Dan Rather TV-Legende stolpert über Bush-Bericht

Nach 24 Jahren Bildschirmpräsenz hat Dan Rather, Anchorman des amerikanischen TV-Senders CBS, seinen Abschied als Nachrichtenmoderator bekannt gegeben. Die überraschende Ankündigung erfolgt zwei Monate nach dem Eklat um gefälschte Dokumente über George W. Bushs Dienst in der Nationalgarde.


TV-Journalist Rather: "Im Grunde ein Mann der 'harten Nachrichten'"
AP

TV-Journalist Rather: "Im Grunde ein Mann der 'harten Nachrichten'"

New York - Dan Rather, 73, seit fast genau 24 Jahren Aushängeschild der Nachrichtenschiene des US-Sendernetzwerks CBS, hat überraschend angekündigt, im März nächsten Jahres zurückzutreten. Nach eigenen Angaben will der populäre TV-Moderator und Journalist sich keineswegs zur Ruhe setzen, sondern als Vollzeit-Korrespondent für die Nachrichtensendung "60 Minutes" arbeiten. "Ich bin und bleibe im Grunde meines Herzens ein Mann der 'harten Nachrichten', ein investigativer Reporter", sagte Rather in einem offiziellen Statement. "Ich freue mich jetzt darauf, mich wieder voll und ganz dieser Art der Berichterstattung zu widmen".

Es klingt wie ein Abschied in aller Bescheidenheit und Harmonie. Wäre da nicht vor knapp zwei Monaten der Eklat um jene gefälschten Dokumente gewesen, mit den Rather vor laufender Kamera belegen wollte, dass George W. Bush sich Anfang der siebziger Jahre vor der Einberufung in den Vietnamkrieg drücken konnte, und seinen Dienst stattdessen - mittels einiger Seilschaften und Manipulationen - in der texanischen Nationalgarde absolvieren durfte. Die Papiere, angeblich Unterlagen eines früheren Vorgesetzten Bushs in der National Guard, waren von einem bekannten Bush-Kritiker zur Verfügung gestellt worden.

Ausscheiden in Würde

Schon nach der Sendung entpuppten sich die Dokumente jedoch als plumpe Fälschungen, die mit einem normalen "Word"-Programm am Computer geschrieben worden waren, anstatt, wie damals üblich, mit der Schreibmaschine. CBS geriet in Erklärungsnöte, und besonders Dan Rather, konservativen Kräften ohnehin ein liberaler Dorn im Auge, musste sich den Vorwurf der mutwilligen Wählerbeeinflussung gefallen lassen.

Zwei Wochen hielten Sender und Star-Moderator dem Proteststurm stand, dann folgte die Entschuldigung: Man sei "in die Irre geführt" worden, hieß es. Dan Rather sagte, es sei ein Fehler gewesen, den er "im guten Glauben" gemacht habe. Seit Anfang Oktober befasst sich eine externe Untersuchungskommission mit der Fälschungsaffäre, die ihre Ergebnisse in den kommenden Wochen präsentieren will.

Journalistischer Scoop: Rather im Interview mit Saddam Hussein (im Februar 2003)
AP/ CBS News

Journalistischer Scoop: Rather im Interview mit Saddam Hussein (im Februar 2003)

CBS-Sprecher Gil Schwartz behauptet zwar, Rathers Rücktritt habe nichts mit den eventuellen Untersuchungsergebnissen der Kommission zu tun, doch der Verdacht liegt nahe, dass Rather den Zeitpunkt für ein würdevolles Ausscheiden selbst bestimmen wollte, statt möglicherweise in Schmach und Schande aus dem Amt gejagt zu werden. Sein Vertrag als Anchorman bei CBS News wäre noch zwei weitere Jahre gelaufen.

Vor fast genau 24 Jahren hatte Rather die amerikanische TV-Legende Walter Cronkite auf dem Nachrichtenthron von CBS ersetzt. Damals bezweifelten viele Medienkritiker, dass der aus Texas stammende Reporter die Fußstapfen seines Vorgängers ausfüllen könne. Rather wurde 1962 Chef des Südwest-Büros des Senders. Am 22. November 1963 lief er in Dallas als Reporter mit dem Autokorso des Präsidenten John F. Kennedy mit und wurde Zeuge des tödlichen Attentats.

Der Live-Bericht von der Elm Street machte ihn zwar über Nacht zum Nachrichtenstar, sorgte aber auch wegen einiger Aufgeregtheiten und Unregelmäßigkeiten zeit seiner Karriere für Spott und Häme. Rather galt als liberaler Hitzkopf, der sich auch zu Polemik hinreißen ließ. Während der Watergate-Affäre legte er sich in einer Pressekonferenz mit Präsident Richard Nixon an, 1988 warf er dem damaligen Vizepräsidenten George Bush in einem Interview an den Kopf: "Sie haben uns zu Heuchlern in den Augen der Weltöffentlichkeit gemacht."

Dennoch konnte Rather an die Quotenerfolge Cronkites anknüpfen und verhalf den "CBS Evening News" bis 1989 zu Spitzenquoten. Inzwischen jedoch landet CBS üblicherweise auf dem dritten Platz hinter "NBC Nightly News" und "ABC World News Tonight". Auch zuletzt tat sich Rather noch als Top-Journlist hervor. Vor dem Beginn der Invasion im Irak führte er ein Interview mit Saddam Hussein, was in den US-Medien als Scoop gewertet wurde; auch über die Folterungen in dem irakischen Gefängnis Abu Ghureib berichtete Rather als einer der ersten TV-Journalisten.

"Einzigartige Leistung im Fernsehjournalismus"

CBS-Chef Leslie Moonves würdigte Rather in einer offiziellen Mitteilung als wertvollen Mitarbeiter: "Er spielte eine entscheidende Rolle dabei, die amerikanische Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten". Rathers 24-jähriger Dienst bei CBS sei "der längste Lauf eines Nachrichtenchefs in der Geschichte und eine einzigartige Leistung im Fernsehjournalismus."

Rathers letzte Sendung wird am 9. März 2005 ausgestrahlt werden - exakt 24 Jahre nach dem Tag, an dem er die "CBS Evening News" übernahm.



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