Country-Music auf Island Komm in die Kantrybaer!

Hallbjörn Hjartarson ist der "Cowboy des Nordens": Der 70-Jährige betreibt den einzigen Country-Sender Islands und steht fast jeden Tag selbst am Mikrofon, um Hank Williams und Dolly Parton anzusagen. In Skagaströnd, einem Fischerdorf mit weniger als 600 Einwohnern, hört ihm fast jeder zu.

Aus Island berichtet Henryk M. Broder


Country-DJ Hjartson: "Es gibt nur einen Isländer, der so etwas geschafft hat"
Henryk M. Broder

Country-DJ Hjartson: "Es gibt nur einen Isländer, der so etwas geschafft hat"

Über Vididalur hängt der Himmel so tief wie in der "Götterdämmerung", gleich wird es regnen, stürmen und donnern, doch aus dem Autoradio strömt gute Laune. "California Blue" mit Roy Orbison und "Please Help Me, I'm Falling" von Hanck Locklin. Das Kontrastprogramm zum Wetter kommt auf UKW 96,7. Es ist der einzige Sender, den man in dieser Gegend am Hunafjord gut empfangen kann, 200 Kilometer nordöstlich von Reykjavik, 200 Kilometer südlich vom Polarkreis.

Urplötzlich sind die dunklen Wolken verschwunden und wie auf Bestellung singt eine isländische Gruppe den Uralt-Hit "Mona Lisa". Jetzt heißt es: einfach den Radiowellen entgegen rollen, auf der Straße Nr. 1 nach Blönduos, dann links auf die Nr. 74 und etwa 20 Kilometer in nördlicher Richtung, bis am Ortsrand von Skagaströnd ein Schild das Ziel anzeigt: "Willkommen in der Wiege der Country-Musik". Der "Utvarp" (Sender) steht mitten im Ort, in der "Kantrybaer". Im Erdgeschoss werden Hamburger serviert, im ersten Stock sitzt Hallbjörn Hjartarson, genannt "The King", in einem winzigen Tonstudio und macht gerade Werbung in eigener Sache. Die besten Hamburger von ganz Island, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, gebe es in der "Kantrybaer", jeden Tag von 18 bis 21 Uhr. Und dann spielt er den Titel, mit dem er am 14. November 1992 um 17 Uhr den Sendebetrieb eröffnet hat: "Komm in die Kantrybaer".

Skagaströnd ist ein ganz normaler Ort, für isländische Verhältnisse fast schon eine Kleinstadt. 560 Einwohner, 190 Häuser, zwei große Trawler und ein Dutzend kleine Fischerboote, eine Fischfabrik im Hafen, eine Kirche, eine Schule mit 105 Schülern, eine Sporthalle, ein Schwimmbad, ein Supermarkt, eine Tankstelle, ein Friseur, eine Bank und ein Gästehaus ("Morgenröte") mit fünf Zimmern. Die Gemeinde hat im vergangenen Jahr 204 Millionen Kronen (rund 1, 6 Millionen Euro) eingenommen und 222 Millionen Kronen ausgegeben. Der Bürgermeister wird bezahlt, die vier Stadträte arbeiten ehrenamtlich.

Radiostation "Utvarp Kantrybaer": Die besten Burger der Welt
Henryk M. Broder

Radiostation "Utvarp Kantrybaer": Die besten Burger der Welt

Egal wohin man in Skagaströnd geht, überall wird der "Utvarp" von Hallbjörn Hjartarson gehört, obwohl der "King" weder Nachrichten sendet noch den Wetterbericht bringt, sondern nur Country-Musik spielt, jeden Tag rund um die Uhr Johnny Cash und Dolly Parton, Roy Rogers und Hank Williams. Und weil er kein Purist ist, gibt es zwischendurch auch Elvis Presley und natürlich Hallbjörn Hjartarson selbst, der über 100 Lieder komponiert und zehn Platten aufgenommen hat, eine davon ("Kantry Sex") sogar in Nashville/Tennessee, der Hauptstadt der Country Music.

"Es gibt nur einen Isländer, der so etwas geschafft hat, und das bin ich", sagt Hallbjörn zwischen zwei Titeln. Er ist Intendant, Programmdirektor, Moderator und DJ in einer Person. Das funktioniert, weil sein Programmschema recht übersichtlich ist. Am Montag und Dienstag nimmt sich der Chef frei, dann wählt ein Zufallsgenerator die Stücke aus einem Repertoire von über 5000 Titeln aus, die im Computer gespeichert sind. Mittwoch bis Sonntag sitzt Hallbjörn von 16 bis 18 und von 21 bis 24 Uhr am Mikrofon und fährt das Programm live. Am Sonntag gibt es von 21.30 Uhr bis 22.15 Uhr die "Stunde der Liebe", Gospelmusik mit Bibelzitaten, danach "Isländische Melodien", Volksmusik der alten Art, und kurz vor Mitternacht die "Wundertüte": Titel, die sich die Hörer gewünscht oder eingeschickt haben.

Hjartson mit 21 Jahren: Plattenaufnahmen in Nashville
Henryk M. Broder

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"Utvarp Kantrybaer" ist ein echter "Spartensender", zu hören auf drei Frequenzen im Nordwesten der Insel. Wie viele Zuhörer Hallbjörn hat, kann er nicht sagen oder will es so genau gar nicht wissen, denn die Höhe der Gema-Gebühren, die er abführen muss, hängt von der Anzahl der Zuhörer ab. "Es sind etwa 90 Prozent derjenigen, die ein Radio haben", sagt er. Der Sender ist sein Hobby, seine Leidenschaft, die er sich zwei Millionen Kronen (ca. 16.000 Euro) jährlich kosten lässt, denn Werbung gibt es nicht, außer natürlich für die Hamburger in der "Kantrybaer".

Hjartarson, 1935 geboren, ist ein echter Isländer. Das heißt, alles, was er kann, hat er sich selbst beigebracht. Die Vorfahren waren seit Generationen Bauern und Fischer, der Vater ist noch mit einem offenen Ruderboot zum Fischfang aufs offene Meer gefahren, zu Hause gab es 16 Kinder, "davon sieben oder acht Brüder". Nach vier Jahren Volksschule musste auch er Geld verdienen, als Arbeiter, Fischer oder Koch auf einem Kutter. "Ich weiß nicht mehr, was ich alles gemacht habe."

Das Gitarrespielen brachte er sich selbst bei, mit 13 Jahren trat er zum ersten Mal bei Tanzveranstaltungen auf, zusammen mit zwei älteren Brüdern, die Trommel und Akkordeon spielten. Die Band hatte anfangs keinen Namen, später nannten sie sich "Die Wildkatzen". Er arbeitete im Sommer auf dem US-Stützpunkt in Keflavik, da hörte er echte amerikanische Country-Music und wusste sofort: "Das ist es, was ich spielen will." Da war er noch ein schlanker junger Mann mit dunklen Haaren. Die Kostüme, die er damals bei seinen Auftritten trug, hängen heute in Glasvitrinen im ersten Stock der "Kantrybaer". Dazwischen ein Plakat für einen Film, den Fridrik Thor Fridkrisson ("Die Kinder der Natur") 1984 über ihn gedreht hat: "Der Cowboy des Nordens", eine 150 Minuten lange Dokumentation mit viel Musik.

Da war Hallbjörn grade 49 Jahre alt, ein Jahr später hatte er einen schweren Autounfall, seitdem gilt er als Invalide. Dennoch arbeitet er, denn zu Hause rumsitzen und nichts tun, "das macht ein Isländer nicht". Neunmal, zuletzt 2003, veranstaltete er in Skagaströnd bereits ein Country-Music-Festival mit isländischen Gruppen, zu dem Tausende von Fans kamen, bis er sich mit der Gemeindeverwaltung überwarf. Die Besucher brachten Geld in den Ort, störten aber auch die Ruhe und ruinierten den Rasen. "Das ging zu weit", erzählt Hallbjörn.

Hjartson bei der Arbeit: Gottes Worte für die "Stunde der Liebe"
Henryk M. Broder

Hjartson bei der Arbeit: Gottes Worte für die "Stunde der Liebe"

Nachdem 1986 das Monopol des staatlichen Senders RUV (Rikis Utvarpid) aufgehoben wurde, schrieb er einen Brief an die Regierung in Reykjavik und bat um die Zuteilung einer Radiolizenz. Er hatte keine Ahnung, wie ein Sender funktioniert, aber auch das brachte er sich selbst bei. Die Lizenz muss er alle fünf Jahre erneuern, bis jetzt gab es immer eine Verlängerung.

Hallbjörn Hjartarson hat schon vieles in seinem Leben gemacht, er war 15 Jahre Kirchendiener, 10 Jahre lang hatte er einen Lebensmittelladen, den er jedoch schließen musste, weil zu viele Kunden anschreiben ließen und das Bezahlen vergaßen. Jetzt, mit 70 Jahren, freut er sich über jeden Tag, "den Gott mir gibt". Die "Kantrybaer" ist seine Kirche, er wohnt auf der anderen Seite der Straße in einem Bungalow, den er lila und blau anstreichen ließ, "weil mir diese Farben so gut gefallen". Vor dem Haus steht eine riesige Satellitenschüssel, im Wohnzimmer schwimmen exotische Fische in einem Aquarium. Er hat drei Kinder, einen Sohn, zwei Töchter "und jede Menge Enkel". Auch der erste Urenkel ist schon unterwegs, aber es ist niemand da, der eines Tages den "Utvarp" übernehmen würde.

Der Zufallsgenerator, der die Musik aussucht, ist eine praktische Erfindung, aber alles kann er nicht, schon gar nicht die "Worte Gottes" aufsagen, die Hallbjörn jeden Sonntagabend in der "Stunde der Liebe" von kleinen Zetteln liest. Was passiert, wenn er nicht mehr kann? - "Dann ist es eben vorbei!"



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