CSI-Finale Tiefer graben mit Tarantino

30 Millionen Menschen sahen das Ende der fünften "CSI"-Staffel in den USA. Kein Wunder, denn inszeniert wurde die furiose Doppelfolge "Grabesstille" von Kultregisseur Quentin Tarantino - der immer öfter lustvoll ins TV-Geschehen eingreift.


Von Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Adaption "The Premature Burial" (1961) bis zu George Sluizers Entführungsthriller "Spoorloos" (1988) – das Motiv des Lebendig-Begraben-Werdens ist in Horror-Literatur und -Film gleichermaßen beliebt und ein regelrechter Wiedergänger. Zu den prägnantesten Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit zählt zweifellos die Einsargung Uma Thurmans in Quentin Tarantinos Kino-Zweiteiler "Kill Bill" (2004): Mitten auf ihrem blutigen Rachefeldzug wird da "die Braut" (Thurman) vom schurkischen Cowboy Budd (Michael Madsen) überwältigt und in einer vernagelten Holzkiste in den Boden eingelassen. Die Sequenz, in der sich die Leinwand schwarz färbt und nur noch das Prasseln der Erde auf den Deckel zu hören ist, gehört in ihrer klaustrophobischen Beklemmung zu den besten des an Schockeffekten nicht eben armen Films – und hat wohl auch den Regisseur nicht losgelassen.

Als man ihn im vergangenen Jahr fragte, ob er das Finale zur fünften Staffel der CBS-Erfolgsserie "CSI: Las Vegas" beisteuern wollte, ließ Tarantino sich jedenfalls nicht lange bitten – und nahm sich in der 90-minütigen Doppelfolge "Grave Danger" als Drehbuchautor und Regisseur erneut des Themas an. Tatsächlich gelingt es dem begnadeten Sampler und Zitierer, dem klassischen Sujet noch einmal eine im Wortsinn untergründige Spannung abzugewinnen.

Nach eigenen Angaben inspiriert vom 1972 gedrehten Fernsehfilm "The Longest Night", setzt Tarantino hier stärker als im Kinofilm auf Realismus: Während Thurmans "Braut" sich auf ihre in China erlernte übernatürliche Kampftechnik verlassen konnte, die sie umgebende Holzhülle mit bloßen Händen zerschlug und ihrer Gruft alsbald entstieg, muss der hier verbuddelte CSI-Spurensicherer Nick Stokes (George Eads) mit normalen menschlichen Fähigkeiten auskommen – was konkret bedeutet, nicht die Nerven zu verlieren und auf Rettung zu hoffen.

Genau diese alptraumhafte Prämisse, das Element des Ausgeliefertseins, verstärkt Tarantino geschickt mit einigen dramaturgischen Kunstgriffen: So packt der wahnsinnige Entführer seinem Opfer neben Leuchtstoffröhren noch einen geladenen Revolver und ein Tonbandgerät ("Hi, CSI!") mit in den brutal engen Plexiglassarg – versehen mit dem ermunternden Hinweis, er werde in jedem Fall sterben, ob er langsam atme oder schnell, sich die Waffe in den Mund schiebe oder nicht.

Stokes’ Kollegen vom Las Vegas Police Department um Ober-Forensiker Gil Grissom (William L. Petersen) dürfen derweil Pein und Panikattacken ihres Mitstreiters per Webcam verfolgen – während sie unter Aufbietung aller Ressourcen versuchen, den Sarg zu lokalisieren. Besonders prekär ist die Situation für Stokes’ Cop-Partner Warrick Brown (Gary Dourdan), der zuvor nur dank eines Münzwurfs dem verhängnisvollen Einsatz entgangen war.

Tarantino scheint es Spaß zu machen, mit den kürzeren Formaten des Mediums Fernsehen zu experimentieren. Immer öfter lässt er sich von den Sendern anheuern, der einen oder anderen Serie ein bisschen zusätzlichen Glamour zu verleihen. Nach einer Episoden-Regie bei "Emergency Room" sowie Gastauftritten in "Alias", veredelt er nun die allseits beliebte Forensiker-Reihe. Das Verdienst des mäandernden Markenartiklers Tarantino ist es, seinen neuerlichen Seitensprung ins Seriengeschäft im bekannten "CSI"-Stil inszeniert und auf die für ihn typischen Extravaganzen verzichtet zu haben.

Mit derselben souveränen Lässigkeit, mit der er einst "Jackie Brown" inszenierte, stellt er sich auch hier wieder in den Dienst des Genres. Ganz konventionell beginnt die Folge mit Stokes’ Fahrt an den Einsatzort; auf einem Parkplatz sind Leichenteile gefunden worden. Lediglich im Detail setzt Tarantino Duftmarken: Beim Anblick des kunstvoll als Köder arrangierten Gedärms, bei dessen Untersuchung Stokes entführt wird, kann man sich ein gewisses Vergnügen des Splatter-Meisters vorstellen. Eine kleine Cameo-Szene mit Tony Curtis und Frank Gorshin, in der CSI-Ermittlerin Catherine Willows (Marg Helgenberger) sich von ihrem reichen Produzenten-Vater das Lösegeld besorgt, ist sicher ebenfalls seiner Lust am Spiel geschuldet; weitere Grüße aus dem Tarantino-Universum sind eine in Schwarzweiß gefilmte Halluzinations-Sequenz, in der Stokes seine eigene Sektion in der Gerichtsmedizin imaginiert, und der sadistische Einfall, als Gipfel des Martyriums Ameisen in den Sarg eindringen zu lassen.

All das verbindet sich zu einer furios-fiesen Angelegenheit, bei der die angestammte "CSI"-Gefolgschaft genauso auf ihre Kosten kommt wie die Tarantino-Gemeinde. In den USA schauten bei der Erstausstrahlung über 30 Millionen Menschen zu; hierzulande wäre Vox wohl mit einem Zehntel davon zufrieden. Die Ausstrahlung der sechsten "CSI: Las Vegas"-Staffel hat der Kölner Sender für Herbst angekündigt, die Zeit dazwischen soll mit Wiederholungen überbrückt werden.

Tarantino indes, zuletzt als Produzent und Präsentator des Horrorschockers "Hostel" in Erscheinung getreten, arbeitet bereits an seinem nächsten Schauerstück: Mit seinem alten Compañero Robert Rodriguez ("El Mariachi", "Sin City") inszeniert er das Zombie-Slasher-Movie "Grind House". Danach, so wird gemunkelt, will er sich endlich seinem lange angekündigten Film über den Zweiten Weltkrieg widmen. Arbeitstitel: "Inglorious Bastards".



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