbestand aus Gurlitts Münchner Wohnung bereits im Frühjahr 2012 beschlagnahmt hatten. Ein ganzes Land stand nun vor der Frage, was richtig und was falsch ist. Durften die Behörden wegen eines wohl eher kleinen, vielleicht schon verjährten Steuervergehens so hart vorgehen, so lange den Privatbesitz eines alten Herrn einbehalten? Oder war dieses Land vielmehr noch zu zögerlich? Die Staatsanwaltschaft hatte über viele Monate selbst ein Geheimnis um den Bilderfund gemacht. Das ließ sich auch als Zynismus gegenüber den Nachfahren der jüdischen Eigentümer verstehen, denen die Nazis einige der Bilder nachweislich geraubt hatten.

Auch der Schwester von Cornelius Gurlitt, die 2012 starb, war wohl nie an einer Aufarbeitung gelegen. Das Erbe des Vaters war für die Kinder zu kostbar.

Dann kam heraus, dass in Cornelius Gurlitts Salzburger Haus viele weitere teure Kunstwerke liegen. Wieder eine Überraschung. Wieder wurden Versprechen gemacht. Wieder geschah nichts.

Cornelius Gurlitt war ein herzkranker Mann, die Aufregung setzte ihm zu -selbst die nervöse Bundesregierung hatte sich eingemischt, hatte wegen des Erbes seines Vaters eine Task Force gründen lassen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Das Amtsgericht bestellte einen Betreuer für ihn. Dann eine Operation. Wie man - letztlich vor allem wegen Sünden des Vaters - mit ihm umging, wie man ihn auch auslieferte, ist mehr als fragwürdig.

Vor ein paar Wochen starb in England ein anderer alter Mann. Seine Familie hatte eines der Bilder zurückgefordert.

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guenovski 06.05.2014
1. Endlich hat er Ruhe!
Als Nazi Kunsträuber hat ihn die deutsche Öffentlichkeit in vorauseilendem Gehorsam abgestempelt und die Justiz hat ihm seine Bilder weggenommen, obwohl diese alle in seinem rechtmässigen Besitz waren. Irgendwas läuft falsch in diesem Land!
WBöhme 06.05.2014
2. Bemerkenswerte Kontinuitäten, die den Mythos einer Moderne der Demokraten entzaubern
Zitat von sysopBabirad PictureDer Vater war immer die Hauptfigur in dieser Familie - über seinen Tod hinaus: Der Sohn, Cornelius Gurlitt, verehrte ihn zutiefst. Er verwaltete den Nachlass, die große umstrittene Kunstsammlung. Das war sein Lebensinhalt. Aber hatte er überhaupt ein echtes Leben? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/cornelius-gurlitt-ist-tot-nachruf-auf-den-kunsterben-a-967951.html
Bemerkenswerte Kontinuitäten, die den auch Mythos einer Moderne der Demokraten entzaubern können. Nicht nur die Nachkriegskarriere von Hildebrandt Gurlitt zeigt wie willkommen moderne Kunst in Deutschland war, um sich das Image eines Demokraten zuzulegen. Auch die Fotostrecke zum Artikel ist sehr aufschlussreich, da auf Foto Nr. 5 Hildebrandt Gurlitt mit dem Architekten Friedrich Tamms in D'dorf gezeigt wird! Tamms hat bereits unter Hitler große Karriere gemacht und im August 1944 in die Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten Architekten aufgenommen und hat dann nach dem Krieg als Leiter der Stadtplanungsamtes in D'dorf nicht nur die Rheinbrücken gebaut, sondern auch Seilschaften begründet, die Architektenkarrieren aus der NS-Zeit in die neue BRD weiter geführt haben - natürlich dann mit demokratisch geläuterter "moderner" Architektur, etwa dem Dreischeibenhaus in D'dorf. Insofern ist das Gruppenbild mit Hildebrandt Gurlitt nun als selbst erfundener Vertreter der modernen Kunst eine interessante "Querverbindung" zur Geschichte bundesdeutscher Nachkriegseliten.
hboldt 06.05.2014
3.
Die Frage, ob ein Mensch, in diesem Fall Herr Gurlitt, überhaupt ein "echtes Leben" gehabt habe, ist unsäglich: Gibt es inzwischen Autoritäten, die darüber befinden dürfen, ob das frei bestimmte Leben eines Menschen echt oder unecht -oder am Ende gar kein richtiges Leben ist?
otzer 06.05.2014
4. Aber hatte er überhaupt ein echtes Leben?
Was für eine zutiefst anmaßende Frage! Wer könnte diese Frage für einen anderen Menschen je beantworten?
moxol 06.05.2014
5.
War ein Leben erst echt wenn man schön als Angestellter arbeitet und 2 kleine Kinder im Reihenhaus großgezogen hat? kann doch jeder selber entscheiden worauf man Lust hat
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