Dachhütten in Hongkong Slum in Penthouse-Lage

Winzig, ärmlich, windig: Wer in Hongkong kein Geld hat, steigt anderen aufs Hochhausdach und baut dort Slumhütten. Eine Hamburger Schau zeigt die spektakulären Bauten und überrascht mit der Einsicht: Das karge Leben in luftiger Höhe hat sogar Vorteile - solange kein Taifun droht.


Manche der Dächer sehen aus, als habe eine riesige Flutwelle auf ihnen Schwemmgut hinterlassen: rostige Bleche, zernagte Bretter, bunte Plastikplanen, Grünzeug. Auf den Flachdächern dieser Hongkonger Hochhäuser drängt sich bis dicht an den Abgrund eine schrundige Schicht aus Hütten und behelfsmäßigen Unterkünften: mal sorgsam gezimmert, mal mühselig geflickt und halbverwittert. Einige dieser Aufbauten sind bis zu drei Stockwerke hoch, meist türmen sie sich auf sieben bis zwölfstöckigen Wohnbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren.

In diesen luftigen Höhen haben sich zunächst Zuwanderer vom chinesischen Festland angesiedelt, später auch Migranten aus Südostasien und Pakistan. In die spektakuläre, aber nahezu unbekannte Szenerie dieser informellen Hochhaussiedlungen führt derzeit eine Ausstellung im Hamburger Kunsthaus.

Die Architektin Rufina Wu und der Fotograf Stefan Canham haben drei Monate lang diese Dachdependancen aufgespürt, sie von innen und außen fotografiert, ihre architektonische Anlage detailgenau skizziert und die Geschichten ihrer Bewohner festgehalten.

Die Sieben-Millionen-Stadt Hongkong ist wegen ihrer Lage in gebirgiger Küstenregion knapp an Bauland und reich an Wohnungsnot. Neuankömmlinge sind meist gezwungen, sich eine billige Behelfsunterkunft zu suchen.

Noch immer müssen einige mit vergitterten Etagenbetten in einer der berüchtigten Bettunterkünfte ("cage homes") auskommen. Erst wer sieben Jahren in Hongkong lebt, hat Anspruch auf eine Sozialwohnung. Die aber liegen oft in den Wohntürmen der Satellitenstädte, wo es nicht die Jobs gibt, die sich in den Altstadtvierteln auf Märkten, in Garküchen oder im innerstädtischen Kleingewerbe-Gewimmel finden lassen.

Eben dort aber finden die Bewohner der Dachverschläge ihre meist schlecht bezahlten, oft temporären Jobs: als Küchenhilfen, Reinigungskräfte oder auf dem Bau. Manche nutzen zum Überleben auch die ökonomischen Ressourcen ihrer Wohnsituation: Seit die Kinder aus dem Haus sind, führt ein Paar die Dachbleibe als Pension. Und eine findige Bewohnerin hat ihr luftiges Hütten-Domizil in einen Mah-Jongg-Salon verwandelt.

Zwischen Buddha und Seifenoper

So hat das Leben auf dem Dach - haushoch und haarscharf über Slumniveau - einige Vorteile. Obwohl meist winzig, ärmlich und der Witterung ausgesetzt, bieten die Dachhütten mehr Licht und Luft als manche Etagenwohnung. Hier und da gibt es kleine Freiflächen, auf denen Kinder kicken oder Basketball spielen. Dachgärten aus Topfpflanzen werden gehegt. Leitern aus Stühlen und Kisten schaffen Verbindungen zwischen Gebäudeteilen. Manchmal findet sich Platz für kleine Schreine und Hausaltäre. Und in den engen Gängen zwischen den Verschlägen verschmelzen buddhistische Gesänge mit den Klängen pakistanischer Musikvideos und thailändischer Seifenopern.

So pittoresk diese Dachaufbauten sind, zu sozialromantischer Verklärung taugen sie kaum. Die Sonne heizt die Räume gnadenlos auf. Bei Taifun segeln Dachpappen wie Drachen durch die Luft. Und beschwert sich ein Bewohner der umliegenden Häuser über den Blick auf den Verhau aus Wellblech, Planen und verrottenden Latten, rücken die Abrisstrupps an. Denn obwohl die Behörden die Siedlungen meist tolerieren, ja sogar Post zustellen, Strom und Wasser liefern, Gebühren und Steuern kassieren - die Aufbauten sind illegal.

Vergleichbare Siedlungen wuchern auf den Dächern Kairos, auch in Phnom Penh soll es sie geben. In Hongkong aber sind die Dach-Datschen derzeit besonders bedroht, weil die relativ niedrigen Hochhäuser aus den fünfziger und sechziger Jahren zunehmend durch wesentlich höhere ersetzt werden.

Soziologen sind hin- und hergerissen zwischen der Forderung nach sozialen und ökonomischen Bedingungen, unter denen solche Wohnformen nicht nötig sein sollten - und der Sympathie für die kreativen Aspekte dieser Strukturen. Sie sprechen von einer sich selbst organisierenden Nischenarchitektur, verweisen auf die utopischen Aspekte eines partizipativen Wohnens, bei dem die Bausubstanz nach individuellen Bedürfnissen variiert wird. Und sie beleuchten die Kraft dieser Soziotope, aus Not und Enge kulturelle Energie und widerständige Lebenskunst hervor zu bringen.

An die Ambivalenzen dieser Penthäuser des Existenzminimums führt die Hamburger Ausstellung mit Fotos, Plänen und Kurzbiografien der Bewohner heran. So gewinnt der Betrachter etwa Einblick in die Lebenswelt einer Dachsiedlerin, die nachts in Hongkongs Disneyworld jobbt und tagsüber eine Meisterin jener widerständigen Lebenskunst zu sein scheint.

Die Mitte ihrer Wohnkammer wird fast ganz von einer röhrenförmigen, computergesteuerten Entspannungsliege eingenommen. Aufgeklappt dient sie als Tisch und Ablage. Von Zeit zu Zeit aber verwandelt sich die Hütte in ein Rooftop-Spa: Dann steigt die Dachhausherrin in die Röhre und gönnt sich eine erquickliche Entgiftungs- und Sauerstoffanwendung.


" Rufina Wu, Stefan Canham: Portraits from Above - Hong Kong's Informal Rooftop Communities", Kunsthaus Hamburg, bis 5. Juli. Unter dem gleichen Titel ist ein kleiner Katalog und bei Peperoni Books ein Bildband erschienen.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Roana, 26.05.2009
1. Sozialromantiker...
...auf Hongkong-Urlaub fällt mir dazu ein, wenn ich das romantisierende Geschwafel lese...
gaagaamiczec 26.05.2009
2. Wohn Idyll
Wer sich für so ein Soziotop begeistern kann, geht ganz einfach http://www.homeexchange.com/listings.php?gid=6295630
90-grad 26.05.2009
3. Wo bitte?
Zitat von sysopWinzig, ärmlich, windig: Wer in Hongkong kein Geld hat, steigt anderen aufs Hochhausdach und baut dort Slumhütten. Eine Hamburger Schau zeigt die spektakulären Bauten und überrascht mit der Einsicht: Das karge Leben in luftiger Höhe hat sogar Vorteile - solange kein Taifun droht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,626823,00.html
Bin oft in Hong Kong. Ich will nicht ausschliessen das es so etwas gibt, aber es wuerde mich schon interessieren wo das genau sein soll. Im Artikel/Fototeil sieht man nur ein Gebaeude, mehrmals die gleiche Innenansicht von verschiedenen Standorten im gleichen Raum ansonsten nur Skizzen. Im Uebrigen, normalerweise muss wohl der Hausbesitzer einer solchen "Dachbenutzung" zustimmen, nicht nur die Nachbarn! Die Toilette und Waschbecken scheinen angeschlossen zu sein, und um auf's Dach zu gelangen braucht man auch in Hong Kong Schluessel zum Treppenhaus!? Will sich hier vielleicht jemand nur interessant machen und der Spiegel hilft mit durch Ueberhoehung zum "Dach-slum"???
Celestine, 26.05.2009
4. Sozialromantisch?
Zitat von Roana...auf Hongkong-Urlaub fällt mir dazu ein, wenn ich das romantisierende Geschwafel lese...
Was ist an dem Artikel "sozialromantisch"? Die Beschreibung und die Fotos sind doch nicht beschönigend sondern sehr realistisch. Es werden auch einige, in den westlichen Augen zugegebener Maßen erbärmlich wirkende "Vorteile" bzw. kleine Freuden der Menschen bzw. der Lebensweise beschrieben, aber die kann man erst dann verstehen, wenn man Asien wirklich ein wenig besser kennt. Wie z.B. die Pflanzen auf dem Dachgarten, die für jeden Chinesen sehr wichtig sind. Sicher werden die Bewohner auch z.B. Vogelkäfige halten, was ihnen auch Freude bringt. Asiaten haben nun mal die Gabe, ihre Lebensfreude, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ihren Optimismus und sogar ihre gute Laune und ihren Humor - selbst unter den härtesten Bedingungen - nicht zu verlieren. Sie sitzen dort auf ihrem Dach zusammen, spielen Mahjong, machen Witze und lachen - und vergessen dabei das Elend. Das ändert nichts daran, dass das Leben extrem hart ist. Ganze Hänge auf Hongkong-Island und Kowloon sind übersäet mit squatter huts - also mit ähnlichen Behausungen.Wenn man aber die Slums der asiatischen Großstädte wie z.B. Jakarta, Bangkok oder Manila kennt, so ist diese Lebensform bei weitem nicht die Schlimmste. In Manila hängen Menschen wie Fledermäuse unter den Brücken z.B. Und dass Menschen in Hongkong in Käfigen leben, halte ich z.B. für weitaus schrecklicher als die Dachbewohnung. Die Slums und diese Extreme sind Zustände, die jedem Menschen zutiefst empören sollten. Und eher ist es so, dass gerade die Touristen von diesem Elend nichts wissen wollen und es zumeist gar nicht zu sehen bekommen. Erst wenn man in Asien lebt, ist man dazu gewisser Weise "gezwungen", sich mit der Armut auseinander zu setzen - oder aber das Thema zu ignorieren, was viele dort lebende Expatriots tun. Sie interessiert das Thema dann halt gar nicht. Die bedürftigen kleinen Freuden solch einer harten Existenz fallen doch nur denjenigen auf, die sich mit dem Thema beschäftigen. Dass man die beschreibt, bedeutet doch nicht, dass man die Lebensform zwangsläufig für erwünscht halten würde.
chinatown 26.05.2009
5. self-made houses in Hong Kong
"Bin oft in Hong Kong. Ich will nicht ausschliessen das es so etwas gibt, aber es wuerde mich schon interessieren wo das genau sein soll." Ich müsste eher überlegen in welchen Bezirken es keine derartigen Behausungen gibt. Am meisten finden sich wohl in den ohnehin weniger modernen Wohngegenden (Sham Shui Po, Kowloon City/To Kwa Wan, Kwun Tong) aber auch wie erwähnt in Central und vieler Orts auf HK Island. Bei neueren Gebäuden tendieren Hausbesitzer dazu jeglichen Zugang zu den Dächern zu unterbinden, da häufig einzelne Bewohner gegen gewisses Entgelt den Zugang ermöglichen und wenn so eine Hütte erstmal steht, scheint es für die Hausbesitzer im allgemeinen nicht mehr so leicht, dies rückgängig zu machen. In Kwun Tong gibt es ebenfalls ein ganzes Dorf derartiger Hütten allerdings ebenerdig. Aber auch hier wird es wohl eher nur deshalb geduldet, da das besagte Gelände, wegen Erdrütschen des anliegenden Berges nur wenig brauchbar ist: http://dimmsumm.com/log/?p=189 Generell denke ich Armut hin oder her, aber Hong Kong ist sicher nicht das Paradebeispiel für schlechte Lebensbedingungen. Das die winzigen Behausungen in Hong Kong aus westlicher Perspektive Platzangst verursachen, kann ich ja verstehen (sehr, sehr gut sogar), aber da es hier mehr oder weniger normal ist sich auf kleinsten Raum zu organisieren, halte ich es gar nicht für so sonderlich problematisch. Da finde ich schon eher bewundernswert das derlei Behausungen grundsätzlich Zugang zu Strom und Wasser haben/behalten.
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