Cyborgs Cyborgs: Sie leben - auf dem Potsdamer Platz!

George Clooney, Milla Jovovich und Naomi Campbell; schöne Menschen in schönen Kleidern sind derzeit das Thema auf der Berlinale. Fast unbemerkt hat sich aber auch ein anderes Völkchen auf dem Potsdamer Platz breit gemacht: Cyborgs, Monster, Golems und Maschinenmenschen.

Von Tilman Baumgärtel


Frankenstein

Frankenstein

Berlinale 2000 und ich gehe nicht hin. Ich habe nämlich keinen Presseausweis bekommen. Bleiben nur die Retrospektiven. Es gibt Werkschauen, die das filmische Schaffen von Robert De Niro und Jeanne Moreau beleuchten. Und vor allem gibt es passend zum Jahr 2000 eine Filmreihe mit dem Titel "Künstliche Menschen, manische Maschinen,kontrollierte Körper", die sich mit den Homunkuli, Maschinenmenschen, Golems, Frankensteinmonster, Androiden und Cyborgs beschäftigt, die seit über hundert Jahren die Leinwände des Kinos in regelmäßigen Abständen heimsuchen.

Denn auch das Kino ist ein "moderner Prometheus", wie es der Untertitel von Mary Shelleys Frankenstein-Roman nennt; es hat seit seinen Anfängen "künstliche Menschen" geschaffen und so den Horror vor unseren filmischen Doppelgängern in Bilder gefasst. Zu Beginn des Kinos waren alle Darsteller auf dem Silver Screen "künstliche Menschen": befremdliche, anthropomorphe, aber eigentlich tote Kreaturen, die durch die Magie einer neuen Technologie wieder zum Leben erweckt wurden - bloß eben nicht durch die Chemikalien und Apparaturen in den Labors wahnsinniger Wissenschaftler und anmaßender Erfinder, sondern auf Zelluloid. Es war ein Kino, das mit erst 18, dann 24 Bildern pro Sekunde - durch ein Malteserkreuz voneinander getrennt - durch den Projektor schleicht wie ein Monster durch die Gänge eines geheimnisvollen, unterirdischen Laboratoriums.

... und Robocop

... und Robocop

Im Kino 9 des Cinemaxx am Potsdamer Platz erstehen die schrecklichen Kreaturen in täglich bis zu sieben Vorstellungen neu. Im Gegensatz zu den anderen Vorführungen ist hier meist noch eine Karte und immer Platz mit genügend Beinfreiheit und ohne störenden Beisitzer auf dem Sitz nebenan zu bekommen. Man ist hier in der Gesellschaft vieler freundlicher Nerds, die sich vor Vergnügen auf die Schenkel klopfen, wenn in "Android" der Körper von Klaus Kinski zerfetzt wird und sich unter seiner Haut plötzlich Kabel und Drähte winden. Viele Franzosen bevölkern das Kino - ein gutes Zeichen für einen Film.

Japanische Cyborgs Die Retrospektive umfasst das Thema von den Anfängen des Kinos bis zur Gegenwart. Der zweiminütige "Mechanical Man" aus Großbritannien von 1905 steht neben dem zeitgenössischen Actionhorrors von "Terminator" und "Blade Runner". Alle drei deutsche Versionen des Alraune-Stoffes folgen japanischen Cyberpunk wie "Tetsuo". Ja, sie sind alle gekommen, um bei der Berlinale noch einmal umzugehen: der Golem, Frankensteins Monster mit seinen Bräuten und Söhnen, die "Boys from Brazil", der mechanische Schachspieler, der Homunkulus, verschiedene Amok-laufende Spielzeugroboter und Robocop in trauter Gesellschaft mit dem Marionettenzwerg Pinocchio.

... und Terminator

... und Terminator

Die belebte Materie der künstlichen Menschen ist ein Filmsujet, seit das Kino als Jahrmarktsattraktion in die Welt gekommen ist. Hier kommt das Kino zu sich selbst: Das Medium, das zum ersten Mal lebensnahe Kopien vom Leben hervorgebracht hat, hat sich mit den künstlichen Monstern seine eigene Metapher geschaffen. Und, ja: IT LIVES!!! Und irgendjemand, früher oder später auch der Schöpfer selbst, muss dafür bezahlen: meist mit dem eigenen Tod für die Hybris, Leben schaffen zu wollen.

Je gröber und fürchterlicher die Monster wurden, desto mehr sagten sie über die Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Sind die Kreaturen der deutschen Stummfilmära als Artikulationen des Grauens vor der im Ersten Weltkrieg entfesselten Technik zu lesen, so ist der Terminator - und vor allem sein Flüssigmetallgegner, der T 2000 - ein Schreckensbild der neuen Biotechnologien. Der "Demon Seed", der 1976 Julie Christie als der Frau eines Computerwissenschaftlers eingepflanzt wird, ist der digitale Code eines Supercomputers, den dieser selbst in DNS übersetzt hat.

Unwirkliche Wirklichkeit Der Computer selbst ist freilich selbst nichts anderes als eine Wahnmaschine, die ihre eigenen Formen künstlichen Lebens hervorgebracht hat. In "The Matrix" ist die "Wirklichkeit", wie wir sie kennen, samt aller ihrer Bewohner nur noch eine Computer-Simulation, die man nicht mehr als solche erkennen kann. Bezeichnenderweise fehlt dieser Film in der Festivalauswahl.

... und eine Frau mit Festplatte im Bauch

... und eine Frau mit Festplatte im Bauch

Denn sonst würde vielleicht zu deutlich, weshalb die erste Berlinale am Postdamer Platz ausgerechnet "künstliche Menschen" als Thema der Retrospektive gewählt hat. Schließlich ist der Potsdamer Platz selbst nur ein Wiedergänger der europäischen Stadt, ein unheimlicher, zu einem unguten, fruchtlosen Leben erweckter Doppelgänger der urbanen Strukturen, wie wir sie aus der traditionellen Metropole kennen. Jahrelang existierte er in Berlin als digitale Simulation in der "Infobox", in der die zukünftigen User sich den fertiggestellten Platz schon einmal als computergeneriertes 3-D-Modell ansehen konnten.

Wer das gesehen hat, fühlt sich auf dem seiner Vollendung nahenden Potsdamer Platz immer noch in einer Virtual Reality - mit sich selbst als digitalem Doppelgänger des eigenen Körpers, der nun als perfekt gerendertes Modell eines Kinobesuchers zum Cinemaxx strebt, um sich "Westworld" anzusehen.



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