Dänemarks lebende Bücher "Leih mich aus!"

Wie wird man eigentlich Stripperin? Oder Immobilienhändler? Und wie ist es, als Flüchtling auf einem Containerschiff zu leben? In Kopenhagen lassen sich die unterschiedlichsten Menschen als Teil einer "lebendigen Bibliothek" ausleihen - und erzählen ihre Geschichte.

SPIEGEL ONLINE

Aus Kopenhagen berichtet Henryk M. Broder


Rosa Feltmann hat vier Kinder, zwei eigene und zwei, die ihr Freund in die Beziehung mitgebracht hat. Beide arbeiten bei den Dänischen Staatsbahnen. Kennengelernt haben sie sich vor fünf Jahren, als Rosa aus Griechenland zurückkam, wo sie elf Jahre als Stripperin gearbeitet hatte. "Mit 29 war es Zeit aufzuhören und etwas anderes zu machen."

Mit dem Strippen hatte sie als 18-Jährige angefangen, nachdem sie eine Anzeige in "Ekstrabladet" gesehen hatte, in der junge Frauen für einen Job gesucht wurden, mit dem sie "viel Geld steuerfrei" verdienen konnten. Sie landete in einer Bar in Thessaloniki, wo sie "oben ohne" Getränke servieren sollte. "Da ich einen kleinen Busen habe, machte es mir nichts aus." Rosa lernte Griechisch und Strippen, weil sie es erträglicher fand, angeglotzt als angegrabscht zu werden. Sie zog von einer Bar zu nächsten, verdiente ordentlich und machte sich keine Gedanken über die Zukunft. Bis sie eines Tages aufwachte und über den Gedanken stolperte: "In einem Jahr bin ich 30!"

Statt zur Arbeit zu gehen, flog sie heim, nach Kopenhagen. Jetzt sitzt Rosa auf einer Tribüne im Königlichen Park von Kopenhagen und hat ein schwarzes T-Shirt an, auf dem steht: "Leih mich aus!" Aber das ist noch nicht alles. "Mein Hintern ist überall in Kopenhagen zu sehen." Auf einem Plakat. Rosa steht auf Highheels, links neben ihr ein Punk-Mädchen mit knallroten Haaren, rechts eine Muslimin mit Kopftuch und bodenlangem Kleid. Willkommen in Dänemark! Und willkommen in der Living Library!

Stripperin, Immobilienmakler und Großstadt-Cop erzählen

Rosa ist eines von zwei Dutzend "menschlichen Büchern", die an diesem Wochenende ausgeliehen werden können. Jedes Buch erzählt eine andere Geschichte. Wer sie hören möchte, muss sich in eine Liste eintragen. Es sind vor allem Schüler und junge Leute, die das Angebot nutzen, eine ehemalige Stripperin, eine Muslimin, einen Anonymen Alkoholiker oder einen schwulen Juden zu befragen. Wie sie leben, wie sie ihr Leben geändert haben oder es ändern möchten.

Rosa ist gut gebucht, ihre Zuhörer wechseln im Dreißig-Minuten-Takt. Mamet kann sich etwas mehr Zeit lassen, dabei ist seine Geschichte eigentlich noch spannender. Vor 29 Jahren in Iran geboren, kam er als Sechsjähriger mit seiner Mutter und zwei Geschwistern nach Dänemark. Die ersten drei Monate lebten sie in einem Containerschiff, danach ein paar Monate in einem Flüchtlingslager.

Mamet ist Muslim, Perser, Flüchtling - und Immobilienmakler. In der Schule war er der Kleinste und Schwächste, es kam vor, dass ihn seine Mitschüler in die Mülltonne steckten. Jetzt steckt er sie in die Tasche. Letztes Jahr hat er 50 Prozent einer großen Real-Estate-Agentur gekauft, irgendwann will er die zweite Hälfte auch noch kaufen. Mamet arbeitet über 80 Stunden pro Woche, was ihm an Zeit übrig bleibt, verbringt er mit seiner Familie. Vor drei Wochen wurde sein Sohn Elias geboren, seine dänische Frau nennt er "my hunnybunny".

"Wir hatten nichts, als wir nach Dänemark kamen"

Mamets großes Vorbild aber ist seine Mutter; kaum hatte sie mit ihren drei Kindern das Flüchtlingslager verlassen, fing sie an zu studieren. Zahnmedizin, ein unter Iranern sehr beliebter Beruf. Sie heiratete zum zweiten Mal, bekam noch zwei Kinder - und arbeitet noch immer als Zahnärztin. "Wir hatten nichts, als wir nach Dänemark kamen, nur unseren Verstand." Und den festen Willen, es zu schaffen.

Verglichen mit den Biografien von Rosa und Mamet hat Peter Nim, 46, wenig Aufregendes zu bieten. Er hat Altenpfleger gelernt, mit 24 ging er zur Polizei, heute unterrichtet an der Kopenhagener Polizei-Akademie angehende Ordnungshüter. Nim ist genau der Typ von Polizist, von dem man gerne festgenommen werden möchte: nett, umgänglich und redselig. Er habe keine Angst, nach Christiania zu gehen, sagt er, er tut es einfach nicht, nicht einmal in Zivil.

Dafür patrouilliert er öfter in Nörrebro, einem "sozialen Brennpunkt" am Rande der Innenstadt von Kopenhagen, wo viele Migranten aus dem Nahen Osten leben. "Ethnic people", sagt Nim, ohne in Details zu gehen. 99,5 Prozent der Leute, die in Nörrebro leben, seien "völlig in Ordnung", Probleme gebe es nur "mit einem halben Prozent", und der harte Kern mache 50 bis 70 Leute aus. Wenn es denn so ist, warum ist dann die Mehrheit nicht in der Lage, die winzige Minderheit von einem halben Prozent zu disziplinieren? Warum lassen sich Tausende anständiger Migranten von ein paar Gangs terrorisieren? "Weil sie Angst haben", sagt Peter Nim, "und weil die Gangs jeden fertig machen, der sich ihnen in den Weg stellt oder sie verpfeift."

"Dealer oder Gangster ist keine gute Wahl"

Gegen die Gangs, erklärt der Police Inspector, könne man nichts machen, man könne nur versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, dass sie Nachwuchs von der Straße rekrutieren. Staat und Stadt würden "Millionen von Kronen" nach Nörrebro pumpen, um "Hunderte von Projekten" zu finanzieren, die den Jugendlichen "eine Alternative" zu den Gangs bieten sollen, sportliche Aktivitäten aber auch Anreize zur Weiterbildung für Schulabbrecher.

Dennoch, gibt Peter Nim zu, würden die Gangs nicht weniger, man sei schon froh, wenn sie ihre kriminellen Aktivitäten nicht ausweiten würden. Und wenn sie, was gelegentlich vorkommt, aufeinander losgehen, dann drückt die Polizei beide Augen zu. "Was sollen wir machen? Wir können sie nicht aus Dänemark rausschmeißen. Wenn wir es versuchen würden, würde uns Amnesty International oder Human Rights Watch vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen."

Deswegen nimmt Peter Nim an der "Living Library" teil. In Uniform. Er hofft, ein paar "Kids" aus Nörrebro zu treffen, um sie zu überzeugen, "dass ein Leben als Dealer oder Gangster keine gute Wahl ist".

"Wir wollen den Leuten ihre Vorurteile wegnehmen"

"Am Anfang war Gewalt", sagt Ronni Abergel, 36. Der Sohn eines Marokkaners und einer Dänin ist von Beruf Aktivist und Organisator, nebenbei studiert er noch Journalismus an der Universität von Odense. Weil es aber immer etwas zu organisieren gibt, weiß er nicht, ob und wann er sein Studium abschließen wird.

Als 1993 ein Freund von Ronni in der "Freistadt" Christiania erstochen wurde, gründete er die Initiative "Stop The Violence", veranstaltete Konzerte und hielt Vorträge über "conflict resolution" an Schulen. Später entstand daraus die Idee der "Living Library", die inzwischen von der Stadt Kopenhagen gefördert wird. "Wir wollen die Leute entwaffnen, ihnen die Vorurteile wegnehmen. Wenn sie miteinander reden, werden sie ihre eigenen Positionen überdenken."

Im besten Falle. Und wenn nicht, dann haben sie wenigstens ein paar interessante Zeitgenossen kennengelernt. Wie Rosa, Mamet und Police Inspector Peter.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.